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Der Saarbrücker Künstler Jakob Hinrichs illustriert „Draußen vor der Tür“
„Das Papier muss man riechen können“

Jakob Hinrichs, der als Kind Comic-Klassiker wie „Asterix“, „Tim & Struppi“ und „Das Marsipulami“ las, an seinem Arbeitsplatz in Berlin.
Jakob Hinrichs, der als Kind Comic-Klassiker wie „Asterix“, „Tim & Struppi“ und „Das Marsipulami“ las, an seinem Arbeitsplatz in Berlin. FOTO: Iris Janke
Saarbrücken. Seine Comic-Adaption von Falladas „Trinker“ wurde hochgelobt und auch in Frankreich veröffentlicht. Jetzt hat der Zeichner Jakob Hinrichs aus Saarbrücken Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ illustriert. Ein Gespräch über das Werk, den digitalen Markt für Zeichnungen und die Schönheit des Gedruckten.     Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Wie oft er „Draußen vor der Tür“ gelesen hat? Das weiß Jakob Hinrichs nicht mehr. Aber oft, sehr oft. Er hat Wolfgang Borcherts Klassiker von 1946 in einer neuen Ausgabe  illustriert, den Text gesetzt, den gesamten Band gestaltet. „Da geht man mikroskopisch in den Text rein, Wort für Wort.“ 2016 hatte Hinrichs, 1977 in Saarbrücken geboren, eine vielbeachtete, auch in Frankreich veröffentlichte Comic-­Adaption von Hans Falladas Roman „Der Trinker“ gezeichnet – die war auch der Anstoß für „Draußen vor der Tür“, das erste Projekt des Verlags Walde + Graf. Neu-Verleger Peter Graf hatte mit Hinrichs beim Metrolit-Verlag am „Trinker“ gearbeitet, danach setzte man sich zusammen und kam auf Borchert als erstes Buch des jungen Verlags. „Borchert hat mich schon immer interessiert“, sagt Hinrichs, „Graf hat ‚Draußen vor der Tür‘ vorgeschlagen – und dann ging alles sehr schnell.“ Im Frühjahr 2017 fing Hinrichs an zu recherchieren, erzählt er, erst ab Herbst 2017 zeichnete er, jetzt ist das Buch da.


Um die 20 ganzseitige und zehn kleinere Illustrationen geleiten durch die todtraurige Geschichte eines Kriegsheimkehrers, der keinen Platz in der Gesellschaft mehr findet, an ihr abprallt und sich aufreibt. Hinrichs’ Bilder, mit ihrem groben Strich, der eigenwilligen Farbgebung, den verzerrten Perspektiven verströmen eine Atmosphäre des Beklemmenden, des Bedrohlichen; Text und Bild verbinden sich sich auf das Eindrücklichste.

Alle Freiheiten hatte Hinrichs dabei, erzählt er. Vorab hatte er sich mit dem Verleger  bloß auf das kompakte Din A 5 Format geeinigt und auf einen „schönen Rhythmus aus Text und Bildern, der durch das Buch führt“. Inspirationen für die Illustrationen waren meist besonders präg­nante Textstellen. An der Traumsequenz mit bestürzenden Bild-Ideen wie einem Xylophon aus Knochen „kommt man als Zeichner kaum vorbei“, sagt Hinrichs. Wichtig war ihm vor allem, „dass die Bilder im Jetzt ankommen, dass sie nicht die reine Illustration einer Stimmungslage von 1946 sind“. Sie sollen den  Leser „auch in die Gegenwart führen und ein Spiegel  unserer heutigen Gesellschaft und des politischen Geschehens sein“. Eine Zeitungsschlagzeile in einem Bild lautet etwa „400 Tote im Mittelmeer“, es gibt einen Wegweiser in Richtung Aleppo. „Das sind Momente, in denen einem klar wird, dass es nicht nur um den Zweiten Weltkrieg geht, sondern auch um die Gegenwart.“



Bei seiner „Trinker“-­Adaption hatte Hinrichs Biografisches aus dem Leben des Autors Fallada eingearbeitet, hier ist es anders, „Borchert als Person steckt da nicht drin“, auch wenn Hinrichs sogar den Text theoretisch hätte verändern können. Denn das Copyright für „Draußen vor der Tür“ ist erloschen, das Stück ist damit „gemeinfrei“, und Hinrichs hätte nach Gutdünken verändern können –  was er keinesfalls wollte.  Ihm ging es um die Illustrierung und die Gesamtgestaltung, die ihre Tücken hatte: Am Textsatz, an der Verteilung der Absätze, an den jeweiligen Abständen hat er „recht lange gesessen“; auch ein passendes Schriftbild war  schwer zu finden. „Ich habe als Zeichner ja einen recht starken schwarzen Strich, und in der Typografie muss das Buchstabengewicht mithalten können, sonst wird die Schrift  von den Bildern weggeknallt.“ Nicht zu fein oder subtil sollte sie aussehen. Die Entwürfe für die Illustrationen zeichnete Hinrichs in der Originalgröße der späteren Buchseite, „damit die Komposition und die Detaildichte für die Buchseite passen“, die Kolorierungen nahm er dann digital am PC vor.

Seit 1998 lebt Hinrichs in Berlin. Der Saarbrücker hatte sich zuvor auch an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) beworben, hätte sich auch auf deren „kleinen Campus und die familiäre Atmosphäre“ gefreut. Dann aber kam die Zusage von der Universität der Künste in Berlin, „der Ruf der großen Stadt“, wie er sagt. Seit dem Studium arbeitet er in der großen Stadt vor allem als Illustrator: Seine Zeichnungen erschienen unter anderem in der „New York Times“, in der „Washington Post“, im „Guardian“, in der „Neuen Zürcher Zeitung“ – und auch im gerade eingestellten „Neon“. An Hochschulen in Berlin, Bristol und Mainz hat er schon Kurse gegeben, plant diese Lehrtätigkeit aber nicht als Lebensunterhalt ein – vom Zeichnen kann der Familienvater leben. Leicht planbar sei das nicht, „aber es kommt immer etwas Interessantes auf mich zu“. Dass es gerade den Zeitungen schon einmal besser ging, spürt er nicht direkt an der Auftragslage, eher an der manchmal schwindenden Bereitschaft, adäquate Honorare zu zahlen. „Umso wichtiger ist es für alle Zeichnerinnen und Zeichner, dass man sich nicht gegenseitig unterbietet, sondern klar macht, wie viel Arbeit in so einer Zeichnung steckt.“

Hinrichs, dessen Arbeiten gerade in Oldenburg in der Comic-Ausstellung „Die neunte Kunst“ zu sehen sind (bis 6. Mai),  glaubt, dass das Interesse an Illustration und Gezeichnetem  in den vergangenen zehn Jahren gestiegen ist. „Und gerade in der E-Book-Ära finden Leute wieder Freude an einem gut gemachten Buch, mit gutem Papier, mit gutem Druck und gutem Umschlag – da gibt es einen Markt.“ Für Hinrichs ist gerade der Druck „eine wunderbare Sichtbarmachung eines Werks – das Internet ist da weniger haptisch“. Sein „Draußen vor der Tür“ war entsprechend nie als E-Book geplant – man müsse die Farbe und das Papier riechen,  die Glanzlackierung auf dem Umschlag sehen und befühlen können, sagt Hinrichs. „Außerdem ist das Buch in vier Sonderfarben gedruckt, die man für Bildschirme digital schwerlich reproduzieren kann – digital knallen die Farben nicht so.“

Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür. Illustriert von Jakob Hinrichs. Walde + Graf, 124 Seiten, 18 Euro.
Informationen im Internet: walde-graf.de und illustration.jakobhinrichs.com  

"Draußen vor der Tür"
"Draußen vor der Tür" FOTO: Verlag Walde & Graf
Eine Zeichnung von Jakob Hinrichs, der ebenso George Grosz wie Otto Dix, Tomi Ungerer wie Ulli Lust schätzt.    
Eine Zeichnung von Jakob Hinrichs, der ebenso George Grosz wie Otto Dix, Tomi Ungerer wie Ulli Lust schätzt.    FOTO: Jakob Hinrichs