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Ausstellungen
Das Museum in der Hosentasche

Gewissermaßen der König von Instagram ist Wolfgang Tillmans. Der deutsche Fotokünstler hat rund 120 000 Abonnenten und dokumentiert die Gegenwart unter www.instagram.com/wolfgang_tillmans/?hl=de.
Gewissermaßen der König von Instagram ist Wolfgang Tillmans. Der deutsche Fotokünstler hat rund 120 000 Abonnenten und dokumentiert die Gegenwart unter www.instagram.com/wolfgang_tillmans/?hl=de. FOTO: dpa / Georgios Kefalas
Düsseldor. Auf der Fotoplattform Instagram findet man viele arrivierte Künstler. Manche von ihnen fügen ihrem Werk dort einen neuen Aspekt hinzu, andere stellen sich einfach einem jüngeren Publikum vor. Ein virtueller Rundgang.

Instagram ist zuletzt ein bisschen in Verruf geraten, weil dort angeblich alle bloß ihr Essen fotografieren. Jeder fühle sich plötzlich als Künstler, nur weil er ein Smartphone halten könne, heißt es. Über die „shitty Digitalästhetik“ schimpft denn auch der Fotograf Juergen Teller. Und die Zeitung „Die Welt“ bezeichnete die Plattform, die allein in Deutschland rund 15 Millionen Nutzer hat, als „kaputteste App der Welt“. Sie zerstöre das Lebensglück der Menschen durch dessen permanente Verbildlichung.


Man kann es allerdings auch anders sehen: Instagram ist eine Kunstgalerie für die Hosentasche. Vor allem für Fotokunst ist das soziale Medium ein Paradies, und tatsächlich haben sich in den vergangenen Monaten einige Persönlichkeiten dem Netzwerk angeschlossen, von denen man das nicht unbedingt erwartet hätte. Nan Goldin und Cindy Sherman etwa.

Goldin hat ihre berühmte, zwischen 1980 und 1986 entstandene Fotoserie „Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit“ aus privaten Aufnahmen von Freunden und Bekannten zusammengestellt. Mancher sieht ihr Werk als Vorläufer jener Ästhetik, die nun bei Instagram gepflegt wird: Schnappschüsse von großer Unmittelbarkeit, Zeitdokumente, vorgebliche Wahrhaftigkeit. Goldin hat zwar stets behauptet, es gebe bereits zu viele Fotografen auf der Welt. Trotzdem postet sie seit ein paar Wochen bei Instagram, und wie radikal sie das Medium nutzt, weiß man seit den Weihnachtstagen: Da lud sie ein Foto von einem Fläschchen des Schmerzmittels Oxycontin hoch, nach dem sie lange süchtig war. Die Opioid-Krise breitet sich in den USA ja gerade wie eine Epidemie aus, und Goldin appelliert an den Pharmakonzern Purdue, nicht länger Museen wie das Guggenheim und den Louvre zu unterstützen, sondern in Suchtberatung und -behandlung zu investieren. Die Familie Sackler, die hinter Purdue steht, ist für ihr Mäzenatentum bekannt.



Gewissermaßen der König von Instagram ist Wolfgang Tillmans. Der in Remscheid geborene Fotokünstler hat rund 120 000 Abonnenten und dokumentiert die Gegenwart. Er denkt politisch und engagiert sich mit Fotos und in Bildunterschriften gegen Trump und dafür, wählen zu gehen. Seine Plakate, die er vor der Bundestagswahl postete, wurden viel geteilt. Er fügt seinem Werk bei Instagram einen weiteren Aspekt hinzu, er schreibt es im Internet fort.

Besonders schön ist es, arrivierten Künstlern dabei zuzusehen, wie sie mit dem Medium herumprobieren. Stephen Shore etwa, 70 Jahre alter Pionier der Farbfotografie, führt auf Instagram seit knapp drei Jahren Tagebuch. Zunächst gab es Zweifel daran, ob der Künstler die Bilder wirklich selbst hochlädt, aber in Interviews bestätigte er die Urheberschaft. So sieht man seine Frau, sein Haus – er öffnet gleichsam sein digitales Skizzenbuch und liest angeblich sogar die Kommentare unter den Postings, wie er dem Kunstmagazin „Monopol“ verriet. Er verhält sich im Grunde so, wie er sich einst verhielt, als Polaroids neu waren. „Warhol hätte seine Freude an Instagram gehabt“, sagt Shore.

Für bekannte Fotografen birgt Instagram die Möglichkeit zu experimentieren, mit der Technik zu spielen: Man nehme nur Cindy Sherman, die ganz offensichtlich Freude an digitalen Stickern und Beauty-Apps wie „YouCam Makeup“ hat. Zum anderen können sie sich einem neuen Publikum vorstellen: Viele Nutzer dürften etwa die Arbeiten von Joel Meyerowitz (79) erst durch seinen Instagram-Account kennengelernt haben. Seine Bilder aus den 1970er Jahren fügen sich dort nahtlos ein. Die Farben und die Ästhetik passen perfekt zu diesem Ort. Man könnte sagen, Meyerowitz aktualisiert sein Oeuvre über Instagram.

Ist vielleicht doch gar nicht so verkehrt, diese App.