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Literatur
Das Kollektiv der Verlierer

Autor Arno Geiger, 2005 wurde er für „Es geht uns gut“ mit dem Deutschen Buchpreis prämiert.
Autor Arno Geiger, 2005 wurde er für „Es geht uns gut“ mit dem Deutschen Buchpreis prämiert. FOTO: Jens Kalaene / dpa
Saarbrücken. Arno Geiger führt uns in seinem einfühlsamen Roman „Unter der Drachenwand“ ins Kriegsjahr 1944.

Mein Oberschenkel: der war nun wirklich ein merkwürdiges Kapitel.“ Der das aufschreibt, ist Veit Kolbe, 24, in Wien aufgewachsen, Wehrmachtssoldat und Kriegsverletzter. In Wahrheit stammt der Satz mit dem komischen Vergleich eines Körperteils als Kapitel natürlich von Arno Geiger, einem der sprachlich versiertesten zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftsteller. Geiger, der in Wien lebt und spätestens seit seinem Roman „Schöne Freunde“ (2002) ein Begriff ist, versenkt sich in seinem neuen Buch in eine Jungmännerfigur, zu der dieser holprige Satz passt.



Veit Kolbe wurde ein Bein durchschossen, ein Kiefer gebrochen und er wird von Angstattacken geplagt. Der Lkw-Fahrer an der Ostfront hat Unglaubliches gesehen und erlebt, das hat seine Jugend aufgefressen. In Mondsee, einem Ort nahe Salzburg am Fuß eines riesigen Gebirgsmassivs (der so genannten Drachenwand), wird der Verwundete behandelt, aber für seine Seele gibt es keine Medizin. Das therapeutische Tagebuchschreiben hilft Veit ein wenig, aber der Schmerz darüber, dass seine Jugend verloren ist und vielleicht auch seine Zukunft, quält den Traumatisierten. Er bekommt Beruhigungsmittel, aber wirkliche Beruhigung bieten sie nicht.

Arno Geiger, 49, beschreibt in seinem neuen Buch das Weltkriegsjahr 1944, in dem der Untergang des NS-Regimes beginnt. Das ist meisterlich verfasst, denn Geiger hat nicht nur seinen Protagonisten Veit Kolbe, sondern auch eine Reihe von Erzählstimmen parat, die alle davon berichten, wie es schlechter und noch schlechter wird. Der Krieg hat sich längst auch auf die Zivilgesellschaft ausgewalzt, niemand wird mehr verschont. Jetzt kommt es auf das Beharren der Einzelnen an, das wird erzählt. Dem Titel des Romans ist schon die Bedrohung eingeschrieben. Zwar ist die „albtraumhaft hingestellte Drachenwand“, wie Veit festhält, auch ein gewisser Schutz. Aber nicht mehr, wenn das Unheil sich über die Menschen in Mondsee ausbreitet.

Schicksale werden von Arno Geiger parallelisiert, das nahende Kriegsende betrifft die hitlergläubige Quartierfrau, bei der Veit ein Zimmer hat, ebenso wie ihn und seinen Onkel, der in Mondsee als Polizist wirkt. Und es betrifft auch Margot aus Darmstadt, die es mit ihrem Baby hierher verschlagen hat und in die sich Veit verliebt. Von den Wirren der Zeitläufte heimgesucht wird auch ein in die scheinbare Idylle landverschicktes Mädchen, das eines Tages verschwunden ist. Damit nicht genug, berichtet der Roman noch dazu aus dem Alltag in Wien, von den Verwirrungen und Verheerungen, die der untergehende Faschismus mit sich bringt. Geiger fügt alle seine Figuren zusammen zum Kollektiv der Verlierer. Am Ende des Jahres besinnt sich die Heeresführung auch auf Veit, der, einigermaßen genesen, nun per „Beorderung“ aus Wien damit rechnen muss, zum Endkampf eingezogen zu werden.

Geiger gelingt es, die widersprüchlichen Gefühle seiner Figuren herauszuschälen. Da ist der jüdische Zahntechniker in Wien, der seinen Sohn gerade mit einem Kindertransport nach Großbritannien bringen ließ, dann aber mit seiner Frau ausgerechnet nach Budapest fliehen will. Und da sind die rührenden Briefe eines 17 Jahre alten Wiener Schülers, der seiner evakuierten Freundin berichtet, wie er sich in der immer stärker vom Feind bedrohten Heimatstadt fühlt. Stimmen des Krieges in seiner finalen Phase prägen den Roman und bilden einen vielstimmigen Chor, der uns mitten in das fürchterliche Jahr 1944 hineinversetzt.



Trotz aller Gräuel geht das Leben weiter, auch das Lieben. Es wird denunziert, es gibt Verhaftungen, zwei Tote, schließlich Chaos im Ort – aber die Sehnsucht nach Normalität hält an. Im Anhang listet Arno Geiger auf, was aus seinen Figuren geworden ist. Er hat sie aus dokumentarischem Material entwickelt, aus der historischen Realität im Finale des schlimmsten aller Kriege. Das kann man in keinem Geschichtsbuch finden, dazu braucht es die Literatur.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand. Hanser, 480 Seiten, 26 €.