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Ausstellungen
Die Frau des Blauen Reiters

„Haus in Schwabing“ (1911) in stürzenden Linien: Das Museum Ludwig versucht Gabriele Münter mit seiner vom Münchner Lenbachhaus  übernommenen Schau in ein neues Licht zu rücken.
„Haus in Schwabing“ (1911) in stürzenden Linien: Das Museum Ludwig versucht Gabriele Münter mit seiner vom Münchner Lenbachhaus  übernommenen Schau in ein neues Licht zu rücken.
Köln. Kuratorisch nicht ganz überzeugend: Das Museum Ludwig in Köln zeigt Gabriele Münter als eigenständige Künstlerpersönlichkeit. Von Welf Grombacher

Nicht mal 14 Jahre lebte Gabriele Münter mit Wassily Kandinsky zusammen. In seinem Schatten stand sie ein Leben lang. Übel abserviert hat sie der große Egomane, für den jede Beschränkung ein „wirkliches Leiden“ war, wie er einmal sagte. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, ging er zurück nach Russland. Sein Eheversprechen hatte er einfach vergessen. Immer seltener wurden seine Briefe. Sogar eine Suchmeldung beim Roten Kreuz gab die verlassene Verlobte auf. Dass Kandinsky sich derweil mit einer anderen tröstete und die 1917 geheiratet hatte, erfuhr Gabriele Münter erst Jahre später.


Das Museum Ludwig in Köln will Gabriele Münter (1877-1962) jetzt aus dem übermächtigen Schatten Kandinskys herausrücken und zeigt sie als eigenständige Künstlerpersönlichkeit. Mit 120 Werken rückt Kuratorin Rita Kersting sie in der vom Lenbachhaus in München übernommenen Ausstellung „Malen ohne Umschweife“ in ein neues Licht. Die erste große Retrospektive seit Jahren soll es sein. Trotzdem sucht man Hauptwerke wie „Wind und Wolken“ (1910) oder „Gabriele Münter Jawlensky und Werefkin“ (1909) vergebens. Überhaupt stammen die meisten Bilder aus den Beständen des Lenbachhauses und der dort beheimateten Gabriele Münter- und Johannes-Eichner-Stiftung. Der Beitrag des Museums Ludwig, so scheint es, reduziert sich darauf, dass die Wände, auf denen die Bilder gehängt sind, das Farbschema des Münter-Hauses in Murnau übernehmen, welches die Malerin zusammen mit Kandinsky einst ausmalte.

Unbestritten ist der Rang, der Gabriele Münter in der Kunstgeschichte zusteht. Sie ist neben Marianne von Werefkin „die Frau des Blauen Reiters“, dieser 1911 in München gegründeten Künstlergruppe, der Franz Marc, Alexej von Jawlensky und eben Kandinsky angehörten. Aber sie besitzt auch ein Leben nach dem Blauen Reiter. 1877 in Berlin geboren, in Herford, Oyenhausen und Koblenz aufgewachsen, geht sie als 20-Jährige in die Welt. Studiert in Düsseldorf und München an Privaten Schulen, weil sie an den Kunstakademien als Frau nicht zugelassen ist. In der Phalanx-Schule lernt sie 1902 ihren Lehrer Kandinsky kennen und verliebt sich in den verheirateten Mann. Der besucht sie bald zur „Privatkorrektur“ im Hotel, nennt sie „Ella“ und „Ellaken“. Sie ihn „Was“ oder „Kaninchen“. In wilder Ehe ziehen sie durch die Welt. Nach Paris, Tunis und ins bayrische Murnau, wo sie sich ein Häuschen mieten, das später als „Russenhaus“ in die Geschichte eingeht.



Freunde kommen sie dort besuchen – etwa Franz Marc, „der immer eine Überraschung dabei hat“, zum Beispiel „einen Frosch“, schreibt sie in einem ihrer Briefe. Glückliche Jahre. Münter wird nach dem kriegsbedingten Exil in Stockholm und Kopenhagen in das Häuschen zurückkehren. Ohne Kandinsky. „Mit meiner Kunst geht es mir als alleinstehender Frau auch dreckig“, schreibt sie 1922. „Dass ich zu den Pionieren der neuen Kunst gehört habe, ist längst vergessen. Die mit und hinter mir standen, sind jetzt lauter Berühmtheiten, ich bin aus allem heraus – eine von tausend malenden Frauen.“ Bis zum Tod lebt Münter in Murnau.

In Themenbereiche wie Landschaft, Porträt oder Abstraktion ist die Ausstellung untergliedert. Da dadurch Gemälde aus unterschiedlichen Schaffensperioden nebeneinanderhängen, wird offenbar, dass Gabriele Münter zeitlebens eine Suchende war und vielfältige Ausdrucksformen ausprobierte. Mal orientiert sie sich an den Postimpressionisten, dann an den Fauves und immer wieder an Kandinsky. Bei den abstrakten Bildern wird das besonders deutlich, die sie 1914 und 1915 malte und dann wieder in den 1950er Jahren. Während sie zunächst noch von einem Ausgangspunkt in einem figürlichen Motiv wie beim Gemälde „Im Café“ ausgeht, löst sie sich später ganz von der Realität, so dass die Bilder an die großen abstrakten „Kompositionen“ von Wassily Kandinsky denken lassen. Deren Ausgewogenheit aber erreichen Gabriele Münters abstrakte Werke nicht.

Ein Kuriosum sind Münters Fotos von ihrer Amerika-Reise (1898-1899) mit denen die Ausstellung beginnt. Sie sollen für den Beginn ihres künstlerischen Werdeganges stehen. Landarbeiter und Eisenbahnen sind zu sehen. Festgehalten in einem klaren Bildaufbau, der auch für die späteren Gemälde Münters typisch ist. Das viel größere Kuriosum allerdings ist, dass das Museum Ludwig in seiner sonst so exzellenten Expressionisten-Sammlung bisher kein einziges Bild von Gabriele Münter besessen hat. Immerhin das wird sich mit der Arbeit „Knabenkopf (Willi Blab)“ (1908) ändern, deren Ankauf erfolgen soll. Die Freunde des Wallraf-Richartz- und des Museums Ludwig sammeln schon emsig dafür. Das wird die Lücke der Sammlung zwar ebenso wenig schließen wie diese doch etwas lieblos übernommene Ausstellung aus München – ist aber immerhin ein Anfang.

Bis 13. Januar. Di bis So: 10 bis 18 Uhr.

Bildnis von Marianne von Werefkin (1909).
Bildnis von Marianne von Werefkin (1909).