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Das Kleid als Trommelfell

Saarbrücken. Borchardts „Der Hausbesuch“ begeistert als Hör-Erlebnis im Saarbrücker Kulturbahnhof. David Lemm

"Man würde sich gerne daran gewöhnen", lamentiert Rosie etwa in der Mitte des Stückes. Die "Frau Dr." hat zwar mit der Heirat des Ohrenspezialisten Dr. Büdesheimer einen gesellschaftlichen Aufstieg par excellence hingelegt, aber dennoch mangelt es ihr am emotionalen und geistigen Zuspruch ihres Gatten. Denn der liebe Gemahl ergeht sich allabendlich in kaskadenhaften Selbstbeweihräucherungen seines auralen Schaffens. Im Auge Büdesheimers verwandelt sich Rosies neues Kleid in ein Trommelfell, worüber der Doktor weitaus Fachkundigeres zu verlautbaren hat als über die Schönheit seiner Angetrauten. Die "verbrecherischen Gefühlshoheiten" seiner Frau sind ihm fremd, ein untrüglicher Beweis ihres "unfruchtbaren Intellektualismus".

Die von Yvonne Lachmann mit Verve in Szene gesetzten Monologe und Tiraden der verschiedenen Personen machen die großbürgerliche Borniertheit des Abwesenden eindrucksvoll erfahrbar. Und auch das Leid der vernachlässigten, anwesenden Rosie, für die der titelgebende "Hausbesuch" des von Büdesheimer nicht geschätzten Kollegen Freinsheim den Auftakt eines neuen Lebensabschnitts markiert.

Trotz der historischen Distanz - Borchardts Erzählung entstand 1925 - werden Rollenbilder und Geschlechterstereotype hinterfragt, die noch heute aktuell sind.

Bereits in seiner Zeit am Wiener Burgtheater wollte Jörg W. Gronius seine Neubearbeitung von Borchardts "Hausbesuch" inszenieren. Doch erst vor eineinhalb Jahren traf er im Saarländischen Künstlerhaus auf die ebenfalls zugezogene Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Yvonne Lachmann. Das in einer Woche auf die Beine gestellte Einfrau-Kammerspiel wurde vom Publikum mit viel Applaus goutiert und ist ein Höhepunkt im Programm des KuBa, der im Dezember zehntes Jubiläum feiern wird.