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Neuer Roman von Michael Ondaatje („Der englische Patient“)
Das Einsammeln der Überreste des Krieges

Saarbrücken. An diesem Wochenende erscheint „Kriegskind“, der neue, erneut glänzende Roman des Kanadiers Michael Ondaatje („Der englische Patient“). Von Ulrich Steinmetzger

Unter den Prosaautoren von Rang ist der Kanadier Michael Ondaatje einer der lyrischsten. Nie erzählt er eine Geschichte chronologisch, und schon gar nicht steuert er sie auf eine eindimensionale Wahrheit hin. Spätestens seit dem Roman „Der englische Patient“ von 1992 und seiner Verfilmung mit Ralph Fiennes, Juliette Binoche und Willem Dafoe im Jahr 1996 kennt man den inzwischen 74-Jährigen als einen, der die kunstvolle Verschränkung liebt. Um der Wahrheit überhaupt näher zu kommen, wechselt er Zeiten und Perspektiven, damit irgendeine ihrer Versionen eingekreist werden kann. Mehr geht nicht, denn es gibt keine Sicherheiten. Nirgends und niemals.


Das ist auch in seinem neuen, von Anna Leube wieder exzellent übertragenen Roman „Kriegslicht“ nicht anders. Und wieder fragt man sich, warum man einen in seinem Kern experimentellen Roman so fasziniert und mit solcher Leichtigkeit gelesen hat. Vielleicht sind seine so überraschenden Verknüpfungen von Ursache und Wirkung mittlerweile etwas einfacher konsumierbar geworden? Vielleicht. Doch auch im neuen Roman bleibt es ein Erzählen in Schnipseln; ein waches Registrieren von Beobachtungen, die immer wieder vermeintliche Gewissheiten auf den Kopf stellen und  bruchstückhafte Augenblicke aneinanderreihen.

Der Beginn des Romans könnte spektakulärer nicht sein. Im Nachkriegs-London des Jahres 1945 verlässt ein Elternpaar seine beiden Kinder, um für ein Jahr nach Singapur zu gehen. Um in der Fremde einen Karrieresprung zu wagen, übergeben sie die Geschwister einem, der wahrscheinlich kriminell ist. Für Nathaniel (14) und Rachel (16) beginnt ein neues Leben. Der Mann, dem sie nun anvertraut sind, ist scheu, bauernschlau und verschlossen. Geheimnisvoll und gefährlich ist er auch, dieser Kerl im dritten Stock, den sie den Falter nennen. Er interessiert sich nicht für ihr Schuleschwänzen, studiert die Häuser der Aristokratie und holt geschäftige Hitzköpfe links von der Labour Party ins Haus. Die kennen eine Menge ungenutzter Räume in der großen Stadt, die sie sich besonders nachts anverwandeln. Norman Marshall, genannt der Boxer, ist unter ihnen der schillerndste. Er kommt an bei illustren Frauen und wird für Nathaniel mindestens so etwas wie ein Ziehvater.



Irgendwann entdecken die zurückgelassenen Kinder im Keller den Überseekoffer der Mutter und wissen fortan, dass sie belogen wurden. Da ist zumindest Nathaniel längst fasziniert von der Halbwelt, die er inzwischen kennengelernt hat. Er arbeitet in Hotels als Liftboy und Geschirrspüler, schmuggelt mit dem Boxer illegale Kampfhunde, jobbt in einem Restaurant, wo er von den Kellnerinnen fasziniert ist im „ersten magischen Sommer meines Lebens“, im „Terrain zwischen Jugend und Erwachsensein“. Er lernt die aus einfachsten Verhältnissen stammende Agnes kennen und mit ihr nicht nur die körperliche Liebe, sondern auch so etwas wie Verantwortung. Der Einzelgänger flüchtet sich zu ihr, und die Nächte werden ihm zu Pforten in die Welt. Der Boxer unternimmt mit ihnen wundervolle Wochenendausflüge, die Agnes aus ihrem sozialen Milieu herausführen. Kein Problem, dass die Eltern länger als vereinbart ohne Nachricht wegbleiben. Kein Problem, dass sich ihm die an Epilepsie leidende Schwester zunehmend entfremdet. So könnte es weitergehen.

Doch dann: Schnitt und Schluss. Die Mutter lässt ihre Kinder entführen und fern von London eine Ausbildung machen. Mehr als ein Jahrzehnt später ist Nathaniel angestellt beim britischen Außenministerium. In den Archiven durchwühlt er Berge von Dossiers auf der Suche nach der Geschichte seiner Mutter. Im Krieg hatte sie für den Geheimdienst gearbeitet, nun ist sie ermordet und der Sohn auf ihrer Spur. Ondaatje zeigt sich in Höchstform, puzzelt die Teile eines Lebens zusammen und führt in glasklarer und höchst präziser Sprache vor, wie einer dank minutiöser Recherchen wieder so etwas wie Achtung, Verständnis und Respekt gewinnen kann. Jeder war mit jedem verfeindet in jenen Jahren, nun sammelt einer aus der nächsten Generation die Überreste des Krieges ein. „Kriege haben nichts Glorreiches“, und einer versteht langsam, wie und warum sich seine Mutter da hinein verstrickt hat und schuldig geworden ist.

Trennung, Einsamkeit, Fremdheit, Bindungslosigkeit – ein weiteres Mal variiert Ondaatje seine Themen. Er scheut die simplen Erkenntnisse, wenn er der Macht des Zufalls nachspürt. Auch sein neuer Roman ist ein Solitär. Mal sentimental, dann wieder brutal, stets um Essenzen bemüht, kraftvoll, detailscharf und seinen Figuren zugewandt – so entwickelt Ondaatje seinen poetischen Gegenentwurf zu unserer vorschnell nivellierenden Alleswisserei.

Michael Ondaatje: Kriegslicht. Aus dem Englischen von Anna Leube. Hanser, 320 Seiten, 24 €.