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Neuer Roman von Klaas Huizing
Oh Gott, Herr Pfarrer!

Karl Barth (links) war einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts und ein von vielen gefragter Gesprächspartner. Hier traf er sich 1962 mit Martin Luther King an der Princeton University in den USA.
Karl Barth (links) war einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts und ein von vielen gefragter Gesprächspartner. Hier traf er sich 1962 mit Martin Luther King an der Princeton University in den USA. FOTO: picture alliance/ASSOCIATED PRESS / AP Content
Saarbrücken. Vor 50 Jahren starb der große Kirchenlehrer Karl Barth, der lange mit zwei Frauen zusammenlebte. Klaas Huizing, selbst Theologie-Professor und Herausgeber des Saarbrücker Kulturmagazins „Opus“, hat dieses Leben „Zu dritt“ jetzt in einem bezwingenden Roman verdichtet. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

In jedem anständigen evangelischen Pfarrhaus beansprucht die „Kirchliche Dogmatik“ den Vorzeige-Platz im Buchregal. Gebunden in mönchisch-grauem Leinen, predigt der 13-bändige Brocken Gottes protestantischem Bodenpersonal, wie man den Herrn und seine Schöpfung zu sehen habe. Nicht bloß dieses wortmächtige Werk machte seinen Verfasser, Karl Barth, zum wohl einflussreichsten evangelischen Kirchenlehrer des 20. Jahrhunderts. 1886 in Basel schon als Theologen-Spross geboren war er war auch Mitbegründer der Bekennenden Kirche: Er bot Hitler die Stirn, als viele seiner Mitbrüder sich hinter den fürchterlichen „Reichsbischof“ Ludwig Müller scharten, ein früherer Marinepfarrer, der willfährig dem NS-Regime diente. Barth, der „rote“ Pfarrer, war aber 1915 bereits der Sozialdemokratischen Partei beigetreten; und seine Überzeugung hielt. Eine Lichtgestalt der evangelischen Kirche.


Zu vorgerückter Stunde allerdings wurde in so manchem Pfarrhaus, die Zunge vom restlichen Abendmahlswein gelockert, auch noch ganz anders über den Herrn Professor süffisiert. Jaja, der Barth und seine Frauen! Geradezu alttestamentarisch lebte der mit gleich zwei Damen unter einem Dach. Mit Nelly, seiner rechtmäßig Angetrauten. Schon als junger Hilfsprediger in Genf hatte er sie kennengelernt und – seid fruchtbar... – fünf Kinder gezeugt. Frau Nummer zwei war ihm Mitarbeiterin, unentbehrliches intellektuelles Korrektiv, aber auch über viele Jahre Liebesgefährtin: Charlotte von Kirschbaum. „Lollo“ rief Barth sie kosend; und wenn’s noch inniger wurde auch „Lollöchen“. Eine Ménage-á-trois, die für die drei beinahe ein halbes Leben lang währte. Mit täglich neuen Eifersuchtsdramen (aber auch Momenten des Großmuts und des Verzeihens), mit Zickenkrieg in allen Zimmern. Und einem ständig überforderten Gottesmann, der den Schlamassel – das Fleisch ist schwach – höchstselbst angerichtet hatte. Das Skandalon hielt an. Ob Barth nun in Münster, Bonn oder später in Basel lehrte, dem Fluchtpunkt vor den Nazis: Als Professor hatte er den „Diensteid auf den Führer“ verweigert. Und selbst als der große, gerühmte und vielfach geehrte Theologe nach Kriegsende im Namen des Herrn um die halbe Welt tourte, Martin Luther King und den Papst traf, riss das Tuscheln nie ganz ab.

Sowas liefert Stoff für einen Roman, den Klaas Huizing, endlich!, möchte man ausrufen, nun geschrieben hat. Einen Besseren dafür hätte man auch schwer finden können. Der Dichter (P.E.N.-Mitglied seit 1997), Philosoph und langjähriger Chefredakteur und Mit-Herausgeber des Saarbrücker Kulturmagazins „Opus“, lehrt schließlich selbst als Professor für Evangelische Theologie in Würzburg. In einem „großen Rausch“ habe er die „Kirchliche Dogmatik, die „KD“, im „heißen Sommer 1978“ quasi inhaliert, offenbart Huizing im Nachwort. Ein etwas überraschendes Rauschmittel für einen nicht mal 20-Jährigen. Süchtig hat’s ihn offenbar dennoch nicht gemacht; Barthianer wurde er nicht. Dafür rüttelt Huizing (parallel zum Roman hat er gleich noch eine biographische Annäherung an Karl Barth, „Gottes Genosse“ betitelt, zu Papier gebracht) mit zu großer Spitzbubenlust am Kirchendenkmal. Ungehemmt entfesselt er seine Fabulierlust, wenn er erdichtet, wie sein Kollege schamrotköpfig auf der „Herrentoilette“ Kondome aus dem Automaten zieht. Oder, noch unverhütet, beim Lotterspiel mit Lollo auf „verschlissenem Teppich“ ständig den „Skandal“ fürchtet. Oh Gott, Herr Pfarrer! Immerhin, der Mann des Geistes stellt sich doch „sehr geschickt“ beim Öffnen des „Büstenhalters aus feinstem Musselin“ an, im Dreiecksverhältnis aber verhakt er sich regelmäßig.



Huizing allerdings ist viel zu klug, zu gebildet, zu nobel auch, um Nelly, Lollo und ihrer beider Karl der Lächerlichkeit preiszugeben, aus dem Kontrast zwischem hehrem Sinn, großen Theologenworten und den diversen Alltagspeinlichkeiten schlägt Huizing doch reichlich Zunder und lädt die wechselnden Verhältnisse immer wieder neu erotisch und emotional auf. Sein komplexes Beziehungsepos komponiert er geradezu musikalisch. Mal schaut er durch Nellys, mal durch Lollos, mal mit Karls Augen auf deren Lebenswege, lässt die drei jeweils als Solisten auftreten, arrangiert aber auch Duette, Terzette und einen Chor der Barth-Kinder. Mal tönt es da in jauchzendem Liebes-Dur, mal sind es Klagearien, weil alle drei auch wie Hunde leiden. Nelly flieht sich in ihrer Not der an Leib und Geist Betrogenen in ihre Muttersprache Schwyzerdütsch, einen Sprachweg, den allein sie mit Karl teilt. Für Lollo, Tochter eines deutschen Generalmajors, der im Ersten Weltkrieg fiel, gleicht das einer Fremdsprache. Virtuos spielt Huizing da auch mit Kommunikationsebenen. Charlotte, die Adelstochter, die stärker und stärker eigenes Zweisamkeitsglück und Kinder mit Karl begehrt, legt – schon klischeehaft standesgemäß – eine Szene nach der anderen hin. Und bemuttert den jüngsten Sohn der Barths – als Ersatz für eigene Kinder. Was die Konfliktspirale weiter dreht.

Karl aber entscheidet sich nicht, ändert nichts, weil er ja beide Frauen braucht. Und eine Scheidung vielleicht noch skandalöser wäre. So bleibt es bei der „Notgemeinschaft“ – von der eigentlich nur einer, Karl Barth, profitiert. Trotz all der Gefühlsstürme im Inneren und des Weltenbrandes, der draußen tobt und sie zu Flüchtlingen aber auch Widerständlern macht, gedeiht aber die Arbeit an der „Kirchlichen Dogmatik“. Und Lollo entwächst zunehmend der engen Assistentinnen-Rolle, emanzipiert sich zumindest intellektuell. Barth und Von Kirschbaum finden wie These und Antithese zum gemeinsamen Werk zusammen. So markiert Huizing da auch unmissverständlich Von Kirschbaums Bedeutung für die „KD“, für die Arbeit, für die zu Unrecht nur der Name Barth steht.

En passant tuscht Klaas Huizing dabei auch mit Bravour Zeitkolorit hin, skizziert politisch, alltags-, zeit- und kirchengeschichtlich ungemein vieles, ohne sein Dreigestirn je aus dem Blick zu lassen, seinen Erzählstrom zu stauen. Manchmal glaubt man, Barth selbst reden zu hören, samt der kleinen Denkpausen, wenn der notorische Pfeifenraucher am Mundstück sog. Sein größtes Kunststück aber ist wohl, dass Huizing auch Nelly Barth gerecht wird, die neben dem geistig wie körperlich verbandelten Paar Karl und Lollo, lange zum Muttertier und zur Dulderin degradiert war, bis Karl, als Charlotte an Demenz erkrankt, wieder zu Nelly ins Bett zurückkriecht. Und sie ihn großmütig aufnimmt. Huizing widmet auch ihr, zurecht, seine ganze Aufmerksamkeit. So erzählt er natürlich von einem bedeutenden Mann. Aber auch von zwei beeindruckenden Frauen.

Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum. Klöpfer & Meyer Verlag, 400 Seiten, 18,99 Euro.

Autor, Journalist, Philosoph, Theologe und noch manches mehr, Klaas Huizing
Autor, Journalist, Philosoph, Theologe und noch manches mehr, Klaas Huizing FOTO: uwe bellhäuser
Buchcover zu dritt
Buchcover zu dritt FOTO: Verlag Klöpfer & Meyer / Klöpfer & Meyer