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Saarländisches Künstlerhaus
Worte in Richtung Tischkante


Clemens Meyer, der in Saarbrücken aus seinem Band „Die stillen Trabanten“ las.
Clemens Meyer, der in Saarbrücken aus seinem Band „Die stillen Trabanten“ las. FOTO: picture alliance / Erwin Elsner / dpa Picture-Alliance/Erwin Elsner
Saarbrücken. Schriftsteller Clemens Meyer las – aber nicht nur – im Saarländischen Künstlerhaus. Von Silvia Buss

2007 kam Clemens Meyer schon einmal nach Saarbrücken. Für sein Romandebüt „Als wir träumten“ von der Kritik  gerade als sensationelle Entdeckung gefeiert, las der aus Halle stammende Leipziger damals jedoch nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit, an der saarländischen Uni. Wer am Freitag darauf brannte, den inzwischen als „Meister der Kurzgeschichte“ Umjubelten lesen zu hören, aus seinem Erzählungsband „Die stillen Trabanten“, der musste sich gedulden – eine quälende Viertelstunde lang.


Denn im gut gefüllten Saarländischen Künstlerhaus präsentierte Meyer eine ungewohnte Form der Lesung. Hatte er sich doch in Gestalt des Autors und Kulturmanagers Claudius Nießen einen alten Kumpel als Verstärkung mitgebracht. Was ein interessantes Gespräch zwischen zwei Vertrauten hätte werden können, wirkte wie ein routiniertes Abfragen von Anekdoten und Informationen, die man größtenteils auch im Internet hätte finden können. Mit aufgesetztem Humor bemühte sich Nießen, eher Frontmann als Sidekick, krampfhaft um die Auflockerung der Atmosphäre.

Mag sein,  dass sich Meyer, der etwas nuschelnd seine Worte eher in die Tischplatte sprach,  vor Publikum unwohl fühlt. Als Zuschauer nahm man das Gespann wie hinter einer Glasscheibe wahr, so als betrachte man eines jener Youtube-Filmchen, in denen ein Duo im Fonds eines Autos – wesentlich entspannter – miteinander plaudert. Sicher, man erfuhr auch einiges, was noch nicht bei Wikipedia steht. Etwa dass Meyer, der auch Drehbücher schreibt, die Vorlage für einen „Tatort“ mit Ulrich Tukur verfasst hat, der gerade abgedreht ist, und zurzeit seinen Roman „Im Stein“ in eine Miniserie mit acht Folgen umarbeitet. Drehbuchschreiben halte einen als Schriftsteller zwar vom Kerngeschäft des literarischen Schreibens ab, doch angesichts der Buchbranchenkrise, die sich auch in sinkenden Vorschüssen für Autoren zeige, brächten sie „ein bisschen Cash“, sagte Meyer. Was erstaunt, da er  sein Studium am Leipziger Literaturinstitut mit Hilfsarbeiter-Jobs finanzieren musste und danach auch mit Hartz IV Erfahrungen machte, doch heute eigentlich finanziell keine Probleme haben dürfte.



Den Publikumsdrang zu Serien sieht Meyer mit „einem lachenden und einem weinenden Auge“, fürchtet er doch, dass sie die Aufmerksamkeitsspanne mindern. Wer habe dann noch die Ausdauer, drei, vier Stunden am Stück zu lesen und einen Roman erst in mehreren Wochen abzuschließen, gab er zu bedenken. So schnell das Gesprächstempo des Duos, so – wohltuend – entschleunigt die Kurzgeschichten, von denen Meyer zwei kurze Kostproben gab. Sofern er noch mal wieder kommt, wünscht man sich genau das und mehr davon: den Autor als Vorleser.