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Bonner Kirchner-Ausstellung
Der Eremit und die „edlen Wilden“

Kirchners „Akt vor dem Spiegel“ (1915/1920).
Kirchners „Akt vor dem Spiegel“ (1915/1920). FOTO: Galerie Henze & Ketterer (Wichtrach/Bern) / Galerie Henze & Ketterer
Bonn. Die Bonner Bundeskunsthalle widmet sich in einer sagenhaften Ausstellung Ernst Ludwig Kirchners „Erträumten Reisen“. Von Welf Grombacher

Ausgerechnet Ernst Ludwig Kirchner soll ein „Armstuhlreisender“ gewesen sein! Dieser Wilde, der 1906 im Programm der Brücke festschreiben ließ, dass die Kunst „unmittelbar und unverfälscht“ zu sein habe. Der vom Primitivismus der Naturvölker schwärmte und von der „Negerplastik“, wie man seinerzeit noch politisch inkorrekt zu sagen pflegte. Dieser Mann also hat sich nie aus Deutschland und der Schweiz hinausgewagt und all seine exotisch-farbenfrohen Gemälde nur erträumt?


Kaum zu glauben, aber wahr, wie jetzt eine sagenhafte Ausstellung in Bonn herausarbeitet. Schon wieder Kirchner, mag der ein oder die andere murren. Gab es nicht erst in Hamburg, München, Berlin, Frankfurt, Zürich und Stuttgart Ausstellungen, die sich dem Werk des Expressionisten widmeten? Stimmt! Aber keine war so schön wie die, die unter dem Titel „Erträumte Reisen“ in der Bundeskunsthalle gezeigt wird. Auf farbigen Wänden hängen da Glanzlichter wie sein „Sitzendes Mädchen“ (1910/20) aus dem Minneapolis Institute Of Art oder sein „Nacktes Mädchen hinter Vorhang“ (1910) aus dem Stedelijk Museum Amsterdam. Eine Explosion der Farben. 58 Gemälde, 72 Grafiken, 45 Fotos aus dem Besitz des Künstlers, Skizzenbücher, Wandteppiche und Skulpturen aus den großen Sammlungen in aller Welt hat Kuratorin Katharina Beisiegel mit ihrem Team zusammengetragen. Die Liste der Partner zeigt, was zu stemmen war: Sind an der Kooperation neben der Bundeskunsthalle doch das Art Center Basel, das Kirchner-Museum Davos und das Museum für Völkerkunde in Dresden beteiligt.

Während seine Malerkollegen Emil Nolde und Max Pechstein von der 1905 gegründeten Künstlervereinigung „Die Brücke“ auf den Spuren ihres Vorbilds Paul Gauguin 1913/14 wirklich in die Südsee reisten, besuchte Kirchner in Dresden die Varietés und die Völkerschauen im Zoologischen Garten, wo 1909 die Marquardtsche „Sudanesen-Karawane“ gastierte. Aus dem Zirkus Schumann holte er sich die farbigen Artisten Sam, Milly und Nelly ins Atelier, fotografierte und malte sie als „edle Wilde“, in denen er einen Gegenentwurf zur zivilisierten westlichen Welt sehen wollte. Die Mystifizierung einfachen Lebens war dabei immer größer als das Interesse an fremden Kulturen. In wohlsituierten Verhältnissen als Sohn eines Chemie-Professors in Chemnitz groß geworden, rebellierte Kirchner gegen akademische Malerei und Wilhelminismus und zelebrierte die neue Einheit von Leben und Kunst, wie sie die Naturvölker pflegten. Es war die Zeit der Lebensreformbewegung. Der Topos des „Wilden“ diente zur Abgrenzung. Kirchners antibürgerliche Auflehnung gegen die Welt der Spießbürger war Programm.



Anregungen holte er sich aus dem damals noch im Zwinger untergebrachten Völkerkundemuseum. Die Dresdner Vitrine mit den Bronzereliefplatten aus Benin, die Kirchner seinerzeit zeichnete, ist auch in Bonn zu sehen. Platziert vor großen Bildtapeten mit historischen Aufnahmen. Auch in die Atmosphäre seiner Dresdner und Berliner Ateliers, die Kirchner mit gebatikten Stoffen und Schnitzereien zu wahren Wohnhöhlen ausstaffierte, lässt sich durch Bildtapeten eintauchen und den Leopardenhocker aus Kamerun im Original bewundern, den er auf seinen Gemälden verewigte. 1910 sah Kirchner in der Galerie Arnold erstmals Bilder von Paul Gauguin im Original. Später wird er seine eigenen Gemälde vordatieren, um den Einfluss des Franzosen herunter zu spielen.

In drei Kapiteln folgt die Schau Kirchners Weltenflucht und zeigt, wie er von 1904 bis 1911 mit seinen Brücke-Kollegen an den Moritzburger Teichen, zwischen 1908 und 1914 im Urlaub auf der Insel Fehmarn und nach dem Ersten Weltkrieg und einem Sanatoriums-Aufenthalt ab 1918 in seinem Exil in Davos nach dem „einfachen Leben“ suchte. Kirchners Umgang mit afroamerikanischen und Kindermodellen spart das Kuratorenteam nicht aus, kommentiert ihn aber vorbildlich und ordnet ihn ein in seine Epoche. Allein auf Fehmarn malte Kirchner 120 Gemälde. „Ich habe dort Bilder gemalt von absoluter Reife, soweit ich es beurteilen kann. Ocker, blau, grün sind die Farben von Fehmarn, wundervolle Küstenbildung, manchmal von Südseereichtum, tolle Blumen mit fleischigen Stilen“, schreibt er im Brief an seinen Mäzen Gustav Schiefler. Die karge Ostseelandschaft wird auf Gemälden wie „Akte im Strandwald“ oder „Erna am Meer“ zum dichten Dschungel.

Herzstück der fantastischen Ausstellung aber ist das Bett, das Kirchner 1919 in seinem Davoser Bauernhaus „In den Lärchen“ seiner langjährigen Gefährtin und Ehefrau Erna nach kamerunischem Vorbild schnitzte. Es steht als Sinnbild für all die exotischen „Traumreisen“, zu denen er sich zeitlebens inspirieren ließ. Selbst noch in den flächigen Arbeiten seines durch Picasso und Picabia beeinflussten Spätwerks, mit dem die Ausstellung ausklingt. 1937 konfiszierten die Nazis Kirchners Werke und diffamierten sie als „entartet“. Im Jahr darauf am 15. Juni 1938 tötete sich der Maler selbst durch einen Pistolenschuss ins Herz.

Bis 3. März; Di, Mi: 10-21 Uhr, Do-So: 10-19 Uhr.