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Kritik am neuen Saar-Denkmalschutzgesetz
„Bürgerräte“ als bester Denkmalschutz?

Das St. Ingberter Eventhaus „Alte Schmelz“ ist Teil der denkmalgeschützten Wohn- und Arbeitssiedlung. Bürger verhinderten in den 90ern ihren Abriss.
Das St. Ingberter Eventhaus „Alte Schmelz“ ist Teil der denkmalgeschützten Wohn- und Arbeitssiedlung. Bürger verhinderten in den 90ern ihren Abriss. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken/St. Ingbert. Bis zur parlamentarischen Sommerpause soll das neue saarländische Denkmalschutzgesetz unter Dach und Fach sein. Nicht nur von der Opposition gibt es Kritik an der fehlenden Beteiligung der Kommunen. Auch Alfons Blug, einer der Köpfe der St. Ingberter Initiative Alte Schmelz, sieht Nachholbedarf. Blug wünscht sich im Sinne von mehr Basisdemokratie aktive „Bürgerräte“. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Zwölf Jahre wurde angekündigt, erwogen und beraten – nun aber ist die Neufassung des saarländischen Denkmalschutzgesetzes vor knapp drei Wochen in erster Lesung in den Landtag eingebracht worden. Und dürfte dort bald die parlamentarischen Hürden nehmen (wir berichteten). Einer der leicht übersehenen Knackpunkte der Novelle ist das Zusammenspiel von Kommunen und Denkmalbehörde. Der Gesetzentwurf belässt es bei dem Passus, wonach den Kommunen ein „Anhörungsrecht“ eingeräumt wird und das Landesdenkmalamt sie umgekehrt bei Bedarf auf dem Laufenden halten soll. Selbstverständlichkeiten eigentlich. Weil aus Kostengründen auf eine Wiedereinsetzung der Unteren Denkmalschutzbehörden auf kommunaler Ebene verzichtet worden ist – sie waren 2001 im Zuge der letzten Gesetzesnovelle aufgelöst worden – sollen die ministeriell berufenen „ehrenamtlichen Denkmalpfleger“ auf kommunaler Seite als Scharnier wirken. Nur: Können sie diese Aufgabe auch erfüllen?


Wer nach rühmlichen Beispielen bürgerschaftlichen Engagements im Denkmalschutz sucht, landet schnell bei der St. Ingberter „Initiative Alte Schmelz“. 2004 wurde die von einem bunten Haufen engagierter Bürger getragene Initiative für ihren Erhalt der ältesten Werksiedlung Südwestdeutschlands (mit der Möllerhalle von 1750 eines der ältesten hiesigen Industriedenkmäler enthaltend) vom Deutschen Nationalkomittee für Denkmalschutz mit dem wichtigsten deutschen Denkmalschutzpreis ausgezeichnet.

Alfons Blug (78), einer der langjährigen Köpfe der Initiative, erinnert daran, dass man Ende der 90er (als erstes Fanal wirkte seinerzeit 1997 ein Symposium unter dem Titel „Aufbruch statt Abbruch“) nach und nach erst „wieder ein Bewusstsein dafür wecken musste, dass die Industriestadt St. Ingbert hier ihren Ursprung hatte“. Am Ende, ist sich Blug heute sicher, sei die Rettung der Alten Schmelz nur möglich gewesen, weil man der Bevölkerung den kulturellen Wert der Siedlung in zahllosen Führungen und Veranstaltungen begreiflich machen konnte.

Blug ist gewissermaßen mit der Alten Schmelz verwachsen und dort heute noch aktiv. So unterstützt er maßgeblich ein von der Initiative vor Jahren angestoßenes Projekt, dessen Realisierung nun naht: Für zwölf Millionen Euro, finanziert aus Bundes- und Landesmitteln (Gelder aus dem städtebaulichen Denkmalschutz), soll auf der Alten Schmelz bis 2025 ein „MINT-Campus“ entstehen – ein Zentrum für Technik und Naturwissenschaften, an dem Kinder und Jugendliche in außerschulischen Laboren und Werkstätten selbst tüfteln und forschen. Mustergültig offenbart das MINT-Projekt, wie Esprit und Einsatz einer bürgerschaftlichen Ini­tiative fortwirken. Wie? Weil man es nicht bewenden ließ mit der Unterschutzstellung des Wohn- und Arbeits-Ensembles, sondern sinnvolle Folgenutzungen suchte.

Genau deshalb hadert einer wie Blug mit der nun auf den Weg gebrachten Denkmalschutznovelle im Saarland. Dass sich der Denkmalschutz in den Kommunen mehr oder minder im Einsetzen von Bürgerbeauftragten erschöpft, hält er für unzureichend. Vielmehr bedürfe es Bürgerräten vor Ort, die „im Sinne von Denkmalwerkstätten“ idealerweise Nutzungskonzepte von Denkmälern mit entwickeln könnten. Nicht von ungefähr erinnert das an das basisdemokratische Partizipationsmodell, das der Politikwissenschaftlier Claus Leggewie entwickelt hat. Ähnlich wie sich Leggewie von einem flächendeckenden Netz sogenannter „konsultativer Gremien“ eine Revitalisierung der Bürgergesellschaft verspricht, glaubt auch Blug, dass gesellschaftliche Belange nicht alleine an „Expertengremien“ delegiert werden dürften. Der Denkmalschutz, der heute weithin eher als Hemmnis denn als Wert begriffen werde, könnte, so zumindest Blugs St. Ingberter Erfahrungen, durch eine stärkere Einbindung der Bürger an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen. „Mir ist der ganze Meinungsbildungsprozess heute viel zu sehr amtlich geprägt“, sagt Blug. Eine allzu idealistische Sicht der Dinge? Ließen sich denn überhaupt ausreichend Mitstreiter finden in den Kommunen? Leute, die an der Sache und nicht an der eigenen Profilierung interessiert wären? Und endete nicht alles in dem, was man Neudeutsch „Particitainment“ nennt? Einem womöglich engagierten, letztlich aber meist folgenlosen Gerede, weil die Entscheidungsgewalt immer woanders liegt.



Von Seiten des Landesdenkmalamtes heißt es, man arbeite recht gut zusammen mit den rund 25 derzeitigen ehrenamtlichen Denkmalpflegern. Sagt Rupert Schreiber, der als Bau- und Kunstdenkmalpfleger von Amts wegen das westliche Saarland beackert. Entgegen des gängigen Klischees, die heutige Gesellschaft sei in erster Linie freizeitfixiert, sieht Schreiber hierzulande „mehr Leute in der Denkmalpflege aktiv als früher“. Seien es Fördervereine, die historische Friedhofsanlagen retteten oder passionierte Hobby-Bodendenkmalpfleger, die Grenzsteine erfassten. „Mehr Ortsnähe“ in der Denkmalpflege sei grundsätzlich schon wünschens­wert, konzediert Schreiber. Sieht aber auch die Gefahr, dass Selbstberufene im Stil von Hilfssheriffs agierten. „Eine Denkmal-Scharia bringt uns auch nicht weiter.“

Am Ende bleibt die Frage, ob es überhaupt Objekte gäbe, für die es im Sinne von Blugs Bürgerräten-Ideen zu streiten lohnte. Schreiber sieht sie derzeit nicht. Den Abbruch etwa von denkmalgeschützten Privathäusern zu verhindern, sei zwar ein ehrenvolles Anliegen. Faktisch aber dürfte Bürgerinitiativen schwerlich gelingen, was die öffentliche Hand im Zweifelsfall nicht verhindern könne. Alfons Blugs Ansatz bleibt dennoch diskussionswürdig: Denn was könnte besser sein, als die Entwicklung von Denkmälern mit in die Hände einer interessierten Bürgerschaft zu legen?

Alfons Blug (78), der seit über 20 Jahren in der St. Ingberter „Initiative Alte Schmelz“ engagiert ist.
Alfons Blug (78), der seit über 20 Jahren in der St. Ingberter „Initiative Alte Schmelz“ engagiert ist. FOTO: Michael Hassdenteufel