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Romane aus Georgien
Spaziergänge durch ein georgisches Zeitalter

Saarbrücken. Buchmessen-Gastland Georgien: Archil Kikodzes Roman Von Harald Loch

  Auf dem Kindheitsfoto sind sie noch Freunde – durch dick und dünn. Das blieben sie auch als Erwachsene jahrelang: Vor dem Skelett eines Südelefanten am Eingang des Archäologischen Museums Tbilissi posieren beide vor der väterlichen Kamera: Tazo und der Ich-Erzähler. Archil Kikodze (46) hat seinen in Georgien preisgekrönten Roman nach diesem frühen Bewohner des Landes genannt. Er steht für die vielen Schichten im heimatlichen Boden, die „Der Südelefant“ bloßlegt.


Tazos Vater und die Mutter des Ich-Erzählers waren Archäologen. Das mit Glück erfüllte Foto vor dem Skelett ist Geschichte: Seit Jahren haben sich die Freunde nicht mehr gesehen. Jetzt hat sich Tazo überraschend angesagt. Er möchte eine Frau in der Wohnung des Erzählers empfangen. Der streift kurzerhand einen ganzen Tag meist ziellos durch Tbilissi. Und nimmt uns mit auf seinem Weg, teilt Erinnerungen und Anekdoten. Seine Geschichten sind herzwärmend. Der innere Monolog folgt beobachtenden Reportagen, gekonnten Dialogen, reiner Erzählung. Seinen Helden lässt Kikodze durch die Hauptstadt flanieren, ein Märchenbuch der Regionen aufschlagen und die jüngste Vergangenheit Georgiens nach ihrer Bedeutung befragen. Dazu gehört die heimtückische Ermordung des Schriftstellers Micheil Dschawachischwili durch Beria, den späteren Geheimdienchef der Sowjetunion.

Im Mittelpunkt aber stehen menschliche Beziehungen, stehen Tbilissi und Georgien, die Natur und die vom Ich-Erzähler verlassene Welt des Kinos. Sein einziger Film war mit Preisen überhäuft worden. Dann übernahm er für einen tragischen Unfall bei Dreharbeiten die Verantwortung. Auch Tazo plagen Schuldgefühle am Tod eines Menschen. Die Erinnerung an die frühere Freundschaft zu Tazo und deren Verlust durchziehen den ganzen Roman. Immer wieder durchziehen Lebensweisheiten wie Metaphern für eine bessere Welt den Text und geben ihm ein essayistisches Gepräge. So schichten sich Zeitalter übereinander und verdichten sich zu einem schönen Roman, der zeigt, wozu große Literatur fähig ist.



Archil Kikodze: Der Südelefant. Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner, Ullstein, 272 S., 22 Euro.