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Weltkulturerbe Völklinger Hütte
Boltanski gestaltet Völklinger Mahnmal

Völklingen. Das Weltkulturerbe hat den Franzosen Christian Boltanski, einen Star der internationalen Kunstszene, für eine Installation zur Erinnerung an die NS-Zwangsarbeiter in der stillgelegten Hütte gewonnen. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Man nennt ihn einen Erinnerungskünstler. Christian Boltanskis Themen sind Tod, Vergänglichkeit und Verschwinden, seine Kunst ringt mit der Problematik von Bewahren und Vergessen. Sein jüdischer Vater entkam in Paris nur knapp den Nazis. Kurz nach der Befreiung von Paris, am 6. September 1944, kam Boltanski zur Welt.


Insofern hat der Weltkulturerbe-Chef Meinrad Maria Grewenig wohl erst mal recht, wenn er feststellt, Boltanski – einer der herausragenden Künstler Frankreichs – habe eine besondere Affinität zum Thema NS-Verbrechen und sei prädestiniert, um ein Mahnmal für die NS-Zwangsarbeiter in der Völklinger Hütte zu gestalten. Ob Boltanski auch der weltweit beste Künstler für diese Aufgabe ist, wie Grewenig behauptet, muss die Kraft seiner Arbeit beweisen. Bereits im Spätherbst soll die Installation, ein „Archiv der Zwangsarbeit“, fertig sein. Wie die SZ bereits vor Kurzem berichtete, ermöglichen nur persönliche Spenden der Familie Röchling die Realisierung des Denkmals. Es wird eine hohe sechsstellige Summe kosten und soll an zentraler Stelle im Unesco-Besucherzentrum der Hütte platziert werden. Wie die SZ vorab erfuhr, wird Boltanski dieser Tage zur Vertragsunterzeichnung in Völklingen erwartet. Er reist aus Paris an, wo er lebt.

Mit der Verpflichtung Boltanskis, eines Künstlers von Weltrang, ist dem Weltkulturerbe-Direktor zweifelsohne ein Coup gelungen, mit dem er die Hütte zusätzlich zum Segment der UrbanArt als einen Kunstort profiliert. Auf Nachfrage sagte Grewenig gestern der SZ: „Nur ein Künstlername mit einer großen Reputation wie der von Boltanski ist dem Thema Zwangsarbeit an einem so besonderen Ort wie der Hütte angemessen. Ich kenne keinen zweiten Künstler, der das Thema Erinnerung mit einer solchen Intensität angeht und mit einer solchen Bravour bewältigt.“

Boltanskis Werke sind in den international wichtigsten Museen vertreten, etwa in der Londoner Tate oder dem Centre Pompidou in Paris. Er war drei Mal auf der Kasseler Documenta vertreten und gestaltete 2011 den Französischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. 2006 bekam er den „Praemium Imperiale“, den „Nobelpreis“ der Künste. Der Franzose arbeitet vorzugsweise mit vermeintlich wertlosen Besitzstücken Verstorbener, etwa mit Klassenfotos oder ausrangierten Kleidern. 200 000 davon schichtete er 2011 im Pariser Grand Palais in einer viel beachteten Installation zu einer gigantischen Pyramide auf („Personnes“). Für sein „Archiv des Herzens“ auf einer japanischen Insel sammelte Boltanski Herztöne von 70 000 Menschen. Ob etwas Kunst sei, interessiere ihn nicht, sagte der Konzeptkünstler einmal in einem Interview mit der „Zeit“. Er wolle „starke Gefühle“ erzeugen.

Genau dies, eine nicht nur intellektuelle, sondern „eine bewegende  Begegnung“ mit dem Thema NS-Verbrechen soll Boltanskis Völklinger Mahnmal nach dem Willen des Weltkulturerbe-Chefs ermöglichen.