| 20:56 Uhr

Neue Konzepte für Bibliotheken
Bibliotheken ohne Bibliothekare, ein neues Erfolgsmodell?

Hannover/Norderstedt. In Hamburg, Hannover, Bielefeld und Norderstedt können Leser ihre Bücherei auch ohne Personal nutzen – und die Bibliotheken ihre Öffnungszeiten ausweiten. Von Joachim Göres

In der Biblio­thek in den Regalen stöbern, im Internet surfen oder Medien abgeben und ausleihen, wenn dort niemand arbeitet – in Hannovers Stadtteil List bietet die öffentliche Bücherei seit vergangenen September diesen Service an. Neben den regulären Öffnungszeiten mit Personal (wöchentlich 32 Stunden) können dort Leser an 20 zusätzlichen Stunden pro Woche mit ihrem Chipkarten-Leseausweis die Türen öffnen und die Räumlichkeiten nutzen.



Auf eine Auskunft durch Bibliothekarinnen müssen sie in dieser Zeit verzichten. Ein unter dem Titel „Open Library“ in Dänemark weit verbreitetes Modell, das deutschlandweit erstmals 2014 in Hamburg gestartet wurde und nach Norderstedt sowie Bielefeld nun auch in Hannover ausprobiert wird.

Carola Schelle-Wolff, Direktorin der Stadtbibliothek Hannover, zieht nach den ersten vier Monaten ein positives Fazit: Der von einigen Skeptikern befürchtete Vandalismus sei ausgeblieben, 1400 Besuche in der personallosen Zeit zeigten das Interesse an diesem besonderen Angebot, das seit Jahresbeginn zeitlich um vier Stunden in der Woche ausgeweitet wurde. Besonders am sonst geschlossenen Mittwoch sowie am Samstagnachmittag nutzten viele Leser die Bücherei auf eigene Faust. Dafür benötigen sie einen gültigen Bibliotheksausweis, den man unter einen Scanner am Eingang hält sowie eine vierstellige Pinnummer, die jeder Leser erhält, der online Bücher ausleiht. Zudem müssen Nutzer der Open Library mindestens 15 Jahre alt sein.

Schelle-Wolff rechnet nicht unbedingt mit neuen Lesern oder mehr Ausleihen, die in den öffentlichen Bibliotheken von Hannover wie in den meisten anderen Städten zurückgehen. „Bibliotheken sind heute als Arbeitsorte für Schüler sowie für Ehrenamtliche und ihre Sprachschüler immer wichtiger. Das führt dazu, dass immer häufiger die Arbeitsplätze bei uns besetzt sind. Durch die Ausweitung der Zeiten wollen wir dieses Problem lösen.“

Pläne für ein ähnliches Projekt in der Berliner Stadtteilbücherei Kladow scheiterten am Widerstand des dortigen Personalrats, der auf lange Sicht den Abbau von Stellen befürchtete. Mit Blick auf Hannover versucht Schelle-Wolff zu beruhigen: „Die Öffnungszeiten mit Personal werden bei uns ja nicht gekürzt. In einer Dienstvereinbarung ist das festgeschrieben.“



Macht sich das Fachpersonal dennoch nicht auf Dauer freiwillig überflüssig? „Viele Leser suchen im Internet Antworten auf einfache Fragen und kommen damit seltener zu uns. Gleichzeitig wächst der Bedarf für eine gezielte Beratung. Wer wissen will, welche Bücher zum Thema Tod für Kinder geeignet sind, für den ist das Internet keine Alternative zu einer Beratung in der Bibliothek“, sagt Schelle-Wolff.

Wer sich allein in der 35 000 Medien zählenden Bibliothek List aufhält, wird darauf hingewiesen, dass Kameras die Besucher filmen  – die Aufnahmen sollen nur bei Beschädigungen ausgewertet und später gelöscht werden. Nach einer einjährigen Testphase könnte laut Schelle-Wolff die jetzt bis 20 Uhr mögliche Nutzung um eine Stunde verlängert werden. Eine Öffnung auch am Sonntag sei derzeit kein Thema. Die Einführung des Open-Library-Modells werde derzeit in vielen Großstädten diskutiert. 

In Norderstedt in Schleswig-Holstein ist die Stadtteil-Bücherei Glashütte für 30 000 Euro mit neuer Technik ausgestattet worden, damit Nutzer über die normalen Zeiten hinaus die Bibliothek auch ohne Personal nutzen können. Für den Leiter Ingo Tschepe ist das Ziel klar: „Die Bibliothek ist Teil des öffentlichen Raumes, der so oft wie möglich zu nutzen sein soll. Für uns ist nicht entscheidend, dass die Ausleihzahlen steigen, sondern dass wir neue Nutzer erreichen.“

Damit deutet Tscheppe einen Unterschied zu Dänemark an: Beim nördlichen Nachbarn sind nämlich zwei Drittel der Bevölkerung registrierte Bibliotheksbenutzer, in Deutschland liegt dieser Anteil bei nicht Mal zehn Prozent.