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Bibliotheken im Saarland
Bibliotheken und ihre Unterversorgung

Ein Blick in die Stadtbibliothek Saarbrücken, die etwa beim Lizenz-Erwerb mit anderen Bibliotheken zusammenarbeitet, um Kosten zu sparen.
Ein Blick in die Stadtbibliothek Saarbrücken, die etwa beim Lizenz-Erwerb mit anderen Bibliotheken zusammenarbeitet, um Kosten zu sparen. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Die öffentlichen Bibliotheken im Saarland haben einige Probleme. Von denen berichtete Gerald Schleiwies, der Leiter der Saarbrücker Stadtbibliothek, im Kulturausschuss der Stadt. Er plädiert für mehr Zusammenarbeit und hat auch einen Plan. Von Silvia Buss

Hört man, was Gerald Schleiwies dieser Tage im Saarbrücker Kulturausschuss berichtet hat, dann wird klar, dass bei den öffentlichen Bibliotheken im Saarland einiges im Argen liegt. Doch der neue Leiter der Saarbrücker Stadtbibliothek ist keiner, der meckert und anklagt. Dazu ist er viel zu diplomatisch und konstruktiv. Er sinnt auf Lösungen, wo bisher noch gar keiner das Problem wahrgenommen, geschweige denn öffentlich gemacht hatte.


So erfuhr man durch Schleiwies in der Sitzung des Kulturausschusses etwa, dass das saarländische Bildungsministerium demnächst die Finanzierung des Projekts „OnleiheSaar“ einstellen wird. Die Onleihe ermöglicht es Bibliotheksnutzern, E-Books und andere digitale Medien von zu Hause aus auszuleihen und herunterzuladen. Die Förderung des Ministeriums, das die Hälfte der Kosten übernimmt, sollte nur als Anschubfinanzierung für das Projekt dienen. Doch nach rund fünf Jahren befindet sich die OnleiheSaar noch immer im „Projektstatus“, sagt Schleiwies. Sprich: Sie ist nicht nachhaltig abgesichert. Außerdem beteiligen sich nur neun saarländische Stadtbibliotheken an dem Projekt.

„Wir hätten gern ein paar mehr“, sagte Schleiwies und fügte einen kleinen Exkurs über die Bibliothekenausstattung des Landes an. Dort gibt es 15 hauptamtlich geführte kommunale Bibliotheken, dazu zwölf neben- oder ehrenamtlich geführte sowie 30 kirchliche Bibliotheken mit unterschiedlichen Förderungen. Das bedeutet: Nur 60 Prozent der saarländischen Bevölkerung werden von hauptamtlichen Kommunal-Bibliotheken versorgt, zwölf Prozent von nebenamtlichen und 28 Prozent von kleinen kirchlichen. Letztere seien wirklich klein und „digital komplett unversorgt“. Was wiederum bedeutet: „Wohnen Sie in einer Stadt, so haben Sie die Möglichkeit, an digitalen Verbünden teilzunehmen. Wohnen Sie auf dem Land, dann fällt das Stadt-Land-Gefälle auf Sie zurück“.



Den kleineren kommunalen Bibliotheken im Saarland droht zudem demnächst noch ein weiterer Verlust. Mit dem Service-Angebot „Lit-Express“ konnten sie für ihre Nutzer bisher (gedruckte, nicht digitale) Bücher im „kleinen Leihverkehr“ auch aus Bibliotheken bis nach Rheinland-Pfalz bestellen. Doch Rheinland-Pfalz stellt den Lit-Express zum Jahresende ein.

Ein weiteres Problem: Das Saarland, sagte Schleiwies, habe als einziges Bundesland keine (Landes-)Fachstelle für Büchereiwesen, denn die sei vor Jahren geschlossen worden. Und dann zählte er auf, was solche Fachstellen für die Bibliotheken alles leisten, im Saarland aber nicht. Dazu gehören etwa das Erstellen eines Bibliotheksentwicklungsplans, die Koordination regionaler und landesweiter Bibliotheksprojekte, die Unterstützung beim EDV- und Internet-Einsatz, Informationsdienste, das Bereitstellen von Medienbeständen und Themenkisten und die Kooperation mit europäischen Nachbarregionen.

Wenn die Bibliotheken von oben so allein gelassen werden, müssen sie sich von unten zusammenschließen. Schleiwies’Plan: Man wolle einen Verein der „Bibliotheken im Saarland“ gründen, erzählte er. „Man“, das sind er und seine drei Kollegen aus Neunkirchen, Merzig, St. Wendel, die sich zusammengesetzt haben, um ein Konzept auszuarbeiten. Als Verein seien die kommunalen Bibliotheken und OnleiheSaar-Beteiligten anders als jetzt förderfähig – auch durch das Ministerium – und könnten Drittmittel einwerben. Das Ministerium finde die Idee gut. Auch der saarländische Städte- und Gemeindetag, bei dem die Gruppe schon vorfühlte, sei davon angetan, erklärte Schleiwies. Ziel sei es, als Verein die OnleiheSaar zu erhalten und die digitalen Angebote auszubauen. „Da kommen wir nicht drumherum.“

Schon jetzt arbeiten die neun an der Onleihe beteiligten Bibliotheken beim Lizenz-Erwerb für die E-Books eng zusammen, um unnötige Kosten zu sparen. So erwirbt die Saarbrücker Stadtbibliothek für alle die Sachbücher und Zeitschriften, teilt sich mit Völklingen die Anschaffung digitaler Kinderbücher, während alle anderen Bibliotheken die Bellestristik übernehmen. Doch Schleiweis, der im Vorstand des deutschen Bibliothekenverbands für die Sektion der Städte mit 100 000 bis 400 000 Einwohner auch die Entwicklungen in anderen Regionen verfolgt, denkt schon weiter. Ihm schwebt langfristig ein gemeinsamer Bibliotheksausweis für alle kommunalen Bibliotheken im Saarland vor. Dann könnte etwa ein St. Ingberter, der in Neunkirchen arbeitet, mit seiner St. Ingberter Bibliothekskarte auch in Neunkirchen Bücher ausleihen.

Im Rhein-Main-Gebiet werde das mit „Metropolcard“ schon seit langem erfolgreich praktiziert. Dort haben mit Ludwigshafen und Mannheim zwei Bibliotheken, bundesländerübergreifend begonnen. „Heute sind das 33 Bibliotheken in drei Bundesländern, die mit einem Bibliotheksausweis arbeiten“, erzählte Schleiwies. Da sollte das doch auch mit zwölf oder 15 Bibliotheken in nur einem Bundesland zu schaffen sein. Doch bis Einführung eines gemeinsamen Ausweises wird wohl noch einiges Wasser die Saar hinunter fließen. Jetzt müssen Schleiwies und seine Kollegen erst einmal ihre jeweiligen Stadträte dafür gewinnen, dass die Kommunen als Träger der Stadtbibliotheken dem geplanten Bibliotheken-Verein beitreten.

Gerald Schleiwies, Leiter der Saarbrücker Stadtbibliothek.
Gerald Schleiwies, Leiter der Saarbrücker Stadtbibliothek. FOTO: Martin Rolshausen