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Ausgrabung eines fast vergessenen Meisterwerks

Saarbrücken. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis der in fast alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzte Debütroman von Charles Haldeman nun endlich auch auf Deutsch vorliegt. Wolf Scheller

Dass "The Sun's Attendant" zu den herausragenden Werken der Nachkriegsliteratur im 20. Jahrhundert gehört, stand bereits kurz nach seinem Erscheinen 1963 für die meisten Kritiker außer Frage. Umso merkwürdiger mutet es an, dass dieser Roman uns erst jetzt erreicht, obschon sein Inhalt viel zu tun hat mit der jüngeren deutschen Vergangenheit. Dabei hätte er gerade Anfang der 60er gut in die Zeit gepasst, als sich unter dem Eindruck des Frankfurter Auschwitz-Prozesses erste Anzeichen für ein allgemeineres Verständnis von Schuld und Sühne bemerkbar machten.


Der damals gerade mal 30-jährige Autor stammte aus einer jüdischen Familie mit deutschen Wurzeln. Wie sein Vater studierte auch Charles Haldeman nach dem Krieg mehrere Semester in Heidelberg, ging dann als Sprachlehrer nach Griechenland, wo er 1983 starb. Die Beweggründe, die zu seinem Roman führten, bleiben ebenso im Dunkeln wie die Frage, warum das Buch seinerzeit in der Bundesrepublik keine Lizenz bekam. Gewidmet hat er es der Witwe des jungen deutschen Dichters und Verlegers Rainer Maria Gerhardt (1927-1954), der sich in seiner Zeitschrift "Fragmente" für die aktuelle amerikanische Lyrik einsetzte, aber nicht nur Ezra Pound oder Robert Creeley druckte, sondern auch Arno Schmidt und Hans Magnus Enzensberger entdeckte. Gerhardt blieb die Anerkennung versagt, was ihn in den Selbstmord trieb.

Im Mittelpunkt von Hachmans Roman steht der aus einer Roma-Familie stammende junge Dichter Stefan Brückmann, der als 13-Jähriger nur mit viel Glück das Konzentrationslager überlebt, von einem US-Soldaten als Displaced Person adoptiert wird und nach dessen Tod nach Heidelberg und Paris geht. Im Paris der 50er schenkt ihm ein Freund - Immanuel de Bris - eine leere Kladde, in der er sein Leben dokumentieren soll. Hachman hat den Roman als Diptychon strukturiert, bestehend aus zwei Teilen - einem linken und einem rechten "Paneel", in der Mitte durch Scharniere miteinander verbunden nach Art einer einklappbaren Tafel. Die intensive Darstellung der Lebensverhältnisse im KZ oder der existenziellen Bedrohung, der sich eine Roma-Familie in den 30ern n ausgesetzt sah, vermeidet jedes Pathos. So bleibt Haldemans endlich wiederentdecktes Buch über die Suche eines "schicksalslosen" Roma nach seiner Identität in einem mörderischen Jahrhundert von faszinierender Modernität.

Charles Haldeman: Der Sonnenwächter. A. d. Amerik. von Egbert Hörmann und Uta Goridis. Metrolit Verlag. 335 S., 25 €.