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Rheinischer Expressionismus
August Macke lädt seine Freunde ein

Ein überdimensionales Selbstporträt Mackes grüßt von einer zwölf Meter hohen, gerasterten Glasfassade, die als Lärmschutz die kleine Gartenfläche von der Straße trennt. Der dreigeschossige Neubau wurde als L-förmiger Riegel neben dem einst freistehenden, spätklassizistischen Wohnhaus errichtet.
Ein überdimensionales Selbstporträt Mackes grüßt von einer zwölf Meter hohen, gerasterten Glasfassade, die als Lärmschutz die kleine Gartenfläche von der Straße trennt. Der dreigeschossige Neubau wurde als L-förmiger Riegel neben dem einst freistehenden, spätklassizistischen Wohnhaus errichtet. FOTO: Ulrich Traub
Bonn. Für gut sieben Millionen Euro hat das Bonner August-Macke-Haus einen Erweiterungsbau bekommen. Er bietet dem Museum deutlich mehr Spielräume, wie bereits die Eröffnungsschau zeigt. Von Ulrich Traub

Die Gegend, in der wir wohnen, hat viel Anreizendes. Mir ist dieser Teil der Stadt ganz außerordentlich lieb.“ Hundert Jahre später würde August Macke, der dies an seinen Künstlerfreund Franz Marc schrieb, wohl kaum zu einer solch positiven Einschätzung kommen. Liegt das Bonner August-Macke-Haus doch an der Kreuzung einer mehrspurigen Durchfahrtsstraße, wie es sie in jeder x-beliebigen deutschen Großstadt gibt. Doch ist es genau hier gelungen, ein architektonisches Ausrufezeichen zu setzen. Der dringend benötigte und lang ersehnte Erweiterungsbau des Künstlerhauses wurde jetzt nach zweieinhalbjähriger Bauzeit eröffnet.



Ein überdimensionales Selbstporträt Mackes grüßt von einer zwölf Meter hohen, gerasterten Glasfassade, die als Lärmschutz die kleine Gartenfläche von der Straße trennt. Der dreigeschossige Neubau wurde als L-förmiger Riegel neben dem einst freistehenden, spätklassizistischen Wohnhaus errichtet. „Er bietet uns die Möglichkeit zu Wechselausstellungen, während die neue Dauerausstellung im Altbau Leben und Werk Mackes beleuchtet“, freut sich Klara Drenker-Nagels, die Direktorin des Hauses. Räumliche Trennung und doch befruchtende Nähe.

„Ich wollte keine Konkurrenz zu Mackes Wohnhaus bauen“, erläutert Karl-Heinz Schommer. Das Beste am Neubau des Bonner Architekten ist denn auch seine Funktionalität. Auf architektonische Effektästhetik verzichtet der Bau ebenso wie auf historisierende Zitate. Er hat sich eher zurückhaltend im Durcheinander der urbanen Nachbarschaft eingefunden. Der Neubau, der zu größten Teilen von Bund und Land NRW finanziert wurde, ist mit 7,25 Millionen Euro weitgehend im Kostenrahmen geblieben. Er verdreifacht die frühere Fläche und bietet neben der Ausstellungsetage Bibliothek, Büros und Veranstaltungssaal, Café und Shop Platz.

Das käme dem Altbau zugute, erklärt die Direktorin. „Dort können wir uns jetzt ganz darauf konzentrieren, vom kurzen Leben August Mackes zu erzählen und die Rolle des Hauses zu beleuchten.“ Der gebürtige Sauerländer bewohnte es von 1911 an nicht nur mit seiner Familie, er arbeitete auch dort bis zu seinem Tod, der ihn als 27-Jähriger 1914 im 1. Weltkrieg ereilte. In seinem noch erhaltenen Atelier im Dachgeschoss ist der größte Teil des Werkes dieses bedeutenden Expressionisten entstanden. Umgeben von Arbeiten Mackes werden Einblicke ins Familien- und Künstlerleben offenbart, aber auch an kulturpolitische Aktivitäten wie die Organisation der Schau Rheinischer Expressionisten 1913 in Bonn erinnert.

Im Neubau des nun unter „Museum August Macke-Haus“ firmierenden Komplexes soll das künstlerische Werk in neue Kontexte gerückt werden. „Wir werden auch aktuelle Tendenzen miteinbeziehen, schließlich war Macke selbst Avantgardist“, blickt Klara Drenker-Nagels auf kommende Ausstellungen. Zum Auftakt wurden aber erst einmal „Macke und Freunde“ eingeladen. Bei dieser „Begegnung in Bildwelten“ trifft der Hausherr Blaue Reiter wie Franz Marc, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, Rheinische Expressionisten wie Heinrich Campendonk und Heinrich Nauen, Carlo Mense und Paul Adolf Seehaus. Auch begegnet er dort Kirchner, Klee und Delaunay.



Die rund 150 Arbeiten werden thematisch zusammengefasst. Theater- und Zirkusszenen stellten ein ebenso beliebtes Motiv dar wie Stillleben und Kinderbildnisse. Für Macke war vor allem seine Heimat ein beliebtes Thema. In den Fenster- und Gartenbildern äußert sich die positive Sicht des Künstlers auf sein Leben und die Welt. Er selbst bezeichnete seine Kunst als „Gesang von der Schönheit der Dinge“. Über die thematischen Künstlerdialoge hinaus ist es vor allem die Lust am Experiment, das Dehnen der Genregrenzen, das bis in die Abstraktion reichen konnte, das sich wie ein roter Faden durch die sechs Kabinette zieht und in einer Farbkomposition von 1913, der alles Gegenständliche ausgetrieben wurde, ihren Höhepunkt erreicht. Hier wird einmal mehr deutlich, welchen Verlust der frühe Tod des Künstlers darstellte.

Bis 4. März; Katalog 25 Euro. Infos
unter: www.august-macke-haus.de.