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Am Anfang war die Streichholzschachtel

Thomas Schüttes Ausstellungshalle wirkt selbst wie eine Skulptur. Foto: Ulrich Traub
Thomas Schüttes Ausstellungshalle wirkt selbst wie eine Skulptur. Foto: Ulrich Traub FOTO: Ulrich Traub
Neuss. In Nachbarschaft zum Museumsareal ,,Insel Hombroich" bei Neuss hat der bekannte Bildhauer Thomas Schütte eine Skulpturenhalle bauen lassen, um seine Exponate zu lagern und – nicht nur seine eigene Kunst – auszustellen. Ulrich Traub

Architektur hat den Bildhauer Thomas Schütte schon immer interessiert. Er hat ein "Studio in den Bergen" entworfen, ein "Casino" und ein "Krankenhaus". Sein Pavillon "Eis" wuchs für die Documenta 1987 zu begehbarer Größe an und das "Ferienhaus für Terroristen" ließ sich ein mutiger Privatmann bauen. An Schüttes Modelle für Museen hat sich dagegen noch kein Bauherr gewagt - bis jetzt. Mitten im rheinischen Rübenackerland, am Rande von Neuss, in Sichtweite des Düsseldorfer Fernsehturms, erweitert eine Skulpturenhalle, die nach den Entwürfen des Künstlers entstanden ist, einen Kunst-Ort, der in Deutschland seinesgleichen sucht.


Und der Bauherr? Das ist Thomas Schütte selbst. Er hat für den Bau, den das Düsseldorfer Architekturbüro RKW realisierte, eine Stiftung gegründet. Gekostet hat das Gesamtprojekt (mit Grünanlagen) 5,6 Millionen Euro. Mehrere Skulpturen musste der Künstler dafür verkaufen. Die neue Halle ist Bindeglied zwischen der Raketenstation, einer einstigen Nato-Basis, der Langen Foundation, die Tadao Ando konzipiert hat, und der Insel Hombroich, wo in den Auen des Flüsschens Erft Natur und Kunst (in den Häusern des Künstlers Erwin Heerich) auf harmonische Weise zueinander finden. Auf der Raketenstation wohnen und arbeiten Künstler - etwa im jüngst vollendeten "Haus für Musiker" des Architekten Raimund Abraham - oder präsentieren ihr Werk im Pavillon des Pritzker-Preisträgers Alvaro Siza. Alle Institutionen verdanken sich privater Initiative. Dem Beispiel ist Thomas Schütte gefolgt.

Nun bereichert ein Bauwerk dieses Ensemble, das entfernt an die Berliner Kongresshalle erinnert, die so genannte "schwangere Auster". Schütte spricht mit dem ihm eigenen Understatement davon, dass eine Streichholzschachtel mit einem darauf platzierten Kartoffelchip seine zündende Idee war. Doch statt rechter Winkel findet der Besucher einen komplett stützenfreien, ovalen Raum mit einem überkragenden, nach außen leicht gewölbten Dach. Im Zentrum der Halle, die auf einem aufgeschütteten Hügel thront, bietet ein runder Raum aus Anthrazit-Backsteinen intimere Ausstellungsmöglichkeiten. Den Charakter des Skulpturalen unterstützen die aufgesetzten, vertikalen Pappelholzlamellen, die die Fassade dynamisch strukturieren. Wer jetzt annimmt, dass der weltweit erfolgreiche Bildhauer die knapp 700 qm große Halle, die sich mit großen Fenstern zur Natur öffnet, zum Ausstellen und damit zur Wertsteigerung des eigenen Werkes errichten ließ, kennt Schütte schlecht. Der 61-Jährige will für Ordnung sorgen. Im gewaltigen Keller wird sein Werk gelagert und aufbereitet. Dass es immens umfangreich ist, liegt daran, dass Schütte nur etwa ein Viertel seiner Arbeiten für den Kunstmarkt freigibt. Er kann es sich leisten, sieht seine Werke zudem lieber in Museen ausgestellt als in privaten Räumen.

In der Halle, der ein kleines Gebäude (Kasse, Büro, Bibliothek) mit flossenartig aufragendem Lichtschacht für einen weiteren Ausstellungsraum zur Seite steht, sollen bedeutende Bildhauerpositionen das Programm bestimmen. Den Anfang macht der 2003 gestorbene Arte-Povera-Protagonist Mario Merz, im September wird Richard Deacon folgen. Wie auch die wenige Schritte entfernt stehenden Architekturskulpturen des Künstlers Per Kirkeby - eine bietet sogar Platz für das Museum für populäre Druckgrafik - ist auch aus Schüttes Entwurf ein Gebäude geworden, dem das Skulpturale bestens zu Gesichte steht. Der ausgeprägte Dialog zwischen Künstler und Architekten, von dem berichtet wird, hat sich ausgezahlt. Hombroich ist um eine Attraktion reicher.

Thomas Schütte, der bereits 1981 seine Arbeit "Mein Grab" zeigte - vorne persönlicher Grabstein, hinten Wartehäuschen -, erklärt in Interviews, dass er seinen Kindern kein Chaos hinterlassen wolle. Sie werden es ihm danken - und die Kunstwelt obendrein. Nachruhm garantiert.



Bis 14. August: Werke von Mario Merz. Ab 4. September: Skulpturen von Richard Deacon. Geöffnet Fr bis So: von

10-18 Uhr.