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„Afrika! Afrika!“-Show
„Ich kann es mir nicht leisten, Angst zu haben“

 Kein Manegenglanz und auch kein Netz und doppelter Boden: Das Training in der Zirkusschule in Addis Abeba ist hart und gefährlich. Doch die jungen Artisten ris­kieren viel: Mit einer Tournee in Europa können sie das Leben der ganzen Familie finanzieren.
Kein Manegenglanz und auch kein Netz und doppelter Boden: Das Training in der Zirkusschule in Addis Abeba ist hart und gefährlich. Doch die jungen Artisten ris­kieren viel: Mit einer Tournee in Europa können sie das Leben der ganzen Familie finanzieren. FOTO: Christoph Forsthoff
Saarbrücken/Addis Abeba. Am Sonntag, 17. März, gastiert die „Afrika! Afrika!“-Show in Saarbrücken. Wir haben die jungen Artisten bei ihrem harten Training in Äthiopien besucht. Von Christoph Forsthoff

„Die Show hat mein Leben verändert.“ Abiy Saleamlak Negashs dunkle Augen strahlen, als der schmale Teenager von seinen letztjährigen Auftritten erzählt: Fünf Monate lang war der Äthiopier 2018 mit dem circensischen Spektakel „Afrika! Afrika!“ in Europa unterwegs, ließ sich von den Füßen seines auf dem Rücken liegenden Partners Seife Desta Buser durch die Manegenlüfte wirbeln, schlug Saltos und Schrauben. „Ikarische Spiele“ des „Duo Happy“, die ob ihrer unglaublichen Akrobatik allabendlich Begeisterungsstürme im Publikum auslösten – kein Wunder, dass der 16-jährige Negash sich nur zu gern an die Tournee erinnert: „Es war großartig, in Europa zu arbeiten, denn dort ist alles gut.“


2005 hatte André Heller erstmals die besten Artisten eines ganzen Kontinents in die Manege geholt und war fast drei Jahre lang mit afrikanischen Akrobaten, Sängern, Tänzern und einer maurischen Zeltstadt durch europäische Metropolen gereist. Bis heute haben fast 4,5 Millionen Besucher die von leuchtenden Farben, betörenden Düften und mitreißenden Rhythmen erfüllte Show „Afrika! Afrika!“ des Wiener Universalkünstlers erlebt. Nun geht der Wanderzirkus vom „Kontinent des Staunens“ (Heller) erneut auf Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und macht am 17. März in Saarbrücken Station.

An diesem Vormittag im „Sheger Gymnastic & Circus Club“ in Addis Abeba indes ist wenig von der Farbenpracht zu sehen. Im Vorraum des nüchternen Baus steht ein alter Tischkicker, Jugendliche tummeln sich an einem verschlissenen Billardtisch. In der Sporthalle selbst hat die Lambert Circus Ethopia School ihre Zelte aufgeschlagen. Schweißgeruch liegt in der Luft: Kinder üben Flickflacks, Jugendliche proben mit Jonglage-Bällen und junge Männer kommen beim Bau ihrer Menschenpyramiden der Decke gefährlich nah.



An der Seite verfolgt Winston Ruddle aufmerksam die Kunststücke, spricht hier ein paar Worte mit einer Kontorsions-Artistin, dort mit einem Trapezturner: Der 51-Jährige ist als Talentscout für „Afrika! Afrika!“ unterwegs, bereist auf der Suche nach neuen Künstlern regelmäßig die mehr als 20 Zirkusschulen im ganzen Land. „Der Zirkus bieten den Menschen hier die Chance, der Armut zu entkommen“, sagt der ehemalige Clown. Nicht daheim, wo die Artisten allenfalls für ein Taschengeld auftreten, aber bei ihren Gastspielen in Europa, Asien oder den USA: „Einige der weltbesten Zirkuskünstler stammen aus Äthiopien – was sie auf ihren Tourneen verdienen, damit können sie daheim ihre ganze Familie unterstützen, Häuser bauen oder das Schulgeld für die Kinder bezahlen.“

So wie Abrham Woldehawaryat: Der 24-jährige Jongleur, der auf der Tour nun seine weißen Silikonbällchen durch die Luft wirbeln lassen wird, war als Kind einer der ersten Schüler Ruddles. „Als ich dann die Artistik zu meinem Beruf machen wollte, war mein Vater sehr skeptisch“ – Bedenken, die spätestens in dem Moment verflogen, als der Sohn auf einer viermonatigen Europatournee 250 Euro pro Abend verdiente. Das jährliche Durchschnittseinkommen in Äthiopien liegt bei rund 350 Euro. Und doch lebt der junge Mann nach wie vor im Haus seiner Eltern, sein zehn Quadratmeter großes Zimmer zieren ein Bob Marley-Poster und ein Marienbild über dem Bett, daneben ein wackliger Stuhl, ein altes Schuhbord und ein Tischchen mit seinen Jonglierutensilien. Wohlstand sieht anders aus, doch da vor den eigenen Wünschen erst einmal die Unterstützung der zahlreichen Verwandten steht, ist der soziale Aufstieg für viele Äthiopier schwierig, bleibt es meist bei einem Leben zwischen Wellblech und Wäscheleinen an der Haustür, kaputten Wegen und leeren Plastikflaschen am Straßenrand.

Welch ein Kontrast zu den verglasten Shopping Malls der 4,4 Millionen-Metropole Addis Abeba, wo sich die Filialen der Edel-Designer westlicher Herkunft aneinanderreihen. Eine Stadt, zwei Welten: Hier der Luxus, den sich kaum ein Farbiger leisten kann – dort die Slums, deren Lehm- und Wellblechhütten weder an Kanalisation noch an Elektrizität angeschlossen sind. Dazwischen Tausende kleiner Läden, Marktstände und Werkstätten. Samt der globalen Großstadtherausforderungen von vermüllten Bürgersteigen bis zu stinkenden Staus – auch die erste afrikanische Straßenbahn südlich der Sahara hat das alltägliche Verkehrschaos allenfalls ein wenig reduzieren können.

„Ja, wir haben in Äthiopien viele soziale und wirtschaftliche Probleme“, sagt Belete Abatiye Alemu von den „Flying Ethiopians“. Mittels des Koreanischen Schleuderbretts jagen sich die sieben Artisten der Gruppe gegenseitig durch die Lüfte: Nicht ungefährlich, denn Netz oder doppelten Boden gibt es in den Zirkusschulen ebenso wenig wie dicke Matten oder andere Sicherheitsvorkehrungen. Ein täglicher Tanz auf dem Drahtseil, der böse Folgen haben kann, wie auch Alemu schon schmerzhaft erfahren hat. Aus sechs Metern Höhe stürzte er bei Proben ungeschützt in die Tiefe und brach sich das Becken. „Doch ich kann es mir nicht leisten, Angst zu haben.“ Und so verdrängt der Akrobat die Gefahren wie auch die Erinnerung an jenen Kollegen, der bei solch einem Sturz ums Leben kam.

Geschichten, die auch Ruddle nur zu gut aus den Zirkusschulen kennt: „Es hat in der Vergangenheit viele Unfälle gegeben, nicht wenige Kinder sind bei solchen Trainingsunglücken gestorben“, erzählt der Mann mit dem kahlen Schädel. „Wenn du gut sein willst, ist das risikoreich – deshalb musst du als erstes lernen, wie du dich selbst beschützen kannst.“ Angstgefühle und Schreckensgedanken, die vergessen sein müssen, wenn abends in der Manege das Licht angeht und der neunköpfige Banquine Act der Wingate Acrobats menschliche Pyramiden vorbeisegeln lässt, die drei jungen Artistinnen der „African Trilogy“ die Zuschauer mit ihrer Hand-auf-Hand-Akrobatik staunen lassen oder das Publikum den Atem anhält, wenn Alemu durch die Luft fliegt.

Wie hat es Heller doch so poetisch formuliert: „Der Grundsatz lautet: Nicht aus Angst vor der Zukunft und aus Trauer über die Vergangenheit den gegenwärtigen Augenblick versäumen.“ Die Verheißung der Deutschlandtour im Blick sieht letzterer zumindest für diesen Moment auch für Alemu einfach nur nach dem großen Glück aus.

Gastspiel: Am 17. März, 19.30 Uhr, in der Saarlandhalle Saarbrücken, 19.30 Uhr. Karten unter Tel. (0681) 4 18 01 81.

 Schlangenfrau Mekdes Andarge bei ihrem Training in der Zirkusschule in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.
Schlangenfrau Mekdes Andarge bei ihrem Training in der Zirkusschule in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. FOTO: Christoph Forsthoff