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| 21:14 Uhr

Ophüls-Festival: 2. Langfilm-Wettbewerbstag
Abgründe, Anabolika, Abwärtsspiralen

Die hinreißende Eva Löbau in der Rolle der sich verzweifelt um einen Job bemühenden Alice in Lucia Chiarlas Film „Reise nach Jerusalem“.
Die hinreißende Eva Löbau in der Rolle der sich verzweifelt um einen Job bemühenden Alice in Lucia Chiarlas Film „Reise nach Jerusalem“. FOTO: Ralf Noack/Kess Film
Saarbrücken. Alle vier am Mittwoch anlaufenden Spielfilme im Wettbewerb können überzeugen – Lucia Chiarlas Prekariatsfilm „Reise nach Jerusalem“ aber sticht klar heraus. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Als er Vater wurde, ging Dominik Locher (35) erst mal in eine Muckibude, um seine Männlichkeit aufzurüsten. Dort fand er das Thema für seinen zweiten, vergangenen Sommer in Locarno uraufgeführten Spielfilm „Goliath“ (heute: 19.45 Uhr, CS 3; Do: 14 Uhr, CS 1; Fr: 12.15 Uhr, CS 5; Fr: 17.45 Uhr, FH; So: 11 Uhr, CS 2): Identitätsfindung per Muskelmasse. Ein Stück weit arbeitet der Schweizer darin also die eigene Beschützterinstinktnummer ab: Erzählt wird von David und Jessy, die nicht nur ihr werdendes Kind aus der Bahn wirft, sondern auch eine Schlägerei, bei der David gekniffen und sein Ego so mächtig Schaden genommen hat. Also beginnt er sich einen Schutzpanzer anzutrainieren und Anabolika zu nehmen, die ihn immer aggressiver werden lassen.

 Wie Locher die verhängnisvolle Abwärtsspirale, in die David (den Sven Schelker eindringlich verkörpert) hineingerät und dabei Frau und Kind zu verlieren droht, nach und nach ankurbelt und zum Ende hin immer mehr in Richtung Eskalation überdreht, das wird szenisch ziemlich gekonnt eingelöst. Zuletzt aber kann auch Lochers beständig steigender Dramenpegel nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film sein Thema allzu eindimensional durchspielt. Als Aufklärungsfilm über Anabolika funktioniert er, aber nicht wirklich als Beziehungsstudie.

Vier nachhaltig beschädigte Lebensgeschichten fügt Sebastian Brauneis bitter-böser Episodenfilm „Zauberer“ (heute: 19.15 Uhr, CS 1; Do: 10 Uhr, CS 5; Do: 17.30 Uhr, CS 8; Fr: 22.15 Uhr, FH, So: 13.15 Uhr, CS 4) zu einem unheimlichen Reigen der Absonderlichkeiten zusammen. Wie diese vier Erzählstränge dabei ineinander greifen und einander bedingen, das ist stellenweise furios – sein Drehbuch entwickelte Brauneis mit dem in dieser Hinsicht versierten Schriftsteller Clemens Setz und dem im Film einen abgründigen Psychiater spielenden Schauspieler Nicholas Ofczarek. Wahrscheinlich laufen nur österreichische Filme so konsequent auf des Messers Schneide zwischen kältestem Realismus und makabrer Schwärze. Man weiß nie, welche Figur plötzlich in einen Abgrund gerät, in den sie andere mitreißt – ob der obsessive Psychiater und seine diabolische blinde Freundin oder die einen Jungen kidnappende Krankenschwester.

Und selbst die eher Integeren in diesem Kippfiguren-Karussel (eine sich für ihren im Wachkoma aufopfernde Mutter und ein Schüler, der sich gegenüber Telefonsexkunden als ein einem Tier gleich gefangenes Kind ausgibt) tragen noch so viele Wunden mit sich, das sie nicht als Zufluchtsinseln infragekommen. So versiert „Zauberer“ visuell (Kamera- und Lichtführung!) die geballte Düsternis dieser Wiener Einsamkeits­abordnung abspult, zuletzt scheitert Brauneis dann leider an der Auflösung seiner kunstvoll verwickelten Erzählfäden.

Mystery-Filme haben in Deutschland keine große Tradition. Umso erstaunlicher, dass mit „Jenseits des Spiegels“ von Nils Loof (heute: 22 Uhr, CS 1; Do: 15 Uhr, CS 5; Fr: 10.30 Uhr, CS 3; Sa: 19.30 Uhr, CS 5; So: 15.30 Uhr, CS 2) nun ein Horror-Film im Wettbewerb steht, der dann tatsächlich auch noch funktioniert. Für Genre-Erfahrene wohl eher Horror-Light, lehrt er uns andere ziemlich gekonnt das Fürchten. Julia zieht auf den Rat ihres Therapeuten mit Mann und Sohn nach dem blutigen Suizid ihrer schizophrenen Zwillingsschwester Jette auf den von dieser geerbten, einsam gelegenen Hof im äußersten Norddeutschland. Kaum eingezogen, deuten immer mehr Zeichen darauf hin, dass „irgendwas hier nicht stimmt“. Eine alte Sage aus der Gegend erzählt von einem Kaputzenmann, der Kinder dämonisiert haben soll. Als Julias Sohn in dem See fast ertrinkt, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Wie der Film seinen Schauplatz audiovisuell (Musik: Pit Przygodda, Kamera: Marius von Felbert) in kleinen Dosen immer bedrohlicher auflädt, sodass man als Zuschauer froh um jede überstandene Nacht ist, zeigt, dass Loof mit dem Schauer-Metier zu spielen versteht. Dass „Jenseits des Spiegels“ dazu auch eine originelle, wenngleich nicht wirklich plausible Auflösung gelingt, lässt über die allzu typenhafte Figurengestaltung hinwegsehen.

Ein herausragender Wettbewerbsbeitrag (nicht nur dieses zweiten Ophüls-Festivaltages) ist fraglos Lucia Chiarlas „Reise nach Jerusalem“ (heute: 19 Uhr, CS 4; Do: 14.45 Uhr, CS 8; Fr: 19.15 Uhr, CS 1; Sa: 22 Uhr, CS 5; So: 17.15 Uhr, CS 3). Ein Film, den man durchleidet – und das ist gut so. Weil er von äußerster gesellschaftlicher Relevanz ist und uns keine Möglichkeit gibt, dies noch länger übersehen zu wollen. Chiarlas nahezu perfekter Spielfilm – umso unglaublicher ist, dass dies ihr Debütfilm ist –  führt schonungslos vor, was es heute heißt, wider Willen arbeitslos zu sein und im großen gesellschaftlichen Anerkennungsspiel ausgemustert zu werden. Erzählt wird der schleichende Niedergang einer 39-jährigen Singlefrau und joblosen Online-Redakteurin, die unentwegt zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwebt und nach unzähligen Bewerbungskämpfen, Verstellungsnöten und immer neuen Nackenschlägen irgendwann vor dem persönlichen Ruin steht.

Grandios ist, wie Eva Löbau diese Zertrümmerung von Alices Leben verinnerlicht und in jeder Bewegung, jedem Blick zeigt – das Bröckeln ihrer mit Notlügen und Zweckoptimismus tagtäglich aufs Neue zusammengezimmerten Fassade. Und ebenso grandios ist, wie Lucia Chiarla, die auch das alle billigen Klischees vermeidende Drehbuch verfasst hat. „Reise nach Jerusalem“ ist als szenische Film-Partitur einer um ihr Überleben ringenden Prekariatsexistenz durchkomponiert. Wie ihre Ohnmacht Alice am Bankautomaten ausflippen lässt, wie sie einen Callboy mit Benzingutscheinen entlohnt, wie sie an der Ladenkasse ihre letzten Münzen zusammenkratzt oder wie sie vorm Spiegel ihre Bewerbungsfinten einstudiert – all das ist derart nuanciert und konsequent in Szene gesetzt, dass es schon mit dem Teufel zugehen müsste, ginge dieser bestechende Film am Samstag bei der Preisverleihung leer aus.

Schwangerschaft weckt Beschützerinstinkte: „Goliath“-Szene mit Jasna Fritzi Bauer & Sven Schelker.
Schwangerschaft weckt Beschützerinstinkte: „Goliath“-Szene mit Jasna Fritzi Bauer & Sven Schelker. FOTO: CognitoFilms