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Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse
Inseln zum Lesen, Oasen zum Schmökern

Das Büchermeer im Konzertsaal der Alten Evangelischen Kirche (v. l.): Die Geschwister Lasare und Eliso Lomtadze (beide in georgischer Tracht) und ihre Freundin Elene Naroushvili betreuen den Stand des Gastlandes Georgien.
Das Büchermeer im Konzertsaal der Alten Evangelischen Kirche (v. l.): Die Geschwister Lasare und Eliso Lomtadze (beide in georgischer Tracht) und ihre Freundin Elene Naroushvili betreuen den Stand des Gastlandes Georgien. FOTO: Kerstin Krämer
Saarbrücken. Diesmal nur halb so lang, aber ein voller Erfolg: 4000 Lesebegeisterte haben die 18. Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse am Wochenende besucht. Von Kerstin Krämer

Ein Herzensprojekt, ja Lebenswerk gibt man nicht einfach so auf. Wegen der schweren Erkrankung von Astrid Rech, Leiterin der Europäischen Kinder- und Jugendbuchmesse, sprang in diesem Jahr ihre Mutter Yvonne Rech kommissarisch in die Bresche. Sie ist die Initiatorin und langjährige Organisatorin der Messe und hatte die Programmgestaltung eigentlich komplett an ihre Tochter Astrid abgegeben. Für die 18. Ausgabe, die nun der Umstände halber von vier Tagen auf Samstag und Sonntag schrumpfte – wodurch der Besuch von Schulklassen komplett wegfiel – übernahm die fast Achtzigjährige jetzt erneut das Ruder. Denn Aufgeben gilt nicht. Im nächsten Jahr soll die Messe wieder vier Tage laufen.


„Wenn man einmal etwas zerfallen lässt, ist es sehr schwer, das wieder auf die Beine zu stellen“, mahnte die Vorstandsvorsitzende Doris Pack bei der Eröffnungsfeier am Samstagmorgen im Gemeindezentrum der Alten Evangelischen Kirche. Hier, in dem von der Hochschule für Musik Saar (HfM) genutzten Gebäudekomplex, hat die Buchmesse bereits im vergangenen Jahr ein neues Zuhause gefunden: Im Schloss mit dem angrenzenden VHS-Zentrum, zuletzt angestammtes Buchmesse-Domizil, sei wegen verschärfter Brandschutzbedingungen die Intimität verloren gegangen, erläutert Yvonne Rech.

Die mit dem Umzug einhergehende räumliche Verkleinerung bedingt nun zwar eine Komprimierung des Angebots: weniger Autoren und Illustratoren, weniger Lesungen, weniger Verlage, weniger Aussteller. Zugleich ist es aber auch transparenter, fokussierter geworden. Atmosphärisch, meint Rech, habe die Buchmesse bei dieser aus der Not geborenen Lösung, die zudem eine terminliche Verschiebung von Mai auf September nach sich zog, auf jeden Fall gewonnen. Auch wenn just an diesem Wochenende eine Baustelle den Eingang verhunzte und der Absperr-Zaun notdürftig mit Bannern zutapeziert war. Bunte Bänke rund um den Brunnen machten das wieder wett – schon am frühen Samstagnachmittag hatte sich der gesamte Cora Eppstein-Platz in eine sonnenverwöhnte Schmöker-Oase verwandelt.



Diese Klimaverbesserung, so die Seniorchefin, liege vor allem an der 2017 gestarteten Kooperation mit der HfM. Dadurch ergebe sich die Möglichkeit, fast alle Lesungen musikalisch zu begleiten. „Das eröffnet ganz neue Formen der Lesung“, jubelt Rech. „Die Verbindung von Literatur und Musik ist schlicht kongenial!“ Ehrensache, dass auch die Eröffnungsfeier von der HfM mitgestaltet wurde. Jörg Abbing (Flügel) improvisierte mit zwei Studentinnen seiner Klasse (Katharina Lermen, Klarinette; Sonja Koch, Querflöte) zu projizierten Illustrationen des Bilderbuchs „Leopanther“ von Piótr und Józef Wilkon. Da wurde deutlich, was Rech meint: Die Musik verstärkte die Wirkung der Malerei und kurbelte ein emotionales Kopfkino an.

„Bücher bauen Brücken“, lautet das traditionelle Messemotto – Brücken zwischen Ländern, Menschen, Kulturen, Religionen. Angesichts der Krise Europas bezog die Messe nun noch deutlicher Stellung: „Alle reden von Wut und Hass. Wir reden von Freundschaft“, verwies Pack auf das diesjährige Schwerpunkt-Thema, mit dem die Messe dem Schüren diffuser Ängste entgegen wirken möchte. Lob für das grenzüberschreitende Engagement kam unter anderem von Saarbrückens Kulturdezernent Thomas Brück (Grüne). Er signalisierte auch für die Zukunft die Unterstützung der Landeshauptstadt, während HfM-Rektor Wolfgang Mayer die Stabilität der Kooperationsbrücke zusicherte.

Derweil hatten Kinder und Eltern bereits die angrenzende Kirche voller Bücher gestürmt. In einem kleinen, abgedunkelten Kellerraum, wo man sich auf Decken und Kissen aneinander kuschelte, lockte Bilderbuch-Kino. Den Treppenaufgang in die höheren Stockwerke, wo die Autoren Lena Hach und Christopher Tauber sowie Illustratorin Mirjam Zels auf Publikum warteten, schmückten bunte Holzbuchstaben. Und den Konzertsaal ganz oben flutete, unterhalb der Orgel, ein von der Buchhandlung Raueiser organisiertes Büchermeer mit thematisch geordneten Leseinseln. Zum Schmökern konnte man es sich auf Polster-bestückten Europaletten gemütlich machen. Eine Mutter zog indes die Stufen zur Bühne vor und veranstaltete für ihren Nachwuchs inmitten des Trubels entspannt ihre ganz private Vorlesestunde.