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Architektur-Biennale
28 Projekte, 28 Jahre deutsch-deutsche Mauer

Saarbrücken/Berlin/Venedig. Das Berliner Büro Graft erläutert sein Projekt für den Deutschen Pavillon der Architektur-Biennale.

28 Jahre stand zu DDR-Zeiten die Mauer, seit 28 Jahren ist sie nun verschwunden. Diese „Zeitengleiche“ stand als Idee und Klammer am Anfang des Projekts „Unbuilding Walls“ des Berliner Architekturbüros Graft, mit dem es im Mai den Deutschen Pavillon bei der Architektur-Biennale in Venedig (16. Mai bis 25. November) bespielen wird. Die für diese 28 Mauer- bzw. Nach-Mauerjahre stehenden 28 ausgewählten Projekte im einstigen Grenzgebiet zwischen Ost und West – davon 20 allein aus Berlin – sollen um die Frage kreisen, wie man architektonisch bzw. stadt- und landschaftsplanerisch mit dem Wegfall der deutsch-deutschen Mauer umgegangen ist. Viele der Grenzstreifen, zumal in Berlin, sind längst bebaut, während in der Provinz die Natur die Historie zum Teil wieder überwuchert hat oder der Eiserne Vorhang touristisch vermarktet wird als „Iron Curtain Trail“.


Kernidee des nun in Berlin präsentierten Projekts ist es laut Thomas Willemeit, einer der drei Graft-Köpfe, dass es länger dauere Mauern einzureißen als sie aufzubauen. Eine fast philosophische Aussage, über deren Gültigkeit zu diskutieren wäre. Denkt man etwa an Trumps Pläne für einen amerikanischen Schutzwall an der Grenze zu Mexiko oder vergegenwärtigt man sich, dass heute längst auch mit unsichtbaren, mit digitalen Mauern eine Zensur- und Abschottungspolitik betrieben wird, wie die Beispiele China und Nordkorea lehren.

Ob es mehr als ein Marketing-In­strument ist, dass das sehr hippe Berliner Büro Graft, Marianne Birtler (Ex-Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen) für Venedig mit ins Boot nimmt, wird abzuwarten sein (eine Ost-Quotenfrau neben drei West-Architekten). Die Architekten sind mittlerweile selbst der Regenbogenpresse ein Begriff, seit sie Brad Pitt vor Jahren eine Villa in Hollywood gebaut haben. Vor 20 Jahren in Los Angeles gegründet, sind Willemeit und seine beiden Partner Lars Krückeberg und Wolfram Putz heute eine echte Marke und so dick im Geschäft, dass sie mit ihren drei Büros in Berlin, Peking und Los Angeles weltweit bis zu 50 Projekte nebeneinander realisieren, wie unlängst zu lesen war. Eines davon steht seit Juli 2017 auch im Saarland: In Gonnesweiler hat das Büro Graft am Bostalsee die „Seezeitlodge“ gebaut – ein Vier-Sterne-Plus-Designerhotel vom Feinsten, das inzwischen weit über die Region hinaus Bekanntheit erlangt hat.



Was den Deutschen Pavillon in Venedig angeht, so hat Graft-Architekt Krückeberg gerade in einem Interview mit dem Deutschlandfunk daran erinnert, dass Biennale-Besucher im Schnitt drei Minuten in einem der Länderpavillons blieben. Das spricht dafür, dass sie ihr Mauerthema „emotionalisieren“ werden. Wer möchte, wird aber auch 28 Minuten (oder länger) bleiben können.

(cis)