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Kino Achteinhalb
„2001“ – Experiment im Weltraum

Eine der letzten und rätselhaftesten Szenen aus Stanley Kubricks „2001“: Nach einer Reise durch ein Sternentor findet sich ein Astronaut (Keir Dullea) in einem mysteriösen Zimmer wieder. Bei der Filmvorstellung am Freitag im Kino Achteinhalb wird Nils Daniel Peiler einiges dazu erklären.
Eine der letzten und rätselhaftesten Szenen aus Stanley Kubricks „2001“: Nach einer Reise durch ein Sternentor findet sich ein Astronaut (Keir Dullea) in einem mysteriösen Zimmer wieder. Bei der Filmvorstellung am Freitag im Kino Achteinhalb wird Nils Daniel Peiler einiges dazu erklären. FOTO: Warner
Saarbrücken. Der Saarbrücker Filmwissenschaftler Nils Daniel Peiler ist einer der Kuratoren der großen „2001“-Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum. Er stellt morgen sein „2001“-Buch in Saarbrücken vor und zeigt den Klassiker im Kino Achteinhalb: mit einem Experiment. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

„Ich hoffe, dass sich das Publikum darauf einlassen kann“, sagt Nils Daniel Peiler. Der Saarbrücker Filmwissenschaftler hat am Freitag im Kino Achteinhalb  etwas Besonderes vor: Dort zeigt er Stanley Kubricks Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ mit begleitendem Live-Kommentar, wie man es von DVDs als Audiokommentar kennt; Peiler wird parallel zum Film – zweieinhalb Stunden lang – Erklärungen und Hintergründe liefern. Eine reizvolle Idee, bei der man zweierlei nicht fürchten muss: Erstens, dass Peilers Kommentar störend mit zu vielen Dialogen kollidiert, denn die sind in dem bildgewaltigen Science-Fiction-Film spärlich. Und zweitens, dass dem Filmwissenschaftler die Fakten ausgehen – denn mit keinem Werk ist er wohl so vertraut und verbunden wie mit Stanley Kubricks 50 Jahre altem, dennoch zeitlosem Klassiker.


Seit Jahren forscht Peiler über den rätselhaften Film um einen Monolithen, dessen Anwesenheit  die Menschheit in ihrer Entwicklung (nicht nur zum Guten) weiterbringt, um eine Reise durch Zeit und Raum, um eine hoffnungsvolle Wiedergeburt. Seine Doktorarbeit zu „2001“ liegt in den letzten Zügen, sagt Peiler, und wäre womöglich schon fertig, hätte ihn zwischendurch nicht ein erfreulicher Anruf erreicht. Das Frankfurter Filmmuseum fragte an, ob Peiler eine Ausstellung über „2001“ mitkuratieren wolle – er wollte. Die große Ausstellung wurde vor wenigen Wochen eröffnet, mit viel medialem Echo (wir berichteten). Die Schau setzt sich zusammen aus den „2001“-Exponaten der seit 14 Jahren durch die Welt tourenden Kubrick-Gesamtausstellung, die nach 17 Stationen gerade kurz pausiert, und neuen Stücken. Zu denen hat Peiler eigene Exponate beigetragen,  die er für seinen Forschungsbereich gesammelt hat: die Rezeption des Films in der Kunst, „zählt ‚2001’ doch zu den meistzitierten Filmen überhaupt“, wie Peiler sagt. So ist unter anderem ein Plattenspieler zu sehen, dessen Form von der Raumstation im Film inspiriert wurde, Werbung, die den Film zitiert, und gar knallige Comics, die der Marvel-Verlag im Windschatten des Films auf den Markt gebracht hat – gezeichnet unter anderem vom legendären Comic-Künstler Jack Kirby.

Ebenfalls legendär ist der Ort, den Peiler im Rahmen seiner Forschungen besuchen konnte, was nicht vielen Normalsterblichen vergönnt ist: den Landsitz der Familie Kubrick in der Nähe von London, wo der New Yorker Regisseur Jahrzehnte bis zu seinem Tod lebte, seine Filme plante, teilweise auch schnitt. Kubrick (1928-1999) ist von Mythen umwoben, was sein zurückgezogenes Leben angeht, manche mögen übertrieben sein. Aber Stuntman Vic Armstrong etwa berichtet in seiner Autobiographie von einem (allerdings vergeblichen) Vorstellungstermin, für den er durch grob geschätzt zehn verschiedene Tore auf dem Anwesen fuhr und bei jedem per Sprechanlage von Kubrick mehrmals gefragt wurde, ob er das vorige Tor wirklich, wirklich wieder ordnungsgemäß geschlossen habe — „Sind Sie sicher?“

„Ob es bei mir auch so viele Tore waren, weiß ich nicht“, erzählt Peiler über seine Visite des Anwesens 2014, auf dem heute noch Kubricks Witwe Christiane lebt, „aber es waren schon eine Menge“. Damals war Peiler mit einer Delegation des Taschen Verlags dort, der einige Bände über Kubrick herausgebracht hat. Mit „großen schwarzen Autos, wie im Film“, ist die Gruppe auf das Anwesen gerauscht, das ursprünglich für Pferde ausgelegt war, „mit einer großen Koppel und Ställen, die Kubrick zu Schneideräumen umgebaut hat“. Einige Räume sehen noch so aus wie zu Lebzeiten von Kubrick, der auf dem Anwesen beerdigt wurde, erzählt Peiler – der Billardraum etwa, auch das Arbeitszimmer. Das Privatkino mit zwei 35-Millimeter-Projektoren (Kubrick beschäftigte eigens einen Vorführer) ist heute allerdings zum Wohn- und Bücherzimmer umgebaut. „Man kann dort die Bücher sehen, die Kubrick gelesen hat – Unmengen historischer und philosophischer Werke“ – auch vieles über Napoleon, über den Kubrick einen Film plante und mit dem er sich über Jahre akribisch (und letztlich vergeblich) beschäftigt hat.

Peilers Doktorarbeit ist zwar noch nicht fertig, er hat zwischendurch aber das Buch „201 x 2001“ geschrieben, den er morgen in Saarbrücken vorstellt: eine muntere Sammlung von Fakten, Fragen und Antworten zum Film (Schüren Verlag, 107 Seiten, 9,90 Euro). Da erfährt man etwa, dass kein Regisseur und kein Film öfter bei den „Simpsons“ zitiert/parodiert wurde als Kubrick und „2001“. Oder, dass das historisch anmutende Bild, extra für die letzte Szene des Films in dem mysteriösen, strahlend hell erleuchteten Schlafzimmer gemalt, Jahre später in einer ganz anderen Produktion wieder auftauchte: im Bond-Film „Im Angesicht des Todes“. Das Buch mischt gelungen Anekdotisches und Hintergründe, hält sich aber bei Interpretationen zurück.  „Von denen gibt es ja viele“, sagt Peiler und wünscht sich vor allem, dass seine Leser zügig „Lust bekommen, sich den Film wieder anzusehen.“ Zum Beispiel jetzt im Kino Achteinhalb.



Termine: Peiler stellt „201 x 2001“ morgen um 19 Uhr  in der VHS im Alten Rathaus vor. Am Freitag läuft im Achteinhalb „2001“ mit Live-Kommentar, am Samstag im Original mit Untertiteln, ohne Kommentar, aber mit Einführung und Diskussion. Beginn jeweils 19 Uhr.
Bericht zur Frankfurter Ausstellung:
www.facebook.com/saarbruecker­zeitung.kultur

„2001“-Forscher Nils Daniel Peiler 2014 mit Christiane Kubrick, der Witwe von Stanley Kubrick, auf dem Landsitz bei London.
„2001“-Forscher Nils Daniel Peiler 2014 mit Christiane Kubrick, der Witwe von Stanley Kubrick, auf dem Landsitz bei London. FOTO: Nils Daniel Peiler
Hier spielte Kubrick Billard, wenn er nicht gerade einen Film vorbereitete.
Hier spielte Kubrick Billard, wenn er nicht gerade einen Film vorbereitete. FOTO: Nils Daniel Peiler
Das Grab von Stanley Kubrick (1928-1999) auf seinem Landsitz.
Das Grab von Stanley Kubrick (1928-1999) auf seinem Landsitz. FOTO: Nils Daniel Peiler