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Saarbrücker Regisseur Wolfgang Staudte
„Staudtes Engagement hat nicht abgenommen“

Saarbrücken. Im Rahmen des Ophüls-Festivals läuft am Dienstag, 23. Januar, als Hommage an den Saarbrücker Regisseur Wolfgang Staudte „Rosen für den Staatsanwalt“. Ein Gespräch vorab mit Uschi Schmidt-Lenhardt von der Saarbrücker Staudte-Gesellschaft über den Film. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Wie war das Echo auf den Film damals? War er ein Publikumserfolg? Und bei der Kritik?


SCHMIDT-LENHARD Der Film war offensichtlich ein Publikumserfolg. Staudtes Biograph, Malte Ludin, schrieb, dass sich nach der Premiere des Films die Kritik in beiden Teilen Deutschlands einig darüber war, das „Comeback des ‚politischen‘ Staudte gesehen zu haben“. In der Filmkritik vom November 1959 schrieb Enno Patalas, dass dies seit Jahren der erste bundesdeutsche Film sei, „bei dem das Vergnügen an der brillanten Form zusammenfällt mit der Lust an der Einsicht, die er vermittelt.“ Andere KritikerInnen fanden ihn zum Teil zu brav und versöhnlich. Auf der Berlinale erhielt Staudte den Silbernen Bären, der Drehbuchautor Georg Hurdalek, sowie Schauspieler Walter Giller wurden auch geehrt. Nach den drei im Osten Deutschlands gedrehten Filmen „Die Mörder sind unter uns“ (1946), „Rotation“ (1948) und „Der Untertan“ (1950), die Staudte nachträglich als Trilogie seiner Auseinandersetzung mit den politischen Zuständen im Nachkriegsdeutschland bezeichnet hatte, bildete „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959) den Auftakt für die westdeutsche Trilogie, die gefolgt wurde von „Kirmes“ (1960) und „Herrenpartie“ (1963). „Rosen für den Staatsanwalt“ greift die Thematik aus „Die Mörder sind unter uns“ wieder auf und stellt sie mit den Mitteln der Satire dar, wie im „Untertan“ dar. Neben den allgemeinen Beobachtungen, die man machen konnte zu dieser Zeit - es gab wieder Hakenkreuzschmierereien und Schändungen jüdischer Gräber, man las die Soldatenzeitung - bezog sich Staudte hier konkret und sehr zeitaktuell auf reale Geschichten, wie sie später, wie im Fall bei Filbinger, weiter ausgegraben wurden. Das heißt, zu dieser Zeit wurde „Rosen für den Staatsanwalt“ wieder – nach harmloseren Filmen Staudtes – als ein wichtiger politischer Film wahrgenommen.

In seiner Kritik schrieb „Der Spiegel“ zum Filmstart einst über Martin Held, er gebärde sich „so komödiantisch, dass das über seine Millowitsch-Mimik wiehernde Publikum keinerlei polemische Schärfe mehr zu spüren vermag“. Lag der „Spiegel“ da ziemlich daneben?

SCHMIDT-LENHARD Für mich wird es immer ein wenig schwierig, wenn jemand zu behaupten weiß, wie die Menschen in diesem Lande denken oder was das Publikum zu verspüren vermag. Also ich weiß das nicht. Und ob der „Spiegel“ daneben lag, vermag ich darum nicht zu sagen. Ich zum Beispiel amüsiere mich, obwohl ich diesen Film schon fast unendlich oft gesehen habe, noch immer über Martin Helds Spiel, etwa wenn er Matthias Claudius‘ „Der Mond ist aufgegangen“ rezitiert, und so die Dünkelhaftigkeit der Bildungsbürgerschicht als Groteske präsentiert. Im Ausgelachtwerden liegt vielleicht sogar die Spitze polemischer Schärfe. Andererseits steht im selben Artikel, dass es Staudte gelang, „den Bobby-Dodd -Darsteller Walter Giller überzeugend als Opfer obrigkeitlicher Kriegs- und Nachkriegswillkür zu präsentieren“. Bobby-Dodd war Gillers Rolle als schottischer Besatzungsoffizier in einem Film mit Heinz Rühmann aus dem Jahr 1956. Darin wurde ein anderes Bild von Deutschland präsentiert, das sich den Siegermächten eher kumpelhaft und auf gleicher Augenhöhe wieder präsentieren wollte. Doch das war eine Komödie, und keine Satire. Dieser Film, sagte Staudte, sei entstanden „aus dem Bedürfnis, dieses Thema an ein möglichst großes und breites Publikum heranzutragen. Die Fragestellung war: Wie machen wir dieses Thema so attraktiv wie möglich?“ Produzent, Drehbuchautor und Regisseur entschieden sich für diese Art der Satire. Dabei sollte jeder und jede selbst entscheiden, ob sie gelungen ist oder nicht.

Wie war die Reaktion der Politik damals? Die Handlung kann ja nicht jedem gefallen haben.



SCHMIDT-LENHARD Wie Staudte erzählte, hatte es sich um eine Portion Glück gehandelt, dass der Film realisiert und in die Kinos kommen konnte. Es war sehr schwierig gewesen, den Stoff unterzubringen. In dem Produzenten Kurt Ullrich hatte er einen guten Mitstreiter gewonnen. Durch Zufall war bei der Neuen Filmverleih GmbH ein anderes Projekt „Knall auf Fall“, wie Staudte sagte, geplatzt, die Studios waren bereits angemietet, aber es gab keinen Film dafür. Da hatte Ullrich sehr viel Mut und bot an, hier „Rosen für den Staatsanwalt“ zu drehen. Das Drehbuch sei fertig gewesen, innerhalb von acht Tagen waren die Rollen besetzt, Martin Held war auch frei. Alles sei unheimlich schnell gegangen. „Das sind so die Glücksfälle“, sagte Staudte, „auf die ein politisch interessierter Regisseur lauert. Und manchmal hat er Glück.“ Die Dreharbeiten begannen also so kurzfristig und waren darum, zunächst, beinah unbeobachtet von der Freiwilligen Selbstkontrolle.

Aber die hat während der Dreharbeiten Staudte gedroht, dass der Film nie gezeigt werden würde, weil er angeblich die deutsche Justiz verächtlich mache. Wie hat Staudte damals reagiert?

SCHMIDT-LENHARD Man muss dazu wissen, dass damals die Bundesregierung zur Produktion für deutsche Filme Bürgschaften vergab. Das heißt, die Finanzierung durch eine Bank hing von einem Vor-Urteil der Freiwilligenselbstkontrolle ab. Erst musste man ein Drehbuch einreichen und eine Begutachtung der FSK haben, damit ein Kredit durch eine Bank gewährt wurde. Das war eine andere Art von Zensur als die, die Staudte von der DDR kannte, hier aber wurde sie so nicht genannt. Wie bei seinem Film davor, wo er die Regie-Arbeit niederlegte, als man von ihm Dinge verlangte, die er nicht mittragen wollte, sei auch, allerdings schon während der Dreharbeiten jemand von der FSK gekommen und habe, nachdem man ihm das Drehbuch gezeigt habe, Einspruch erhoben mit dem Argument, dass der Film gegen einen Artikel des Grundgesetzes, die Verächtlichmachung der Justiz, verstoße. So käme der Film nie an die Öffentlichkeit. Das war für Staudte eine „Form von Wirtschaftsdiktatur“. Da könne „einer kommen und sagen, wenn Sie den Kredit haben wollen, dann muss diese Szene aber heraus!“ Im Falle von „Rosen für den Staatsanwalt“ sei als Kompromiss eine Szene hineingekommen, die, wie Staudte sagte, in einer Satire nichts zu suchen habe und demzufolge auch die schwächste sei. Das ist die Szene, die zeigt, dass es in der Bundesrepublik auch integre Richter gibt, denen die Nazirichter ebenfalls Sorgen machen. Staudte wollte diese Tatsache auch nicht bestreiten, „ich bin nur der Meinung“, sagte er, „sie gehört nicht in eine Satire.“ Dazu passt eine lustige Anekdote, die Staudtes Schlitzohrigkeit treffend charakterisiert. Als der Film bei den Filmfestspiele von Karlsbad 1960 aufgeführt wurde, fehlte dieses Szene. Ein verschmitzter, als fiktiv gekennzeichneter Text aus Staudtes Nachlass erweckt den Eindruck, als habe er triumphiert: „(…) Man hatte die Stirn gehabt, aus meinem Film eine kleine Szene herauszuschneiden. Ich hätte es sicher nie erfahren, wären nicht (…) ein paar westdeutsche Berichterstatter mit der Miene vornehmer Kondolenzbesucher an meinen Tisch getreten und hätten geflüstert: ‚Sie müssen protestieren!’ Ich sagte spontan: ‚Natürlich. Wogegen?’ – ‚Sie dürfen sich das unter gar keinen Umständen gefallen lassen!’ – ‚Nein. Unter keinen Umständen! Was?’ Und so erfuhr ich, was sie so empörte. Ich wagte einzuwenden (…), dass die herausgeschnittene Szene absolut nichts am Sinn des Filmes ändern würde. Der Film zeige doch weiterhin, dass es Nazis in der Justiz gibt und dass man sie entfernt, wenn man sie entdeckt. (…) Einer nach dem anderen rückte von mir ab. Verachtung im Blick.(…) Ich gab mich geschlagen. ‚Gut, ich werde protestieren!’ Gleich darauf saßen alle wieder an meinem Tisch, und einer sagte: ‚Zu einem ausländischen Filmfestival gehört ein deutscher Protest. Das ist Tradition.’“ „Rosen für den Staatsanwalt“ erhielt den Hauptpreis, den Staudte ohne jeden Protest entgegen nahm.

Der Film hat das Filmband in Silber gewonnen, doch Staudte wollte es erst nicht annehmen. Warum nicht? Was ist damals passiert?

SCHMIDT-LENHARD Ich nehme an, dass Staudte es als inkonsequent gegenüber der Intention seines Filmes angesehen hätte, diese Auszeichnung ausgerechnet vom damaligen Bundesinnenminister Gerhard Schröder (CDU) entgegenzunehmen, in dem er einen ehemaligen SA-Mann sah. In Staudtes Augen lebt eine Demokratie vom Mut des einzelnen Bürgers, der einzelnen Bürgerin. Und auch vom Mut, die Behaglichkeit zu stören. So weigerte zunächst er sich, daraufhin blieb Schröder der Verleihung fern.

Die „Süddeutsche“ attestiert, dass man nach diesem Film Staudtes Engagement in seinen Filmen abgenommen habe – sehen Sie das auch so? Schließlich kamen noch „Kirmes“ und „Herrenpartie“.

SCHMIDT-LENHARD Staudtes Engagement hat nicht abgenommen, das sehen wir anhand der Dokumente und den nicht realisierten Stoffen in seinem Nachlass, den wir hier in Saarbrücken bearbeiten. Er hat auch nie aufgehört, politische Themen zu bearbeiten. Und neben Kirmes und Herrenpartie brachte er 1978 Zwischengleis ins Kino, einen Film, der sich kritisch mit der Wirtschaftswunderzeit in Westdeutschland auseinandersetzt. Auch in Auftragsarbeiten, die er annehmen musste, war immer wieder seine politisch engagierte „Handschrift zu erkennen. Staudte, auch das wissen viele, vielleicht auch die Süddeutsche, nicht, war durch eine Eigenproduktion, mit der er sein pazifistisches Engagement durch die in seinen Augen dafür notwendige Zusammenarbeit mit den Ländern des Ostblocks, hochverschuldet. So musste er im Rentenalter Filme machen, Auftragsproduktionen, um seine Schulden abzuzahlen. Doch auch hier, auch in „Tatorten“ etwa konnte er seine kritische Art, die Dinge zu sehen, einsetzen. 1978/79, mit 72 Jahren, drehte er die siebenteilige ARD-Serie „Der Eiserne Gustav“, „aber nicht jenen, der durch den Rühmann-Film verniedlicht worden ist“, wie er in einer Ankündigung schrieb. 1981/82 folgten „Die Pawlaks“, eine zwölfteilige Serie für das ZDF über die Ausbeutung von Kleinbauern und Industriearbeitern und das Entstehen der Arbeiterbewegung. Er arbeitete an einem Projekt mit dem Arbeitstitel: „Hitler und die Generäle“. Im Januar 1984 begann er mit dem Dreh eines Mehrteilers mit dem Titel „Der eiserne Weg“, der anhand des Eisenbahnbaus von 1846 wieder ‚Geschichte von unten‘ erzählen sollte.Während der Dreharbeiten, so erzählte uns sein damaliger Regieassistent Michael Werlin-Mayer, warteten sie auf die Schneemaschine, als Staudte einen Witz erzählte und plötzlich tot umgefallen sei. Also nicht das Engagement Staudtes hat abgenommen, sondern das Wissen über sein Engagement. Aber dagegen arbeiten wir ja nun an.

Wie hat Staudte den Film selbst in seinem Gesamtwerk eingeschätzt?

SCHMIDT-LENHARD Mir fällt gerade kein Zitat von Staudte selbst ein. Aber Egon Netenjakob schrieb in einem Sammelband von 1991 über Staudte: "Schon wenn Wolfgang Staudte nur diesen Film gemacht hätte, verdiente er niemals vergessen zu werden."

Der Journalist Rüdiger Suchsland bemängelte in einem Interview, „bei Staudte spürt man, dass er weiß, dass er immer auf der richtigen Seite steht“. Wie sehen Sie das?

SCHMIDT-LENHARD Bemängeln kann man natürlich immer. Ich glaube, dass sich Staudte die Suche nach der „richtigen“ Seite nie einfach gemacht hat. Seine Filme sind Auseinandersetzungen mit der eigenen Schuld, er hatte als Kleindarsteller in dem Film „Jud Süß“ mit gemacht, aus Feigheit, wie er, im Unterschied zu vielen seiner Zeitgenossen hat zugeben können, in „Rotation“ hat er danach gesucht, wie es zur Mitläuferschaft hatte kommen können. In „Die Mörder sind unter uns“ kann man beinahe erkennen, dass er seine eigene Identität auf die drei Protagonisten verteilt hat. Und die Protagonisten in „Rosen für den Staatsanwalt“ kann man verstehen als die Repräsentanten der damaligen Gesellschaft. Ich kann Staudtes Filme nicht als solche sehen, in denen man weiß, was die richtige Seite ist, dazu steckt zuviel Differenzierung in diesen Filmen, die man allerdings auch sehen wollen sollte.

„Rosen für den Staatsanwalt“: Dienstag, 23. Januar, 20.30 Uhr, Camera Zwo.
www.wolfgang-staudte-gesellschaft.de