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Kino
St. Ingbert ist jetzt „filmreif“

St. Ingbert. „Filmreif!“ heißt das Kurzfilmfestival, das am 7. Juni in St. Ingbert beginnt. 300 Arbeiten wurden eingereicht, 72 davon werden zu sehen sein – zum Teil bei Vorstellungen unter freiem Himmel. Warum es ein Matratzenlager für Filmemacher gibt, erklärt Jörn Michaely, der künstlerische Leiter. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Einen Moment gab es, da dachte Jörn Michaely, er müsste alles wieder absagen, alles wäre vorbei. Es war die erste Sichtung der Einreichungen für das Festival „Filmreif!“, das er als künstlerischer Leiter verantwortet. „Ein fürchterlicher Film war das“, sagt Michaely, der den Titel diskreterweise verschweigt. „Vollkommen lieblos gedreht“ war das Werk, nicht einmal der englische Titel war richtig geschrieben, auf einer Skala von zehn Punkten gab die Auswahljury dem Film knappe 0,2. „Wir hatten große Angst, dass alle Filme so sind.“ Diese Angst war letztlich unbegründet – und am 7. Juni kann das Kurzfilmfestival dann doch beginnen, laut Michaely „mit vielen Perlen und ausschließlich Filmen, hinter denen wir stehen.“


72 Filme laufen zwischen dem 7. und 10. Juni in St. Ingbert bei dem Festival, mit dem Michaely und sein Organisationspartner Fabian Roschy eine Lücke in der Region schließen wollen – zwischen dem Ophüls-Festival (dessen Jugendjury Michaely seit diesem Jahr betreut) mit Profi-Arbeiten und dem Großregionsfestival „Créajeune“ mit Nachwuchsfilmen von Jugendlichen und Kindern. „Da gibt es Hunderte von Filmen, die irgendwo dazwischen liegen.“ Bewerben konnten sich bundesweit Filmemacher im Alter bis 29, 300 Filme (maximale Länge 20 Minuten) wurden eingereicht und von der Auswahljury nach einem Punktesystem bewertet. Eine Idee, die man schnell abänderte. „Da kamen zu viele Konsensfilme rein, die niemand richtig gut oder richtig schlecht fand. Jetzt haben wir auch Filme in der Auswahl, die sehr polarisiert haben.“ Etwa „Das Ei“, bei dem man minutenlang bloß ein Ei im Blumentopf sieht, mehr nicht – aber das Entscheidende spielt sich eben auf der Tonspur ab. Das Credo des Teams: „Wir wollten Filme, die sich was trauen – aber keine Schinken, mit denen keiner was anfangen kann.“

 2014 gab es erste Gespräche des St. Ingberter Filmemachers Michaely mit seiner Heimatstadt über ein mögliches kleines Festival; als 2016 der Bundesverband Deutscher Filmautoren bekannt gab, sein Jugendfestival neu ausrichten zu wollen, meldete sich Michaely mit einem selbstbewussten „Klar, wir können das machen.“ In St. Ingbert habe er mit der Idee „verdammt offene Türen eingerannt“. Mit 30 000 Euro ist das Festival ausgestattet, Hauptunterstützer ist der Verein zur Förderung der sozialen und kulturellen Belange in der Mittelstadt St. Ingbert e.V.; Michaely, Roschy und das Team arbeiten ehrenamtlich. „Wir haben mal an eine Aufwandsentschädigung gedacht, aber das Geld floss gleich wieder ins Festival.“

Gibt es Trends und Strömungen, die bei den Einreichungen aufgefallen sind? „Stilistisch nicht“, sagt Michaely, „aber so um die zehn Prozent der Filme beschäftigt sich mit der digitalen Zukunft, wie es weitergeht mit dem Menschen, ob er weiterhin die Maschinen kontrollieren wird oder umgekehrt.“

Als Spielstätte bieten sich das Regina-Kino und die Kinowerkstatt natürlich an, das Festival will zudem aber auch „raus an die Luft“, wie sein Leiter sagt: Es gibt eine Filmparty im Felsenkeller und Vorstellungen auf dem Marktplatz. Bei schlechtem Wetter geht es in die Stadthalle, wo das Festival beginnt und endet. Zwei Bühnenbildassistenten am Saarländischen Staatstheater, Katja Kammann und Daniel Tauer, haben sich für die Halle etwas ausgedacht, um sie, wie Michaely sagt, „etwas von ihrem 70er-Jahre-Charme zu befreien“. In gewisser Weise soll dort „die Bühne gesprengt werden“. Man darf gespannt sein. Nicht gesprengt, aber bevölkert wird die Ingobertus-Sporthalle nebenan – dort werden 80 bis 90 der eingeladenen Filmemacher auf einem großen Matratzenlager nächtigen. Ein schmaler Etat macht eben erfinderisch.



Stolz ist Michaely auf die Preise – nicht nur auf die Dotierung von ingesamt 8000 Euro, unter anderem für besten Film, Publikumspreis und gesellschaftlich relevanten Film, sondern auch auf die Förderpreise. Für Nachwuchsteams etwa, für den Schnitt, das Drehbuch oder die Maske. Dafür gibt es Sachpreise von Filmfirmen; in der Sparte Ausstattung etwa spendet der Südwestrundfunk einen 1000-Euro-Gutschein für seinen Fundus in Baden-Baden. Michaely: „Damit kommt man schon weit.“ 500 Euro gibt es für die beste Drehbuch-Idee, die Filmemacher bei der Veranstaltung „Junger Pitch!“ einer Jury vorstellen.

Sollte dies Alles beim Publikum und den Filmemachern gut ankommen, wird „Filmreif!“ weitergehen. Dann aber erst 2020, denn das Festival hat viel Zeit geschluckt und ließ dem Team wenig Platz für anderes – Michaely etwa ist Student an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) und hat da genug zu tun. „Wenn es weitergeht“, sagt er für sich und das ganze ehrenamtliche Team, „dann zu besseren Konditionen“.

Anna Overdieck in Kristina Ratzkas Experimentalfilm „Enough“, der sich mit Depressionen beschäftigt.
Anna Overdieck in Kristina Ratzkas Experimentalfilm „Enough“, der sich mit Depressionen beschäftigt. FOTO: Kristina Ratzka
HBK-Student, Filmemacher und Festivalleiter Jörn Michaely (23).
HBK-Student, Filmemacher und Festivalleiter Jörn Michaely (23). FOTO: Tobias Keßler