| 14:30 Uhr

Film über Obdachlose
Geschichten von Menschen ohne Obdach

 Der Obdachlose Elvis hat sich nach seinem Idol benannt. Er lebt unter einer Brücke in Köln. In der Doku „Draußen“ spricht er über sein Leben.
Der Obdachlose Elvis hat sich nach seinem Idol benannt. Er lebt unter einer Brücke in Köln. In der Doku „Draußen“ spricht er über sein Leben. FOTO: Thekla Ehling
In der Doku „Draußen“ erzählen vier Männer vom Leben auf der Straße. Am Mittwoch hat der Film im Kino Bambi Premiere. Von Dorothee Krings

Wenn Elvis sein Bett herrichtet, sitzt jeder Kniff. Die Schlafsäcke legt er Kante auf Kante, darüber die Tagesdecke und zur Zierde obenauf noch einen Schal des 1. FC Köln. „Ordnung hab’ ich im Heim gelernt“, wird Elvis später erzählen, und dass er es dort nie lange ausgehalten hat. Ständig ist er abgehauen, hat sich durchgeschlagen schon als Junge. Die Mutter war nach Amerika verschwunden, der Vater an seinem Sohn nicht interessiert. Nur einer hat ihm die Stange gehalten, hat ihn getröstet, wenn die Einsamkeit unerträglich wurde, und tut das bis heute: Elvis Presley. Darum hat sich der obdachlose Mann mit dem Cowboy-Hut und den langen weißen Haaren nach seinem Idol benannt. Und wenn er in Köln unter der Zoobrücke auf seiner Pritsche hockt, umgeben von seinen aufgeräumten Habseligkeiten, und ein Foto von Elvis im Silberrähmchen hervorholt, kommen ihm die Tränen. Elvis von der Zoobrücke hätte viele Gründe gehabt, nicht mehr weiter zu wollen in seinem Leben. Sein Namenspatron hat ihn beschützt.


Wer sind die Menschen ohne Obdach, die am Rande der Gesellschaft leben, aber eigentlich doch mitten in den Städten? Die Regisseurinnen Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht sind der Frage nachgegangen. In Köln und Umgebung haben sie Menschen kennen gelernt, die auf der Straße leben, und haben so viel Zeit mit ihnen verbracht, dass sie deren Geschichten erfahren durften. Über vier von ihnen haben sie nun einen Dokumentarfilm gedreht. „Draußen“ heißt er, am Mittwoch, 19 Uhr, stellen die Filmemacherinnen ihre Doku im Kino Bambi an der Klosterstraße vor.

Menschen umgeben sich mit dem, was ihnen wichtig ist. Darum spiegeln Wohnungen und Häuser die Identitäten ihrer Bewohner. „Als Fotografin habe ich mich lange mit diesem Thema beschäftigt“, sagt Tama Tobias-Macht. Mit 19 ist sie mit ihrem deutschen Freund aus Israel nach Deutschland gekommen. Dieser Wechsel in ein anderes Land, eine andere Sprache, eine andere Kultur hat sie auf das Thema Zuhause gestoßen. „Wir alle zeigen in unseren Häusern, wer wir sind. Irgendwann habe ich mich gefragt, was eigentlich passiert, wenn Menschen gar kein Heim mehr haben, wie zeigen sie dann ihre Identität“, sagt Tobias-Macht. So entstand die Idee, Menschen ohne Obdach nach den Dingen zu fragen, die sie bei sich haben, die sie in Taschen und Tüten mit sich herumschleppen, nachts in ihren provisorischen Schlafstellen behüten und die womöglich Bruchstücke ihrer Vergangenheit sind. „Wir haben schnell festgestellt, dass viele Obdachlose sich gefreut haben, als wir nach diesen Gegenständen gefragt haben, und dass sie bereit waren, die Geschichte dieser Dinge zu erzählen“, sagt Tobias-Macht. So wurden die Gegenstände zu Türöffnern bei Menschen, die kein schützendes Heim mehr besitzen.



Mehr als drei Jahre haben die beiden Regisseurinnen, die sich über ihr Filmstudium in Köln kennen gelernt haben, mit den Vorarbeiten für ihre Dokumentation verbracht. Das war nötig, um das Vertrauen der Menschen auf der Straße zu gewinnen und ihre Welt kennen zu lernen. Am Ende hatten sie mit viel mehr Leuten über die Gegenstände ihres Lebens gesprochen, als nun im Film vorkommen. „Alle Persönlichkeiten waren höchst interessant und die Geschichten ihrer Dinge oft sehr überraschend“, sagt Tobias-Macht. Doch ein Film hat nur 90 Minuten und die beiden Filmemacherinnen wollten in ihren Porträts möglichst in die Tiefe gehen. Also haben sie sich für vier Menschen entschieden, und dann erst die Kamera mitgebracht. „Uns war wichtig, dass die Männer wirklich verstehen, was es bedeutet, mit ihren Lebensgeschichten in die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt Tobias-Macht.

Elvis, Peter, Sergio und Matze haben es gewagt, vier Männer mit unterschiedlichen Lebenswegen, die alle darum ringen, in Würde auf der Straße zu leben. Dass man Menschen wie ihnen mit Anstand begegnet, ohne Herablassung, ohne Aggressionen ist das Anliegen der beiden Filmemacherinnen von „Draußen“. „Wir wollen Vorurteile aufbrechen“, sagt Tobias-Macht, „dann wäre schon viel erreicht.“

Auch diese beiden Obdachlosen aus Köln sprechen in der Doku „Draußen“ über ihr Leben.
Auch diese beiden Obdachlosen aus Köln sprechen in der Doku „Draußen“ über ihr Leben. FOTO: Thekla Ehling