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Jubel nach der „Walküre“
Unser Mann in Wien

 Axel Kober mit der „Walküre“-Partitur im Orchestergraben der Staatsoper Wien.
Axel Kober mit der „Walküre“-Partitur im Orchestergraben der Staatsoper Wien. FOTO: Christiane Keller
Axel Kober, der Generalmusikdirektor der Rheinoper, dirigiert Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Wiener Staatsoper. Von Wolfram Goertz, Wien

Der Sprung ins kalte Wasser ist eine Lappalie dagegen. Mit diesem Orchester, das als eines der besten der Welt gilt, hatte er keine einzige Probe. Sie trafen erst am Abend des Ereignisses aufeinander, sozusagen im Rahmen einer sehr speziellen Verabredung, ohne auch nur ein Wort gewechselt zu haben. Kein Zeichensystem hatten sie verabreden, keine Feinarbeit leisten, keine Delikatessen zubereiten können. Alle vertrauten darauf, dass man glänzend über die Runden kommt und dass die unvermeidliche Spontaneität das entfacht, was man einen großen Opernabend nennt.


Wir sprechen von Axel Kober, dem Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, und dem Orchester der Wiener Staatsoper, deren Mitglieder an anderen Abenden unter dem Vereinsnamen „Wiener Philharmoniker“ die Weltherrschaft in ihrem Fachbereich beanspruchen. Was dramatische Routine, Tradition, Souveränität, Allgegenwart und Reaktionsschnelligkeit im Orchestergraben betrifft, kann den Wienern keiner den Rang streitig machen.

Sie und Kober haben bereits vor zwei Jahren die nicht untückische Oper „Hänsel und Gretel“ in dieser Hauptstadt der Musik aufgeführt. Und weil der Komponist Engelbert Humperdinck im Dunstkreis Wagners zu verorten ist und weil Kober beim „Hänsel“ einen überaus guten Eindruck hinterlassen hatte, trug die Staatsoper dem 48-jährigen Dirigenten die Königskrone an: Er möge bitte den „Ring des Nibelungen“ dirigieren, ein veritables Chefstück, alle vier Abende, wie üblich keine Probe mit dem Orchester, nur einige mit den Sängern am Klavier. Wer das als Intendant einem Dirigenten anvertraut, der verlässt sich und weiß, dass er am Abend nicht im Stich gelassen wird. Die Wiener Staatsoper hat ja einen Ruf zu verlieren.



Kober ist nun aber auch alles andere als ein Angsthase. Als Kind wurde der gebürtige Oberfranke im Schlagschatten Bayreuths groß, das Festspielhaus kennt er genau. Trotzdem horchte die Fachwelt auf, als er 2014 den „Tannhäuser“ von keinem Geringeren als Christian Thielemann übernahm. Ein Risiko der Festspielleitung war das nicht: Alle wussten, dass dieser Axel Kober nicht nur sein Wagner-Handwerk verstand, sondern in der Arbeit mit vielen großen Orchestern seine eigene Expertise geschärft und optimiert hatte: in Mannheim, Hamburg, Zürich, Dresden, Dortmund, Berlin, Basel, Leipzig. Kobers Wagner ist leicht entzündlich, risikobereit, er liebt den Rausch und ist doch ein Sachwalter des Leisen.

Mit dem ihm eigenen Mut und einer beeindruckenden Gelassenheit trat Kober vor die Wiener Philharmoniker, als sei das nichts Besonderes. Die Wiener Musiker schauen bekanntlich nur selten auf den Dirigenten, doch Kober hatten sie immerhin oft im Augenwinkel. Kober ist in der Kommunikation spendabler, und bei geglückten schweren Stellen sah man Freude im Gesicht des Dirigenten. Von Freundschaft wird man naturgemäß erst nach dem „Ring“ sprechen können.

Die „Walküre“, die ich am Samstag in der Wiener Staatsoper hörte (und die dem Andenken des kürzlich verstorbenen Bassbariton Theo Adam gewidmet war), war nun wirklich ein Pfund, mit dem eine solche Freundschaft zukünftig wuchern könnte. Natürlich gab es kleinere Unstimmigkeiten im Orchester (Schlussakkord 2. Akt, einige Temposchwankungen), die aber nicht ins Gewicht fielen. Viel belangvoller war, dass sich alle von Kobers enthusiastischem Atem tragen ließen. Schon das gewittrige Vorspiel verließ jede Zone der Reserviertheit; hier wurde eine Stimmung erzeugt, aus der sich einer der genialsten Akte der Operngeschichte speist.

Doch steht und fällt eine „Walküre“ mit der Genauigkeit, mit welcher das Orchester in den Rezitativen begleitet, mit dem Parlando in der Konversation, mit der stimmigen Balance von Leitmotiv-Deutlichkeit und diskreter Geschmeidigkeit. Dagegen dann der „Walkürenritt“ oder der „Feuerzauber“: Das war wirklich großes philharmonisches Kino. Möglicherweise spielen das die Philharmoniker (an diesem Abend mit 90 Musikern, beginnend mit den 14 Primgeigen bis hin zu den beiden Harfen) auch ohne einen Dirigenten eindrucksvoll. Aber diesmal, mit Kober, merkte man die Idee und die Handschrift hinter dem Klang. Wie schrieb Wilhelm Sinkovicz, Wiens führender Musikkritiker, in der Tageszeitung „Die Presse“ nach Kobers „Rheingold“-Abend: „Der GMD der Deutschen Oper am Rhein ist ein Gewinn für die Staatsoper.“ Der Gastdirigent habe „magistrale Sicherheit“ entfaltet.

Es mochte für Kober ein Beruhigungsfaktor sein, dass er unter den „Ring“-Sängern alte Bekannte vom Rhein begrüßen konnte, etwa den großartigen Tomasz Konieczny als Wotan. Wer als Dirigent solcherart den Kopf frei hat und nicht jeden Einsatz auf die Bühne werfen muss, kann sich noch hingebungsvoller mit dem Orchester beschäftigen. Auffällig, wie unerbittlich Kober regelmäßig in die Hocke ging und die Lautstärke herunterregulierte. In der Wiener Staatsoper klingt übrigens alles herrlich transparent, was für einen Dirigenten, der ansonsten etwa den akustischen Brei im Düsseldorfer Opernhaus schlucken muss, eine Offenbarung ist.

Mit dem „Ring“ wird für Kober nicht Schluss sein in Wien, im Februar steht „Arabella“ auf seinem Plan (die er ebenfalls schon am Rhein dirigiert hat). In Zukunft kann Kober darauf vertrauen, dass sich die Wiener Verantwortlichen seiner gern erinnern. Auch die Zuhörer werden das: Sie spendierten Kober einen rauschenden, von Bravi gesättigten Applaus vor dem Vorhang.