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1Live Krone im Zeichen des HipHop
„Du brauchst gerade einmal 30 Sekunden für eines Diss“

Die Verleihung der 1Live Krone in Bochum stand am Donnerstagabend ganz im Zeichen des HipHop. Rapper und Rapperinnen räumten in den wichtigsten Kategorien ab. Der Abend im Überblick. Von Merlin Bartel

Mark Forster ist selten sprachlos. Der 34-Jährige zählt zu den bekanntesten Popmusikern in Deutschland und sitzt in der Jury der Castingshow „The Voice“. Sein Lied „Wir sind groß“ wurde zur Hymne der Fußball-EM 2016. Doch am Donnerstagabend fehlten ihm die Worte: Er wurde in Bochum mit der 1Live-Krone als bester Künstler ausgezeichnet – und konnte damit den Titel aus dem Vorjahr verteidigen. „Ich habe in diesem Jahr kein einziges Konzert gespielt“, sagte er. „Ich bin hungrig nach Konzerten. 2019 spiele ich mir den Arsch ab.“


Bereits zum 19. Mal wurde am Donnerstag der größte deutsche Radio-Preis verliehen. Prominente aus Musik, Fernsehen und Sport kamen am Nikolaus-Tag zur 1Live-Krone in die Jahrhunderthalle nach Bochum. Jedes Jahr zeichnet der WDR-Sender die beliebtesten Musiker des Landes aus. Die Sieger werden von den Hörern in einem Online-Voting ermittelt: 37 Musiker und Bands waren in diesem Jahr in sieben Kategorien nominiert. Hunderttausende Radiohörer gaben ihre Stimme ab.

Die großen Gewinner des Abends waren Marteria und Casper: Die Rapper konnten zwei Kronen mit nach Hause nehmen. Bereits in den Vorjahren waren sie erfolgreich und gewannen mehrere Kronen – damals noch als Solokünstler und Konkurrenten. 2018 holten sie den Sieg in den Kategorien „Bestes Album“ und „Bester HipHop-Act“. Die Rapper bedankten sich in ihrer Siegesrede für das Engagement vieler Fans gegen Rechts, etwa beim „#wirsindmehr“-Konzert in Chemnitz. Dort hatten sie neben den Toten Hosen und Kraftklub auf der Bühne gestanden und nach Übergriffen auf Flüchtlinge ein Zeichen für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit gesetzt. „Es gibt Dinge, die sind wichtiger als Musik“, sagte Marteria.



Politisch war auch die Vergabe des Sonderpreises, der von der 1Live-Redaktion vergeben wird. Das Ehepaar Birgit und Horst Lohmeyer aus Jamel in Mecklenburg-Vorpommern wurde für „Jamel rockt den Förster“ ausgezeichnet. Seit 2007 veranstalten sie das Open-Air-Musikfestival, um sich gegen Rechtsradikale in der Region starkzumachen. Zahlreiche bekannte Musiker unterstützten die Initiative für Zivilcourage und Demokratie durch Auftritte: In den vergangenen Jahren standen unter anderem die Toten Hosen, die Ärzte und Herbert Grönemeyer in Jamel auf der Bühne. Auch nach einem Brandanschlag auf ihre Scheune im Jahr 2015, machte das Ehepaar weiter. „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, sagte Horst Lohmeyer.

Die Krone für die beste Künstlerin ging an Nura, die neben ihrer Solokarriere Teil des HipHop-Duos SXTN ist. Sie ließ Konkurrentinnen wie Namika und Alice Merton hinter sich. In ihrer emotionalen Rede widmete sie den Triumph dem Rapper Samson Wieland. Mit dem 27-Jährigen, der mit seinem Bruder das HipHop-Duo SAM bildete, hatte sie das Lied „babebabe“ aufgenommen. Im November war er überraschend gestorben.

Auch der Preis für den besten Live-Act wurde in diesem Jahr an einen Rapper vergeben: Kontra K. „Dieser Preis ist für mich der wichtigste“, sagte er. „Früher waren mehr Leute auf als vor der Bühne, heute spiele ich vor 10.000 Menschen.“ Er entschied das knappe Rennen mit den Toten Hosen und Kraftklub für sich. Damit gewannen in den beiden wichtigsten Krone-Kategorien HipHop-Künstler. „HipHop ist im Kommen“, sagte Marteria. „Es ist geil, dass die Leute unsere Kultur fühlen.“

Doch auch die anderen Musiker wurden mit großem Applaus gefeiert. So standen unter anderem Bosse, AnnenMayKantereit, Joris und die britische Musikerin Anne-Marie auf der Bühne. Davor feierten einige Hundert 1Live-Hörer, die die Tickets gewonnen hatten. Eintrittskarten für die Preisverleihung gibt es traditionell nicht zu kaufen. Dahinter im Publikum präsentierte sich zurecht gemacht das Who-is-who der Szene. Zu Gast waren unter anderem Borussia-Mönchengladbach-Spieler Matthias Ginter, der frühere BVB-Torwart Roman Weidenfeller und der ehemalige deutsche Nationalspieler Gerald Asamoah. Doch auch die Youtuberin Dagi Bee, Daniela Katzenberger und Moderator Alexander Bommes waren zu Gast.

Moderiert wurde die Sendung vom Comedian Luke Mockridge. 2016 war er selbst mit der Krone für den besten Comedy-Act ausgezeichnet worden, mittlerweile hat er eine eigene TV-Show. Seinen Humor zeigte er bei der Show mit kleinen Seitenhieben: „Das ist der beste Preis in Deutschland“, sagte er. „Hier muss keine Gewinnerin twerken.“ Damit spielte er auf den Vorfall bei der Ballon-d’Or-Verleihung an. Dort hatte Moderator und DJ Martin Solveig die prämierte Fußballerin Ada Hegerberg gefragt, ob sie twerken wolle. Außerdem erkundigte er sich nach dem Moderator des nächsten Echos – dieser Preis wurde nach dem Auschwitz-Eklat um die Rapper Kollegah und Farid Bang abgeschafft. Doch nicht alle bekamen ihr Fett weg: „Alle mögen Mark Forster. Man kann keine Gags auf seine Kosten machen, das ist wie Hundewelpen zu beleidigen.“

Für einen großen Lacher sorgte am Abend eine Zuschauerin: Luke Mockridge holte sie auf die Bühne, um mit ihr eine „Selfie-Challenge“ zu spielen. In 30 Sekunden sollte sie möglichst viele Selfies mit Prominenten im Publikum machen. Sie lief also von Nico Santos zu Felix Jaehn, dann zu Marteria. Von dort steuerte sie zielsicher in Richtung Rapperin Nura, die bereits erwartungsvoll aufstand und fürs Foto lächelte. Die Zuschauerin schob sie allerdings zur Seite, ging zwei Plätze weiter und fotografierte sich mit Rapper Kontra K. Nura blieb verdutzt zurück, das Publikum lachte. „Du brauchst gerade mal 30 Sekunden für eines Diss“, resümierte Moderator Luke Mockridge.

Der Comedy-Preis ging an den Comedian Chris Tall. Er wurde von der Moderatorin Larissa Rieß bei einem Auftritt auf seiner Tournee in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle überrascht. Sie überreichte ihm die Krone auf der Bühne. Der 27-Jährige hat sich mit seinem Comedy-Programm „Darf er das?“ einen Namen gemacht und ist mittlerweile auch im Fernsehen zu sehen.

Als beste Single wurde „Zusammen“ von den Fantastischen Vier und Clueso ausgezeichnet. Das Lied wurde im Sommer zum Begleit-Song der Fußball-WM 2018. Die Krone nahm schließlich ein „Fantastischer“ entgegen: Thomas D. Er müsse seine Bandkollegen heute vertreten, angeblich, weil Smudo und Michael Beck bei der ersten Live-Show von „The Voice“ sein müssen. „Aber dann habe ich Mark Forster gesehen und jetzt weiß ich: Die haben mich nur angelogen und waren einfach zu faul.“

Die Auszeichnung für den besten Newcomer bekam Fynn Kliemann. „Vor einem Jahr kannte mich noch keiner in diesem Raum“, sagte er. „Alles ist neu und spannend für mich, aber auch etwas angsteinflößend. Die Musikindustrie ist ein Haifischbecken. Umso dankbarer bin ich, dass es geklappt hat.“ Namika, LEA, Bosse und Nico Santos gingen trotz doppelter Nominierungen leer aus.

Die Überraschung des Abends war die 18-jährige Amilli aus Bochum: Sie macht seit einigen Jahren Musik, dürfte aber nur den wenigsten bekannt sein. Die R’n’B-Sängerin wurde mit dem neugeschaffenen Förderpreis ausgezeichnet. Damit will 1Live verstärkt junge Nachwuchstalente unterstützen. „Wir wollen Künstler, die ehrliche Musik machen, von Anfang an fördern“, hieß es zur Begründung. „Ihre Stimme klingt mehr nach Los Angeles oder London als nach Bochum.“