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Literatur
Auf den Spuren eines Familiengeheimnisses

Maxim Biller
Maxim Biller FOTO: dpa / Swen Pförtner
Saarbrücken. In „Sechs Koffer“ – auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis – schreibt Maxim Biller über das Schicksal seines Großvaters und seiner russisch-jüdischen Familie. Von Roland Mischke

Es gibt einen Ich-Erzähler, der sich hin und wieder aus dem Hintergrund meldet, sechs kunstvolle Kapitel und eine stark verdichtete Erzählung. Maxim Biller, 58, dessen letzter Roman „Biografie“ auf mehr als 900 Seiten angelegt war, kommt nun mit einem schmalen Buch von 198 Seiten aus. Dabei werden große Themen verhandelt: Liebe, Exil, die Geschichte der Sowjetunion und der Tschechoslowakei, vier Brüder und die Hinrichtung eines Großvaters. Um diesen schäbigen Tod rankt sich ein Geheimnis.


Der Roman ist ein kriminalistisch aufgebautes, psychologisches Familiendrama. Keine Figur wird geschont, aber allen soll Gerechtigkeit widerfahren. Im Alter von 15 Jahren schnüffelt der Erzähler bei seinem Onkel in Zürich herum und stößt auf Dokumente, die Beweise sein könnten, um an die Wahrheit zu kommen. Aber ganz sicher ist er nicht, denn in seiner Familie wird zwar viel geredet, aber noch mehr verschwiegen.

Wer hat den Großvater verraten? Es war einer aus der Familie, aber wer? Der Großvater, Tate genannt, ist in den ukrainischen Karpaten aufgewachsen. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Soldat der österreichischen Armee eingezogen. Er geriet in russische Gefangenschaft und blieb danach in Russland. Er dealte auf dem Schwarzmarkt und kümmerte sich als gütiger Vater um seine vier Söhne. 1960, in den Sechzigern setzt die Handlung ein, wurde er offenkundig von jemandem denunziert. Der sowjetische KGB verhaftete den Familienpatriarchen, in Moskau verurteilte ihn ein Gericht zum Tode wegen illegaler Devisengeschäfte.



Es geht hier um den „echten“ Großvater von Maxim Biller. Er hat ihn nicht mehr kennen gelernt, denn er wurde im Jahr seiner Hinrichtung geboren. Zwischen Fakten und Fiktion wird der Verräter gesucht. Das geschieht aus unterschiedlichen Perspektiven. Biller wurde in Prag geboren, wohin sich die russisch-jüdischen Eltern abgesetzt hatten. Smolja, Billers Vater, übersetzte den Schwejk ins Russische. Der Westen lockte, 1969 gelang die Flucht nach Hamburg, auch Zürich und Berlin spielen eine Rolle. In Prag aber fing der Erzähler noch als Kind an, über seine Familie nachzudenken. Als Grundschüler legte er sich mit seinem Vater an.

Maxim und seine Schwester Elena sind die einzigen, die dem Geheimnis nachspüren. Es geht ihnen aber nicht um Schuld. Die Verwandtschaft verdächtigt einander, die Familie hat kein Narrativ. Gerüchte kursieren, man ist neidisch aufeinander, die Schwester geht nach London, doch auch dort lässt die Familiengeschichte sie nicht los. Sie schreibt ein Buch darüber. Wie der Bruder, der in Berlin nach einem großen Abstand von vielen Jahren wieder auf das Thema zurückkommt. Eine Geschichte des Exils, der Heimatsuche.

Das Geheimnis wird am Ende nicht gelüftet, aber Maxim Biller hat es so wendig, temporeich und intelligent umkreist, dass man es nicht so schnell vergessen wird.

Maxim Biller: Sechs Koffer. Kiepenheuer & Witsch, 200 S., 19 €.