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Literatur
Lauter Angelhaken im Herzen

Der US-amerikanische Autor Denis Johnson.
Der US-amerikanische Autor Denis Johnson.
Saarbrücken. Der US-amerikanische Schriftsteller Denis Johnson starb 2017. Posthum ist nun sein Erzählband „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“ erschienen.
Christoph Schreiner

Als 1992 Denis Johnsons Short-Stories-Band „Jesus’ Son“ erschien, die neben Bred Easton Ellis’ „American Psycho“ vielleicht geballteste Ladung an Verworfenen und Gefallenen in der jüngeren amerikanischen Literatur, wurde Johnson in seiner Heimat quasi über Nacht zum angebeteten Literaturanwalt der Outcasts. Dabei hatte er schon ein paar Jahre früher in seinem abgedrehten Roadmovie „Angel“ (zwei Jahre nach der Originalfassung 1985 unter dem Titel „Engel der Hölle“ auf Deutsch erschienen) den Verdammten dieser Welt ein Denkmal gesetzt. Doch erst „Jesus’ Son“ katapultierte ihn in den literarischen Olymp. 25 Jahre später starb Johnson im Mai 2017 mit gerade mal 67 Jahren an Leberkrebs – vermutlich eine Spätfolge seiner langjährigen Drogen- und Alkoholsucht.


Posthum ist nun mit „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“ ein letzter Band mit fünf Erzählungen Johnsons erschienen, den er noch vor seinem Tod abschloss. Alleine an der Titelgeschichte, einem aus zehn, jeweils mehrseitigen Erzählspots zusammengesetzten, verkappten Porträt eines Werbefachmanns um die 60, soll Johnson sieben Jahre lang gebastelt haben. Whitman hat seine große Zeit hinter sich, wurstelt sich mit den üblichen Maskeraden noch durch, wird von „Traurigkeit über das Tempo des Lebens übermannt“ und weiß, als eines Morgens eine seiner Ex-Frauen ihm am Telefon ihr Sterben ankündigt, nicht mal genau, welche es nun war.

Es ist in ihrer hinreißenden Lakonie eine typische Johnson-Story: Whitman erwartet sich nicht mehr viel, erwischt aber manchmal noch einen der „Momente, in denen der Fluss des Lebens kurz ins Stocken kommt“ – etwa in einer New Yorker Nachtbar inmitten einer Handvoll zusammengewürfelter Nachtschwärmer à la Edward Hopper: „Jeder Einzelne, ohne Erklärung hier gelandet, schien von unschätzbarem Wert.“ Wie Johnson Whitmans somnambule innere Genügsamkeit einfängt, das ist schlicht grandios: „Die Erinnerung verblasst, von der Vergangenheit bleibt nicht viel, und ich hätte nichts dagegen, noch mehr davon zu vergessen.“



Wieso die Short Story eine in Europa kaum zu kopierende, amerikanische Domäne bleibt, machen diese Erzählungen Johnsons deutlich. Sie riechen nicht nach Papier. Zwischen den Zeilen steigt vielmehr aus ihnen ein völlig unparfümierter Straßengeruch auf. Und dazu latschen Johnsons Erzähler mit einer derart selbstsicheren Direktheit in ihre Szenen hinein, dass darin bei so viel lässigem Seelen-Striptease Manieriertheiten keinen Platz mehr haben. Der Zauberfaden, den sie auslegen, riecht nach Schweiß und Blut.

„Starlight“, die nächste Story, ist das Sittenbild eines mit 32 Jahren längst schon Verschrotteten in Gestalt eines aufgeschnürten Briefkonvoluts aus einer Sucht- und Entzugsklinik: Mark Cassandra (nomen est omen), Inbegriff eines Gescheiterten und Sehers wider Willen, kotzt sich darin in ein paar, ihm von seinen Therapeuten angeregten Briefen an Kumpels, die Eltern, den Papst und den Satan über sein verpfuschtes Leben aus. „Ich habe ungefähr ein Dutzend Angelhaken in meinem Herzen und verfolge sie bis zu ihrem Ende zurück“, beschreibt er sein Script. Wobei Cass („Ich bin zu nah an den Rand gekommen und rausgeschleudert worden“) klar macht, dass er nicht auf die Knie gehen wird: „Falls euer Kumpel Jesus vorhat, erst von seinem Kreuz herunterzukommen, wenn einer wie ich so was macht, dann kann er lange warten.“ Wer immer schon in der Hölle haust und derart auf Tuchfühlung mit dem höhnisch lachenden Teufel ist, „dass ich die Maserung seiner Zähne sehen konnte“, glaubt sowieso nicht an Erlösung.

Während begnadete US-amerikanische Erzähler wie Raymond Carver, E.L. Doctorov, James Salter oder John Cheever sich der scheiternden Mittelschicht widmeten, stieg Johnson gesellschaftlich oft bis ganz nach unten und barg aus dem tiefsten Morast die verlorenen Seelen der Deklassierten. „Würger-Bob“, die in einem Knast spielende dritte seiner nachgelassenen Short Stories, enthält einen Satz, aus dem Johnsons Poetik aufleuchtet: Sein eingebuchteter Erzähler fragt sich da, ob der Knast wohl „eine Art Schnittpunkt der Seelen war“ – und eine Metapher des ganzes Lebens. „Als wäre das Universum jedes Menschen im Grunde sehr klein, nicht größer als ein Bezirksgefängnis, eine Ansammlung von Zellen, in denen man denselben Mithäftlingen wieder und wieder begegnet.“ Anders gesagt: Lauert nicht überall derart viel Fadenscheinigkeit, dass man den anderen ebenso wenig trauen kann wie sich selbst?

Die brillanteste Erzählung des Bandes, „Triumph über das Grab“, liest sich wie eine versteckte Selbstbeschreibung Johnsons. Angefangen damit, dass die Hauptfigur sich, wie ihr Schöpfer das tat, als Literaturdozent in Austin verdingt. Sich damit fortsetzend, dass der vordergründig das Begleiten eines anderen Schriftstellers in den Tod thematisierende Text zugleich den Prozess des Schreibens kommentiert (und konterkariert). Sie gipfelt darin, dass Johnson seinen eigenen Tod vorwegnimmt: „Ihnen dürfte klar sein, dass ich dem Moment, da ich das schreibe, nicht tot bin. Aber wenn Sie es lesen, vielleicht schon.“ Vor allem wird einem klar, was für einen Verlust Johnsons Tod für die amerikanische Literatur bedeutet.

Denis Johnson: Die Großzügigkeit der Meerjungfrau. Erzählungen. A.d. Amerik. von Bettina Abarbanell,
Rowohlt, 223 Seiten, 24 €.