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Open Air am Bostalsee
„Lang, laut und schmutzig“

Campino (56), Sänger und Frontmann der Toten Hosen – hier am Samstag am Bostalsee –, ist das Gesicht der 1982 gegründeten Punkrock Band. Die Musiker positionieren sich seit vielen Jahren immer wieder öffentlich gegen Rechtsradikalismus und Rassismus.
Campino (56), Sänger und Frontmann der Toten Hosen – hier am Samstag am Bostalsee –, ist das Gesicht der 1982 gegründeten Punkrock Band. Die Musiker positionieren sich seit vielen Jahren immer wieder öffentlich gegen Rechtsradikalismus und Rassismus. FOTO: B&K / Bonenberger/
Bosen. Die Toten Hosen feierten am Wochenende gleich zwei Mal mit insgesamt rund 24 000 Fans den Abschluss ihrer „Launen der Natour“-Tournee. Alte und junge Fans feierten ausgelassen auf der Festwiese am Bostalsee. Von David Lemm

Die riesige Bühne mit ihren gewaltigen Boxentürmen beherrscht die Szenerie auf der Festwiese am Bostalsee. Davor tummeln sich am Samstag bei bestem Wetter die jungen und alten Fans aus nah und fern, während die Stuttgarter Punkrock-Formation „Schmutzki“ mit deutschen Texten und schnellen Riffs die Party kraftvoll einläutet. Viele im Publikum tragen ein T-Shirt der Toten Hosen und genießen frisch gezapftes Bier aus Plastikbechern, auf denen der stilprägende Knochenadler der Toten Hosen prangt. Ein Wunder, dass nicht auch auf dem Schwenker der Knochenadler eingebrannt ist – hier gäbe es rein marketing-technisch noch Luft nach oben.


Der Opener des Vorprogramms, die belgische Rockband „Triggerfinger“, kommt allerdings erst einmal nicht so gut an in Bosen. Deren exaltierter Frontman schreit und schrammelt sich in ohrenbetäubende Höhen, aber ringt trotz vollen Einsatzes dem Publikum nur verhaltenen Applaus ab. Dem Vernehmen nach hätten viele der Anwesenden auf diesen eigensinnigen Stil-Mix-Potpourri lieber verzichtet und stattdessen grobe Hausmannskost à la „Feine Sahne Fischfilet“ serviert bekommen. So wie am Vortag, wo sich der Bühnenvorplatz zeitweise in einen heftigen „Moshpit“ mit wilden Tänzern verwandelte, wie die auf den Smartphones gezeigten Videos bezeugen.

Doch dann stürmt die schwedische Band „The Hives“ in ihren maßgeschneiderten Anzügen in Schwarz oder Weiß auf die Bühne. „Guten Abend, meine Schatzel“, säuselt Frontman „Howlin“ Pelle Almqvist ins Mikrofon. Der quirlige Sänger ist bestens aufgelegt und nimmt mit seinen Deutschkenntnissen schnell das Publikum für sich ein. Mit ihren „really good songs, all songs are really good“ sorgen sie für den ersten rockigen Höhepunkt des Abends. Danach wundert man sich nicht mehr, dass „The Hives“ 2006 vom „Spin Magazin“ zur „best live band in the world“ gekürt wurden – vor allem dank der Bühnensau-Qualitäten ihres Sängers. Bei ihrem Hit „Hate to Say I Told You So“ ertönt der Refrain aus tausend Kehlen. Als Sänger „Howlin“ ausgerechnet eine „Bärbel“ aus dem Publikum nach ihrem Namen fragt, sind die Lacher groß – ob er den Bezug zur in der Punk-Szene immer noch beliebten Comicfigur Werner verstanden hat, bleibt offen, aber er freut sich über die breite Resonanz.



In der Umbauphase laufen programmatische Trailer von ProAsyl auf den riesigen, an den beiden Seiten der Bühne angebrachten Screens. Doch ansonsten bleibt die Politik an diesem Abend ausgespart. Was überrascht, denn knapp eine Woche zuvor hatten die Toten Hosen in Chemnitz beim Soli-Konzert „#Wir sind mehr“ gespielt, wo sie viel politischere Töne anschlugen. Doch dieses Mal keine „Alerta, alerta, anti-Fascista“-Rufe. An diesem Abend feiern sie stattdessen den Fortuna-Sieg über Hoffenheim mit ihren bekanntesten Hits. „Wir sind aus Düsseldorf. Wir sind die Opel-Gang“, brüllt Campino ins Mikro und eröffnet das gut zweieinhalbstündige Konzert, in dem von den Klassikern über die langsamen Nummern bis zu den „vernünftigen Saufliedern“ alles geboten wird. Ihre Show garnieren die Hosen mit simultan ablaufenden und zum Teil aufwendig produzierten Clips – auch sie gehen mit der digitalen Zeit und wissen das Medium zur Selbstinszenierung gut zu nutzen.

Immer wieder kokettiert Campino damit, dass nun das erste Mal seit 36 Jahren professionelle Musiker auf der Bühne stünden. Und er fordert „Haltung“ im Leben. Er meint damit auch eine „Haltung“ gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Und die haben die politisch immer wieder aktiven Hosen auch nach 36 Jahren definitiv. Vor der letzten Runde gönnt sich Campino dann einen großen Schluck aus der Wodka-Pulle, die er zum Publikum nach unten reicht, bevor Lametta vom Himmel flattert und der „lange, laute und schmutzige“ Abend, wie Campino ihn nennt, sein glorioses Ende nimmt.