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Gabriele Münter im Museum Ludwig
Farbzauber aus kindlichem Blick

Gabriele Münters „Kahnfahrt“ von 1910 ist nun im Museum Ludwig in Köln zu sehen.
Gabriele Münters „Kahnfahrt“ von 1910 ist nun im Museum Ludwig in Köln zu sehen. FOTO: Efraim Lev-er, © Artists Rights Society (ARS), New York/ADAGP, Paris
Das Kölner Museum Ludwig zeigt die große Malerin Gabriele Münter nicht nur als Mitglied des Blauen Reiters, sondern auch mit frühen und späteren Werken. Von Bertram Müller

Nach wie vor zählt Gabriele Münter zu den Lieblingen des Publikums. Ihre Bilder hängen wie die der übrigen Mitglieder des Blauen Reiters in Millionen Wohnzimmern – als Drucke und Poster, versteht sich. Denn ihre Klassiker wie die Ansichten rund um Murnau am Staffelsee sind als Originale für die meisten unerschwinglich.


Einige dieser Unikate hängen nun im Kölner Museum Ludwig, eingebettet in eine Fülle anderer Motive. Die belegen, dass Gabriele Münter (1877-1962) mehr war als eine farbzauberische Malerin von Landschafts-Idyllen. Sie reiste durch die Welt, ließ sich anregen und kehrte doch immer wieder nach Murnau zurück.

Man hätte an Münters Beispiel wieder einmal darlegen können, wie schwer es Frauen zu ihrer Zeit hatten, als Künstlerin Fuß zu fassen; wie sie 1897 an einer privaten Damenkunstschule in Düsseldorf Zeichenunterricht nahm, weil weibliche Studenten an der Akademie nicht zugelassen waren; wie sie lange im Schatten ihres Lebensgefährten und Lehrers Wassily Kandinsky stand. Doch all das spielt in der Kölner Schau nur eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt strahlt ihr farbmächtiges Werk. Eine mitleidige Sicht auf ihr Leben hätte sich ohnehin verboten, denn ihr Ruhm entfaltete sich schon zu Lebzeiten.



Gabriele Münter hat viele Gesichter. Zu Beginn der Ausstellung begegnet sie den Besuchern als Fotografin, die 21-jährig mit ihrer Schwester für zwei Jahre nach Nordamerika gereist war, um Verwandte zu besuchen. Noch fehlt den Ergebnissen das, was später zu Münters Markenzeichen wurde: die Farbe. Doch kompositorisch nehmen die Schwarz-Weiß-Fotos schon manches vorweg, das später die Gemälde bestimmt: die Aufteilung der Bilder in Flächen vor allem und das Interesse am Porträt.

Die ersten Gemälde der Schau, ab 1903 entstanden, belegen bereits durch ihre Titel die Reiselust der Künstlerin: „Westfälische Landschaft mit rotem Haus“, „Holland“, „Gasse in Tunis“ – und dann kommt Murnau, ihre Wahlheimat bis zum Tod. In Murnau hatte Gabriele Münter 1909 mit Kandinsky ein Landhaus bezogen. Unter anderem mit Franz Marc, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin bildeten sie den „Blauen Reiter“, bis 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach und einen gewaltsamen Schlusspunkt setzte.

Murnau bei Garmisch-Partenkirchen war der Ort dieser Künstlervereinigung, ein Dorf, das heute jedem Kunstinteressierten ein Begriff ist. Gabriele Münters beliebteste, teuerste Bilder sind dort und in der weiteren Umgebung entstanden: Landschaften, die aus der Farbe leben. Häuser und Berge leuchten zuweilen violett, Berge werden blau, der Himmel erscheint rötlich, Bäume heben sich in Rot und Orange vom Horizont ab. Im Gemälde „Kahnfahrt“ von 1910 bildet die Landschaft die Kulisse einer vierköpfigen Familie. Gabriele Münter richtete die Motive stets nach der Farbe aus. So lebt die „Kahnfahrt“ aus dem rötlich-violetten Hut der Mutter, der ein wenig rechts und unterhalb der Bildmitte den tragenden Farbakzent der Komposition setzt.

Auch in späteren Phasen von Münters Lebenswerk trifft man auf Murnau. In der „Prozession in Murnau“ von 1933 führt ein Fronleichnamszug über einen öffentlichen Platz. Beidseits einer dunkelroten Fahne mit aufgesetztem Kreuz wehen von den Häusern Fahnen in einem helleren Rot, mit verwischten Hakenkreuzen. Als die Nationalsozialisten 1937 Münters Kunst als „entartet“ brandmarkten, zog sie sich ins Private zurück.

Der Schwerpunkt der nicht streng chronologisch geordneten Ausstellung liegt diesseits dieser Markierung und bietet etliche Überraschungen. Zum Beispiel die Baggerbilder aus der ersten Hälfte der 1930er Jahre. Gabriele Münter interessierte sich für Technik und verfolgte mit dem Pinsel die Bauarbeiten einer Eisenbahnstrecke nahe Murnau. Zu den herausragenden Werken der 20er Jahre zählt die „Sinnende II“ von 1928, ein kubistisch angehauchtes Porträt einer auf einem Stuhl sitzenden jungen Frau, die ihren Kopf mit den Händen stützt.

Zu entdecken gibt es auch die doppelte Abstraktion. Schon während des Ersten Weltkriegs schuf die Künstlerin ungegenständliche Farbkompositionen, in den 50er Jahren setzte sie diese Serie mit weicheren Formen fort.

Das Ausstellungsverbot während des „Dritten Reichs“ hatte Gabriele Münter nicht davon abgehalten, weiter zu malen. Maskenbilder scheinen heimliche seelische Selbstporträts der Malerin zu sein. Im letzten Saal geht es zurück zu den Anfängen, in die 1910er Jahre und zu jenem Mann, der Gabriele Münters Werk zuerst beflügelte, dann mächtig überschattete und sich schließlich von ihr trennte: Wassily Kandinsky. Auf zwei Bildern sitzt er mit der Malerin Erma Bossi an einem Tisch. Das anonym betitelte Bild „Zuhören“ daneben ist ein Porträt Alexej von Jawlenskys.

Nicht nur diese Bilder und jene berühmten Landschaftsidyllen aus der gleichen Zeit verweisen darauf, woher Gabriele Münter ihre Kraft schöpfte. Es war ihr kindlicher Blick auf die Welt, ein Blick, wie er auch aus künstlerischen Erzeugnissen sogenannter primitivistischer Kulturen spricht. Münter mochte Animationsfilme, baute ein Kasperltheater aus dem Erzgebirge als Motiv in ihr „Stillleben Pfingsten“ ein, nutzte zu anderen Gemälden Kinderzeichnungen als Vorlagen und, mehr noch, versetzte sich so sehr in die Gemütslage von Kindern, dass sie in deren Stil malte. Dieser unverbrauchte, unverdorbene Blick ist das Geheimnis der Welt, die Gabriele Münter sich und uns erschaffen hat.