| 20:05 Uhr

Deutsche Kino-Legende
„Ein planvolles Leben habe ich nicht gehabt“

Mario Adorf war in diesem Jahr Ehrengast des Saarbrücker Filmfestivals Max Ophüls Preis.
Mario Adorf war in diesem Jahr Ehrengast des Saarbrücker Filmfestivals Max Ophüls Preis. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Der Schauspieler über die schwierige Pflege von Freundschaften, das Rom der „Dolce Vita“-Ära und lebensgefährliche Regisseure. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Mehr geht eigentlich nicht – Mario Adorf spielte Karl Marx und Mussolini, arbeitete in Hollywood und in Europa, war ebenso in „Opas Kino“ der 1960er Jahre eine feste Größe wie im „Neuen Deutschen Film“ der 1970er. Er spielte den Mörder von Winnetous Schwester in „Winnetou“, strandete neben Sean Connery im ewigen Eis („Das rote Zelt“) und wurde zum schnauzbärtigen Actionheld in den knalligen italienischen Polizeifilmen der 1970er Jahre. „Die Blechtrommel“ mit ihm gewann einen Auslands-Oscar, „Der große Bellheim“ wurde zum TV-Klassiker, und seine Rolle in „Kir Royal“ als Klebstoff-Fabrikant Heinrich Haffenloher („Ich scheiß’ Dich zu mit meinem Geld!“) ist eine seiner schönsten. Wir haben den 88-Jährigen in Saarbrücken getroffen, wo er jede Menge seines brummbärigen Mario-Adorf-­Charmes versprühte.


Herr Adorf, in Saarbrücken haben Sie Anfang des Jahres als Ehrengast des Ophüls-Festivals  einige Ihrer Filme vorgestellt. Wie ist das, wenn man sich selbst in Produktionen wiedersieht, die mitunter einige Jahrzehnte alt sind?

ADORF Das kann ich Ihnen gar nicht sagen, denn ich schaue mir meine Filme selten bis gar nicht an. In Saarbrücken habe ich mir immerhin eine Stunde von Fassbinders „Lola“ angeschaut und war doch sehr erstaunt, weil ich mich an manches gar nicht mehr erinnert habe – den Film hatte ich seit der Premiere 1981 nicht mehr gesehen. Ich sammele meine Filme  auch nicht, das hat mich nie interessiert. Zuhause habe ich nur ein paar alte Videocassetten, die meine Mutter mal aufgenommen hat – ich weiß gar nicht, ob die noch laufen. Immerhin habe ich mir vor einigen Jahren wieder „Fedora“ von Billy Wilder angeschaut, weil der 2013 noch einmal in Cannes gezeigt wurde.



Bei Billy Wilder haben Sie einst, Anfang der 1960er Jahre, eine Rolle abgelehnt – da muss man als junger Schauspieler schon ein großes Selbstbewusstsein haben.

Mario Adorf 2018 als Karl Marx im Dokudrama „Der deutsche Prophet“ des ZDF.
Mario Adorf 2018 als Karl Marx im Dokudrama „Der deutsche Prophet“ des ZDF. FOTO: ZDF / Reda Laaroussi

ADORF Naja, man könnte es auch Unbedachtheit nennen  – oder auch ein  bisschen Dummheit. Ich sollte in „Eins, Zwei, Drei“ einen von drei Russen spielen. Ich ging davon aus, den ersten zu spielen, sollte aber den dritten spielen, der eigentlich nichts zu tun oder zu sagen hat. Da sagte ich: „Das spiele ich nicht!“. Das war natürlich dumm und auch respektlos gegenüber Billy Wilder – aber er hat es mir nicht übelgenommen und später eben eine kleine Rolle in „Fedora“ angeboten. Die konnte ich dann wirklich nicht ablehnen.

Sie sind jetzt 88 Jahre alt, arbeiten bis heute – gibt es einen Zeitpunkt, an dem Sie aufhören wollen?

ADORF Wollen? Nein. Solange ich etwas Interessantes tun kann, tue ich das. Wenn das der Gesundheit wegen nicht mehr geht, muss ich eben aufhören. Für das  Privileg, so lange arbeiten zu können, bin ich sehr  dankbar. Bekannte und Freunde von mir waren mit 65 Jahren beruflich weg vom Fenster und hatten dann größte Mühe, sich einen Sinn des Lebens zu erhalten. Für einige war das sehr schmerzhaft.

Was tun Sie heutzutage, wenn Sie nicht arbeiten?

Mario Adorfs Durchbruch im Kino: 1957 als Frauenmörder in „Nachts, wenn der Teufel kam“.
Mario Adorfs Durchbruch im Kino: 1957 als Frauenmörder in „Nachts, wenn der Teufel kam“. FOTO: ZDF

ADORF Ich schlafe etwas länger als sonst – aber einen geregelten Tagesablauf habe ich nicht. Ich lebe ein bisschen in den Tag hinein und überlasse mich sehr gerne der Initiative meiner Frau. Sie hat mich etwas aus meinem Höhlendasein befreit, das ich früher hatte, und mich mehr unter Menschen gebracht.

Sind denn bei vielen Dreharbeiten nicht Freundschaften entstanden?

ADORF Da muss ich mir selber an die Nase fassen – ich habe zu spät bemerkt, dass man Freundschaften pflegen muss. Ich ging immer davon aus, dass sich eine Freundschaft einfach dadurch erhält, dass man sich trifft und sich freut, wenn man sich wiedersieht. Aber das genügt nicht. Man muss etwas für eine Freundschaft tun, sie pflegen. Das habe ich in meinem Leben vernachlässigt.

Kann man das nachholen?

In „Deadlock“ (1970) hätte ihn der Regisseur gerne überfahren – des 
Realismus’ wegen.
In „Deadlock“ (1970) hätte ihn der Regisseur gerne überfahren – des Realismus’ wegen. FOTO: Filmgalerie 451

ADORF Das ist schwer, zumal viele Menschen, die man an sich hätte binden sollen, gar nicht mehr da sind. Vielleicht hat das auch mit meinem Charakter zu tun. Ich habe nie zu einer Gruppe gehört, nie zu einem Verein, nie zu einer Partei, das war mir immer suspekt. Ich wollte nie einverleibt werden von der Münchener Schickeria oder von der politischen Kaste. Ich war vielleicht dazu bestimmt, ein Einzelgänger zu sein.

Zumal es wohl schwierig ist, Annäherung anderer Menschen einzuschätzen, wenn man selber populär ist. Vielleicht will sich mancher nur im Starglanz sonnen?

ADORF Ja, ich bin natürlich vorsichtig, ich bin kein spontaner Freund.

Wie war das für Sie, als Sie großen Stars in internationalen Produktionen begegnet sind, Alec Guinness, Michael Caine oder Sean Connery etwa? Hatten Sie da selbst eine Art Schockstarre?

ADORF Eigentlich nicht. Sean Connery war eher distanziert, aber ich habe schnell gemerkt: Je toller die Menschen, desto einfacher war der Kontakt. Leute wie Henry Fonda oder Max von Sydow etwa waren wunderbar, die schauten einen auch an und interessierten sich für einen. Es war mir immer wichtig, das Gefühl zu haben, dass man für diese Menschen auch existiert. Richtige Schwierigkeiten mit Kollegen hatte ich eigentlich nie.

Aber einige Regisseure, so scheint es, haben von Ihnen höchsten körperlichen Einsatz verlangt, der ziemlich gefährlich aussieht. Regisseur Roland Klick hätte Sie in seinem Film  „Deadlock“ 1970 am liebsten überfahren, oder?

ADORF Klick war damals ein junger Mann, ein filmischer Enthusiast, der sich enorm begeistert hat für neue Ideen, die manchmal leider gefährlich waren. Wenn ich denen gefolgt wäre, hätte er mich umgebracht – aber nicht böswillig, sondern aus Begeisterung. Seine Auffassung war: Wenn man drehen will, wie jemand überfahren wird, dann muss man das auch genau so filmen – alles andere wäre schlechtes Kino. Ich sollte mich also für ihn überfahren lassen. Das war mir dann doch zu riskant.

Riskant sehen auch einige Ihrer Aktionen in den ziemlich knalligen Polizeifilmen aus, die Sie in den 1970ern in Italien gedreht haben.

ADORF Das lag oft daran, dass es schwer war, einen Stuntman zu finden, der mir ähnlich sieht. Das waren meistens so sportlich schlanke Typen – und fast nie so etwas Robustere wie ich. Dann habe ich das selber gemacht.  Das hat Spaß gemacht, auch wenn ich heute denke, dass das unvernünftig war. Aber mein Leben habe ich nicht riskiert, ich will ja nicht übertreiben.

Sie haben einige Jahre in Rom und in Italien gelebt – wie war das Land damals?

ADORF Ganz anders als heute. Die damalige Hoch-Zeit des italienischen Kinos, diese „Dolce Vita“-Ära ist ja leider völlig vergangen, Italien als Filmland ist fast ganz verschwunden. Aber damals lag Hollywood für einige Jahre tatsächlich in Rom. Es war eine ganz besondere Zeit, eine Zeit der großen Regisseure, der großen Produktionen. Da schwamm man auf einer Welle mit. Ich hatte mir eine kleine Wohnung gekauft, und das führte dann dazu, dass ich vielleicht ein bisschen zu lange in Rom geblieben bin.

Wieso ging dieses „Dolce Vita“ zu Ende?

ADORF Wegen Silvio Berlusconi. Mit ihm hörte dieses interessante Filmemachen auf. Er hat die Kultur heruntergefahren, Förderungen und Subventionen für die Kunst gestrichen und alles kommerzialisiert. Da ist ein großer Schaden entstanden. Berlusconi war ein entscheidender Grund für mich, Rom zu verlassen.

In St. Tropez haben Sie auch einen Wohnsitz – Europa kennen Sie also gut. Umso mehr müssen Ihnen die aktuellen Entwicklungen Sorgen machen.

ADORF Natürlich – wir müssen alles tun, damit Europa bleibt und stärker wird und dass sich alle die Gefahren nicht durchsetzen. Ich habe mich, wohl auch durch meine Herkunft und meine ganze Entwicklung, schon als Europäer gesehen, als man das noch gar nicht so genannt hat, als man noch gar nicht von „dem einen Europa“ sprach. Ich habe Europa immer sehr geliebt, gerade durch meine vielen Reisen. Wohin ich auch sonst geflogen bin – es war dort selten so schön wie in diesem kleinen grünen Europa.

In Amerika haben Sie auch gearbeitet, haben mit dem legendären  Regisseur Sam Peckinpah den Western „Sierra Charriba“ gedreht  – wie sehen Sie diese Zeit rückblickend?

ADORF Das war ja eher ein Ausflug. Ich habe früh gemerkt, dass das nichts für mich ist. Ich hätte in den 1960er Jahren in Hollywood arbeiten können – wenn ich Mexikaner gespielt hätte. Einen nach dem anderen hat man mir als Rolle angeboten. Aber warum soll ich mein Leben lang Mexikaner spielen, wenn ich schöne Angebote in Europa habe? Ich wollte mich auch nicht in diesen Haifischteich stürzen mit dieser Konkurrenz. Diesen ganz besonderen Ehrgeiz hatte ich in dieser Form nicht  – und brauchte ihn Gott sei Dank auch nicht.

Nicht vielen deutschen Schauspielern ist der Übergang von „Opas Kino“ der 50er und 60er zum jungen deutschen Film der 70er und 80er gelungen. Viele andere Karrieren sind damals versandet, Sie aber spielten ebenso bei „Winnetou“ wie bei Schlöndorff in der „Blechtrommel“ und bei Fassbinder in „Lola“. Was haben Sie damals anders gemacht als Ihre Kollegen?

ADORF Ich habe nicht eingestimmt in diesen negativen Chor, dass die jungen Filmemacher alle nichts können – es gab ja Stars, die das taten. Rangeschmissen habe ich mich zwar nicht, aber doch deutlich gemacht, dass ich da bin und mich für deren Arbeit interessiere. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ war dann eine wichtige Arbeit und ein schöner Anfang, der viele junge Regisseure überzeugt hat, dass man mit mir arbeiten kann.

War Rainer Werner Fassbinder ein genialer Regisseur?

ADORF Er war eine richtige Zugmaschine, durch seine Jugend, durch seine Unbedingtheit – und als er dann 1982 mit 37 Jahren starb, hat dieser Zug ja auch wirklich eine Zeitlang stillgestanden. Er hatte so eine bestimmte Wurschtigkeit: Ihn hat Perfektion nicht interessiert. Fehler zuzulassen war für ihn kein Problem. Er wollte sich nicht lange auf eine Arbeit konzentrieren, er wollte das schnell wegfilmen und dann sofort den nächsten Film machen. Er hatte es eilig, er hatte keine Zeit. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“ war ja ein klassischer Satz von ihm. Er hat die Kerze an beiden Ende abgebrannt – und auch in der Mitte etwas gezündelt.

Gehen Sie heute noch ins Kino?

ADORF Das schon – aber nicht regelmäßig. Wenn, dann meistens in Frankreich, weil ich dort unsynchronisierte Filme sehen kann. Ich habe einen Horror vor synchronisierten Filmen, das ist seit Jahrzehnten schon so. Am liebsten gehe ich in Paris ins Kino. Und wenn dort ein deutscher Film läuft, freue ich mich sehr – und mache gerne ein Foto vom Schaukasten.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre Karriere – können Sie da sagen, welche ihre liebste Rolle ist?

ADORF Oje, das ist ganz schwer. Sicher, die „Blechtrommel“, „Kir Royal“ natürlich, denn die Arbeit mit Helmut Dietl war etwas ganz Besonderes, auch den erwähnten „Deadlock“ und  auch „Bomber & Paganini“ – das sind Rollen, an die ich mich gerne erinnere. Aber an viele Rollen denke ich nur als eine gewisse Zeiteinteilung: Ich weiß anhand der Filmtitel, was ich etwa 1970, 1980 oder 1990 gemacht habe. Mein Leben war ja auch weitgehend geregelt durch meine Filme.

Kam Ihnen das entgegen?

ADORF Durchaus, weil ich selber so eine Lebensplanung nie hatte. Ich hätte sonst nicht  gewusst, was ich machen will, wo ich hin will – all das habe ich  nie bedacht. Ich habe immer das genommen, was gerade anlag und habe das dann gespielt. Ein planvolles Leben habe ich also nicht gehabt. Vielleicht spielt sich mein Privatleben auch deshalb heute eher zufällig ab – und nicht als Abarbeiten von Dingen oder als „Dieses und Jenes musst Du noch machen“.  Ich hatte mal einen Agenten, der über 20 Jahre lang jedes Jahr seine Sommerferien in demselben Ort, im selben Hotel und im selben Zimmer verbracht hat – kann der noch sagen, was er wann erlebt hat? Da sind Filme doch ganz gute und bequeme Lesezeichen – und an irgendwas muss man sein Leben ja festmachen.

Die Fragen stellte Tobias Keßler.