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Traditionsreiches Marionettentheater
In Augsburg tanzen die Puppen zum Jubiläum

„Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ (hier mit Scheinriese Herrn Tur Tur) gab es nur im Fernsehen, nicht als Bühnenstück.
„Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ (hier mit Scheinriese Herrn Tur Tur) gab es nur im Fernsehen, nicht als Bühnenstück. FOTO: dpa / Stefan Puchner
Augsburg. Die Augsburger Puppenkiste wird 70 und wagt sich an Wagner. Ihren Erfolg verdankt sie vor allem bezaubernden TV-Produktionen für Kinder.

Mit dem „Gestiefelten Kater“ startete am 26. Februar 1948 die Augsburger Puppenkiste ihre Erfolgsgeschichte. Das seit 70 Jahren bestehende Marionettentheater hätte also Grund zu feiern. „Machen wir aber nicht“, sagt Puppenkisten-Chef Klaus Marschall: „Wir wollen das Jubiläum nicht zu hoch hängen.“


Es ist schon einige Zeit her, dass Kinder in Deutschland mit Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, oder auch dem Urmel aus dem Eis groß wurden. Heute gibt es viel zu viel animierte Konkurrenz. Und dennoch sind diese berühmten Figuren aus Augsburg Klassiker. Auch wenn sie lediglich fürs Fernsehen in Szene gesetzt worden waren. Denn auf die Augsburger Bühne kamen sie nie, das wäre technisch nicht umsetzbar gewesen, erzählt Marschall.

Bleiben wir also zunächst beim TV: „Die Puppenkiste war darin die erste Kinderstunde“, berichtet Marschall weiter. Schon einen Monat nach dem Sendestart der ARD sei sie erstmals zu sehen gewesen: am 21. Januar 1953 mit dem Märchen „Peter und der Wolf“.

Ganze Generationen wuchsen hernach mit dem ewigen Lummerland-Ohrwurm „Eine Insel mit zwei Bergen“ auf und auch mit dem „Meer“ um dieses Eiland, das in Wahrheit Plastikfolie war – ein geradezu prophetischer Spezialeffekt, wenn man die heutige Vermüllung der Ozeane bedenkt. 1995 wurden die jährlichen TV-Produktionen eingestellt. Dieser Einschnitt fiel in Klaus Marschalls Anfangszeit als Leiter des 37-Mitarbeiter-Unternehmens Puppenkiste. 1992 hatte er den Betrieb in dritter Generation übernommen. Gegründet hatten ihn einst seine Großeltern Walter und Rose Oehmichen. Heute kommen jährlich etwa 90 000 Zuschauer zu den rund 420 Aufführungen, die dadurch zu 95 Prozent ausgelastet sind.

Dennoch: „Ohne die öffentliche Hand wären wir nicht lebensfähig“, sagt der Leiter. 320 000 Euro erhalte die Puppenkiste jährlich von der Stadt Augsburg und 200 000 Euro vom Freistaat Bayern. Dank dieser Unterstützung kann Marschall getrost Zukunftspläne schmieden. Dieses Jahr will er zum dritten Mal mit seinen Puppen einen Weihnachtsfilm drehen. Nach der biblischen Weihnachtsgeschichte im Jahr 2016 und der Cornelia-Funke-Erzählung „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“ 2017 will Marschall 2018 die Geisterweihnacht von Charles Dickens ins Kino bringen. Sein Ziel: „Unsere Bekanntheit bei jungen Leuten schwindet. Wir müssen uns besser platzieren.“



Und dann gibt es noch ein „Mammutprojekt“ zum Jubiläumsjahr: „Im Herbst wollen wir Wagners „Ring des Nibelungen“ inszenieren: vier Opern in zwei Stunden.“ Auch die neue Produktion verfolge wie alle Puppenkisten-Angebote zwei Ziele: „Gute Unterhaltung und weniger  Schwellenangst gegenüber dem Theater.“ Dieser Ansatz mache die Kiste bis heute pädagogisch wertvoll.