| 20:19 Uhr

Free Jazz Festival in Saarbrücken
Improvisationskunst auf allerhöchstem Niveau

Saxofonist John Dikeman vom Trio Mendoza/Dikeman/Govaert.
Saxofonist John Dikeman vom Trio Mendoza/Dikeman/Govaert. FOTO: Mondoza / mendoza
Saarbrücken. Großer Andrang und beste Stimmung herrschte beim vierten Freejazz-Festival, zu dem mehrere bekannte Musiker nach Saarbrücken angereist waren. Von Stefan Uhrmacher

Eine feine Sache, wenn Eintrittskarten sich verkaufen wie warme Semmeln – so im Vorfeld des fünftägigen 4. Freejazz-Festivals Saarbrücken. Problematisch freilich, dass im heimeligen Kleinen Theater im Saarbrücker Rathaus (reserviert für Freitag) ebenso wie im noch attraktiveren Filmhaus (Samstag) die Plätze allzu rasch weg waren. Um der anhaltenden Nachfrage Herr zu werden, verpflanzten der künstlerische Leiter Stefan Winkler und die Mitorganisatoren Hans Husel, Thomas Geisler und Christof Thewes die beiden Hauptabende des Treffens kurzerhand in den etwas geräumigeren Saal des Evangelischen Gemeindezentrums am St. Johanner Markt.


Atmosphärisch hätte das den Kollaps bedeuten können – wäre da nicht Jorgo Schäfer gewesen. Mit seinem Live-Action-Painting begleitet der Künstler aus Remscheid das Festival seit den Anfangszeiten, nun installierte er drei nahezu deckenhohe Skulpturen seiner Serie „Standing at the bottom of the totem pole“, 2009 fürs New Yorker Vision-Festival geschaffen, als Bühnenhintergrund. Und siehe da: Schäfers ebenso stattliche wie filigrane, fernöstlich anmutende Installation zauberte eine rettende Dosis Festivalflairs ins antiseptische Ambiente des Gemeindetreffs, der übrigens mit einer soliden Akustik punkten konnte.

Die hatten die hervorragenden Freejazztage verdient. Denn die vielen von auswärts angereisten Improvisations-Jünger erlebten ein starkes Programm. Dass unsere Region in dem Genre locker vorne mitmischen kann, unterstrich am Freitag zur Eröffnung einmal mehr der Lokalmatador Christof Thewes (Posaune) mit seiner Saar-Truppe „Yahoos“ (am Schlagzeug Jörg Fischer, Wiesbaden): Die halbstündige Dauerimprovisation versprühte Energie, Tempo und Power. Vor allem die beiden Tremolo-begeisterten Saiten-Mannen Thomas Honecker (E-Gitarre; heute von Darmstadt aus wirkend) und ‚Special Guest‘ Martin „Schmiddi“ Schmidt (E-Bass) sorgten für einen handfesten Rock-Touch. Noch zwei Nummern martialischer ging spätabends das Trio (mit John Dikeman; Saxofon; Onno Govaert, Schlagzeug) um die US-amerikanische E-Gitarristin Ava Mendoza zu Werke: Phonstärken, bei denen die Dielen wackelten, nur etwas für Hardcore-Freejazzer. Packendste Passage inmitten der punktgenau improvisierten Dauer-Eruptionen war ein Dialog zwischen Mendoza und Gaststar Barry Guy (Kontrabass).



Freunde moderaterer Improvisationsklänge kamen beim Duo des Routiniers Tobias Delius (Saxofon, Klarinette) mit dem Newcomer Christian Lillinger (Schlagzeug) auf ihre Kosten: Dem facettenreichen Miteinander, das auch eigenbrötlerische Abstecher organisch einband, lauschte man mit Spannung. Der Begriff „Facettenreichtum“ fiel einem auch zuallererst zum Trio Rasmussen/Lytton/Guy am Samstag ein, dem ausgewogensten Festivalprogrammpunkt: Die junge dänische Saxofonistin Mette Rasmussen und die britischen Koryphäen Barry Guy und Paul Lytton erspielten ein breites dynamisches Spektrum zwischen Fortissimo und Pianissimo. Klagende, zärtliche Saxofontöne gab’s ebenso wie wilde Überblasungen – den Namen Rasmussen sollte man sich merken. Entsprechend erfreuten auch der wieselflinke Schlagmann Lytton und Barry Guy mit sensiblen Momenten: Rührend, wie feinfühlig der in archaischer Lauerstellung am Kontrabass kämpfende Barry Guy in die Saiten greifen konnte.

 Dreh- und Angelpunkt des Vierers Rupp/Honsinger/Borghini/Fischerlehner war dann der Cellist Tristan Honsinger. Mit dadaistisch angehauchten Wortspielen rückte er das Performance-Element in den Vordergrund; die Improvisationen der Mitspieler bildeten hierzu eher eine an- und abschwellende Geräuschekulisse. Ein Konzept, das eine Zeitlang gut trug, dem sich der hervorragende Gitarrist Olaf Rupp freilich arg unterordnen musste – schade!

Charismatischster Beitrag wurde erwartungsgemäß das finale Tête-à-Tête der lebenden Free-Legenden Peter Brötzmann und Han Bennink. Hut ab vor der Power, die Brötzmann mit 77 Lenzen via Saxofon und Klarinette ins Auditorium katapultierte. Daneben offenbarte der Altmeister seelenvolle Zwischentöne, wie man sie in seinen Sturm-und-Drang-Tagen kaum kannte. Bennink gab einmal mehr den Schalk, trommelte auf dem Bühnenboden und unterhielt mit fröhlichen Gesangseinlagen. Zwei, die sich perfekt ergänzen und bei aller zelebrierten individuellen Freiheit musikalisch immer wieder eins sind – auch bei mehreren Zugaben. Verdiente Ovationen, die obendrein sicherlich einem Festival galten, dem man eine lange Zukunft und reichlich Zuschüsse wünscht.