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Erinnerungen
Mit dem Vater über den Krieg sprechen

Eine TV-Dokumentation brachte das Gespräch in Gang. Von Hans Onkelbach

Die Kindheit in dem Dorf Liedberg bei Korschenbroich, Ende der 50er Jahre. Wie mir später klar wird, ist dort ein Dutzend Jahre nach 1945 – anders als in den Städten – vom Krieg nicht viel zu sehen, denn es gibt keine Trümmergrundstücke. Nur ein paar Bombentrichter im Wald, in denen wir gerne spielen. Manchmal fallen Arm- und Beinamputierte auf, einer von ihnen versucht als fliegender Händler auf einem umgebauten Fahrrad mit dem Verkauf von Kurzwaren seine Rente aufzubessern. Der Sohn einer Großtante ist schwer verletzt heimgekehrt, und in der Familie wird immer wieder davon geredet, wie man überlebt hat. In der Nähe gibt es ein Barackendorf, in dem deutsche Flüchtlinge aus dem Osten leben. Wir nennen es „Marokko“, und wir haben Angst vor diesen Fremden. Ein Junge von dort kommt in unsere Schule. Er ist, o Gott, evangelisch – und wie wir von unserem Pastor, einem prügelnden Sadisten, gehört haben, wird er im Falle des Todes ohne den Umweg über das Fegefeuer der ewigen Verdammnis anheimfallen. Jahre habe ich das geglaubt.


Erst viel später spricht mein Vater (geboren 1928) über das, was er selbst erlebt hat. Spät abends, ich schlafe schon, holt er mich eines Tages aus dem Bett und setzt mich mit den Worten „Das musst Du gesehen haben!“ vor den kurz zuvor gekauften Fernseher. Ich sehe einen Mann namens Goebbels, der vom „totalen Krieg“ schreit, Bomber, Kämpfe, brennende deutsche Städte und – nie habe ich diese Bilder vergessen – Bulldozer, die Berge von bizarr abgemagerten Leichen in Gruben schieben. „Alles Juden!“ sagt mein Vater, und erzählt mir von den KZ, in denen sie ermordet wurden. „Das musst Du wissen!“ sagt er mir, dem Zwölfjährigen. Heute weiß ich, dass diese Abende 1965 gewesen sein müssen – 20 Jahre nach Kriegsende liefen Dokumentationen im TV, und ich sah sie mit ihm an.

Und dann erzählte er: Eingezogen 1944 (mit 15), freiwillig wollte er zur Marine (U-Boot-Flotte), aber auf dem Weg gab es eine Planänderung: Für die SS wurden er und seine Kameraden rekrutiert, man tätowierte ihnen die berüchtigten Runen in den Arm, und ab ging es zur Ostfront nach Ungarn. Dort Kampfeinsätze und die pure Angst vor den russischen Soldaten. Schließlich die Nachricht vom Kriegsende, und die Flucht des 16-Jährigen aus Ungarn zu Fuß, auf einem geklauten Fahrrad, manchmal auf einem Lkw oder Zug zurück nach Hause. Die SS-Runen hatte er sich mit einem glühenden Stück Holz ausgebrannt, die Narbe trug er sein Leben lang. Kurz vor seinem 17. Geburtstag kam er daheim an, und seine Mutter verbrannte seine kurze Lederhose, weil sie von Läusen wimmelte.



Seine Erinnerung? Differenziert! Schöne Zeit in der Hitlerjugend, Horror im Krieg, Hoffnung auf Karriere bei der SS. Am Ende offenbar die Erkenntnis, Opfer und Zeitzeuge unfassbarer Verbrechen gewesen zu sein. Geholfen hat ihm nie einer – nur zugehört, in endlosen Stunden an zahllosen Abenden: Sein Sohn und später seine Tochter.