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Bildband über Arno Schmidt
Fundgrube fantastischer Absencen

Letztes Foto Arno Schmidts, 43 Tage vor dem Tod (3.6.1979).⇥Foto: Suhrkamp
Letztes Foto Arno Schmidts, 43 Tage vor dem Tod (3.6.1979).⇥Foto: Suhrkamp FOTO: Suhrkamp Verlag / Suhrkamp Verlag
Saarbrücken. Die Arno Schmidt-Stiftung gastiert heute Abend im Saarländischen Künstlerhaus.

Eingefleischte Arno Schmidt-Leser wissen, dass der scheueste und originellste Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur ein monomanischer Textarbeiter war, der im kleinen Bargfeld in der Lüneburger Heide in größtmöglicher Abschottung von der Öffentlichkeit ein unglaublich facettenreiches, höchst originelles literarisches Werk schuf. Eines, das selbst von seinen glühendsten Verehrern bis heute wohl nie ganz durchdrungen wird – so vielfältig, sperrig und komplex ist der Kosmos Schmidt. Zwei Jahre nach Schmidts Tod gründeten seine Witwe Alice und der Germanist und Fabrikantenerbe Jan Philipp Reemtsma 1981 die Arno Schmidt-Stiftung, die sich seither um die Pflege seines Werkes kümmert. Einer von vielen Bausteinen ihrer Schmidt-Exegese war zuletzt die Herausgabe einer opulenten, kiloschweren Bild-Biographie über den Meister. Eben diese wird die Herausgeberin des Bandes, Fanny Esterházy, heute mit dem dreiköpfigen Vorstand der Stiftung (bestehend aus Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philip Reemtsma) auf Einladung des Saarbrücker Schriftstellers Jörg W. Gronius im Saarländischen Künstlerhaus vorstellen. Für Schmidtianer fraglos ein Pflichttermin, für Schmidt-Unerfahrene eine ideale Initiationsübung.

Schmidts Diktum folgend, dass  sein Leben „in entscheidendem Maße vom Ort abhängig“ war, fächert der einer Botanisiertrommel gleichende Band die einzelnen  biografischen Stationen in Fotos, Briefen, Notizen und Zeichnungen Schmidts (sowie Einlassungen seiner Angehörigen, Freunde und Kollegen) auf. Einleitende, kundige Texte von Bernd Rauschenbach bündeln die jeweiligen Etappen, die anschließend in auf erhellende Weise miteinander korrespondierenden Bild- und Textstrecken veranschaulicht werden. „Infolge meiner fantastischen Absencen“ überstand der geborene Autodidakt, spätere Lagerbuchhalter und Wehrmachtsoldat Schmidt Krieg und Nachkriegselend. Die Schilderungen seines erst infolge relativ späten Ruhms und Reemtsmas Mäzenatentums überwundenden Verarmtseins sind legendär. 1958 bezogen die Schmidts dann ihr winziges Refugium in Bargfeld, der Traum vom eigenen „Häusel“ wurde wahr. Dazu gestaltet dieses Buch auf dem Fundament seiner reichen Fundgrube ein Haus der Erinnerungen.

Arno Schmidt: Eine Bildbiographie. Suhrkamp, 460 Seiten, 68 €.

Lesung und Gespräch mit Fanny Esterházy, Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma heute um 20 Uhr im Künstlerhaus.