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„Green Book“
Zwei Kumpel auf dem Weg zum Oscar

Erst das Zusammenspiel von Viggo Mortensen und Mahershala Ali macht aus „Green Book“ einen preiswürdigen Film. Von Martin Schwickert

Das titelgebende Buch ist ein Reiseführer der besonderen Art. „The Negro Motorist Green-Book” erschien zuerst im Jahre 1936 und listete Restaurants, Bars und Hotels in den US-Südstaaten auf, in denen Reisende schwarzer Hautfarbe willkommen waren. Selbst noch in den frühen 1960er Jahren war eine Reise durch die ehemals konföderierten Staaten für Afroamerikaner mitunter eine lebensgefährliche Angelegenheit. Das weiß auch der angesehene, schwarze Pianist Dr. Don Shirley (Mahershala Ali), der eine Konzerttour durch den amerikanischen Süden plant und dafür einen Chauffeur mit handgreiflichen Fähigkeiten sucht.


Die Wahl fällt auf den Italoamerikaner Tony Vallelonga (Viggo Mortensen), der aufgrund seines losen Mundwerks den Zunamen „The Lip” trägt. Der erfahrene, zeitweilig arbeitslose Nachtclub-Rausschmeißer kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, als er Shirleys Wohnung über der New Yorker Carnegie Hall betritt. Von Kunstschätzen umgeben sitzt sein zukünftiger Arbeitgeber auf einem goldenen Thron und führt die Verhandlungen in distinguierter Diktion. Widerstrebend lässt sich Tony auf den Job ein, obwohl er genau weiß, dass bei dieser Reise Ärger vorprogrammiert ist.

Shirley gibt seine klassischen Klavierkonzerte in edlen Konzerthallen und noblen Hotels. Das ausnahmslos weiße Publikum in Abendgarderobe jubelt ihm zu, aber die „weiße“ Toilette darf der gefeierte Künstler nicht benutzen und wird über den Hof geschickt, wo sich das WC für Schwarze befindet. Als Chauffeur taucht Tony ein in eine ihm unbekannte Welt voller rassistischer Diskriminierungen.



Regisseur Peter Farrelly zieht „Green Book“ als klassisches Buddy-Movie mit zwei extrem gegensätzlichen Charakteren auf. Nicht nur die Hautfarbe trennt die beiden, sondern auch die Klassengegensätze. Shirley ist ein hoch gebildeter, wohlhabender Mann, der sich über den ordinären Sprachgebrauch seines Angestellten echauffiert und dem Fahrer schon bald zart schmelzende Liebesbriefe an dessen Frau in die Feder diktiert. Tony ist ein bekennender Proll und Gelegenheitsrassist aus Brooklyn. Als seine Frau den schwarzen Klempnern in der Wohnung ein Glas Wasser anbietet, wirft Tony die benutzten Gläser in den Abfalleimer.

Aber natürlich ist die Fahrt in den wilden Süden der Beginn einer langen tiefen Freundschaft. „Green Book“ ist ein antirassistischer Wohlfühlfilm fürs liberale Amerika, der nicht ohne romantische Verklärung zeigt, dass eine freundschaftliche Annäherung über alle Rassen- und Klassenschranken hinweg möglich ist. Von den krassen Diskriminierungen von Schwarzen in den Südstaaten der sechziger Jahre kann sich das Zielpublikum auf einfache Weise abgrenzen, ohne sich über weniger direkten Formen des Rassismus in der heutigen Gesellschaft Gedanken machen zu müssen.

Peter Farrelly, der mit seinem Bruder Bobby in den 90ern für Bödelkomödien wie „Dumm und Dümmer“ oder „Verrückt nach Mary“ verantwortlich zeichnet, ist kein Mann von übertriebener Subtilität. Er adressiert seine versöhnliche Botschaft direkt, gut verständlich und ohne lästige Differenzierungen. Aber auch wenn Handlung und Dialoge recht vorhersehbar um die Ecke kommen, kann „Green Book“ durch seine beiden Hauptdarsteller letztlich dennoch überzeugen.

Mortensen überzeichnet den verfressenen, italienischen Türsteher mit dem Herz am rechten Fleck auf hinreißende Weise und hebelt gerade dadurch die angespielten Klischees aus. Der fabelhafte Mahershala Ali („Moonlight“) wiederum lotet Tragik und Komik seiner Figur mit feinsinnigem Gespür aus.

Damit bietet er den idealen schauspielerischen Gegenpol für eine Freundschaftskomödie, die als kalkulierter Publikumsliebling mit dem „Golden Globe“ ausgezeichnet wurde und auch bei den Oscars gute Chancen haben wird.

Green Book, USA 2018 – Regie: Peter Farrelly, mit Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini 131 Min.