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„Mary Shelley“ im Kino
Die Frau, die „Frankenstein“ schuf

 Versonnenheit auf dem Friedhof: Elle Fanning als Mary Shelley.
Versonnenheit auf dem Friedhof: Elle Fanning als Mary Shelley. FOTO: dpa / -
In „Mary Shelley“ ist Elle Fanning in der Titelrolle zu erleben. Ihr gelingt ein überzeugendes Porträt der Dichterin.

(dpa) Das junge Mädchen sitzt auf dem Friedhof, angelehnt an einen Grabstein, den Blick nicht trauernd, eher träumerisch in die Wolken gerichtet. Dann schreibt es hastig einige Zeilen in sein Notizbuch. Die einsame Poetin heißt Mary (Elle Fanning), und auf dem Grabstein steht der Name ihrer Mutter, der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft. Die vielbewunderte Vorkämpferin starb im September 1797 zehn Tage nach der Geburt ihrer Tochter, für die sie immer Vorbild bleiben sollte. Eine Beziehung weit über den Tod hinaus.


Mit dieser Schlüsselszene beginnt das bewegende Drama „Mary Shelley“ über eine Autorin, die am Anfang des 19. Jahrhunderts mit ihrem Roman „Frankenstein“ weltberühmt wurde. Die in Saudi-Arabien geborene Regisseurin Haifaa Al Mansour, die 2012 mit ihrem emanzipatorischen Spielfilmdebüt „Das Mädchen Wadjda“ für Furore sorgte, beschränkt sich in ihrem quicklebendigen, stark besetzten Kostümfilm klug auf wenige Jahre im Leben ihrer jungen Heldin. Sie konzentriert sich auf die Geschichte einer großen Liebe, einer Amour fou, die sich nicht um gesellschaftliche Normen kümmert.

Mit 16 Jahren begegnet die Halbwaise Mary dem einige Jahre älteren romantischen Dichter Percy Shelley (Douglas Booth), der sie sofort in seinen Bann zieht. Mary verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen Hitzkopf, erst später erfährt sie, dass Shelley bereits verheiratet ist. Aber es geht hier nicht um bürgerliche Moralvorstellungen, sondern um elementare Emotionen: „Ein Feuer brennt in meiner Seele und ich werde weder Dir noch anderen erlauben, es einzudämmen“, rechtfertigt sich Mary gegenüber ihrer verständnislosen Stiefmutter.



Sie brennt mit dem rebellischen Literaten Shelley durch und schleppt ihre frustrierte Halbschwester Claire (Bel Powley) gleich mit. Zwei Jahre später können Percy und Mary heiraten, weil Shelleys vereinsamte Ehefrau Harriet sich umgebracht hat. Himmel und Hölle liegen in diesem Parforceritt der Leidenschaften immer ganz nah beieinander.

Im sogenannten „Jahr ohne Sommer“ 1816 verbringen die Shelleys zusammen mit Claire, dem exaltierten Dichterfürsten Lord Byron (Tom Sturridge) und dem unglücklichen Dr. Polidori einige Wochen in einer Villa am Genfer See. Um die Langeweile zu vertreiben, regt Byron einen Schreibwettbewerb an. Jeder der Anwesenden soll eine Gruselgeschichte zu Papier bringen. Während die anderen schnell aufgeben, konzipiert Mary Shelley das Grundgerüst für ihren epochalen Roman „Frankenstein“, der zwei Jahre später anonym erscheint. Kein Mensch konnte sich vorstellen, dass eine Frau sich diese Zukunftsvision über einen künstlichen Menschen und die Hybris eines Forschers hatte ausdenken können.

Zum Glück ersparen uns Haifaa Al Mansour und ihre Drehbuchautorin Emma Jensen Bilder von zuckenden Gliedmaßen und schlecht zusammengenähten Ungetümen. Das wahre Monster ist in diesem Film nicht das unglückliche, einsame Geschöpf des Dr. Frankenstein. Monströs ist vielmehr der Mensch, der keine moralischen Grenzen für sich akzeptiert.

Die selbstbewusste, aber oft schutzlose Mary muss die bittere Erfahrung machen, dass eheliche Treue für den genialischen Heißsporn Shelley keine Priorität hat. Mary dagegen, die keineswegs prüde ist, möchte vor allem sich selbst treu bleiben, als Frau und Autorin ihren Weg gehen. Da folgt sie dann wieder ihrer so früh verstorbenen Mutter. Nach Percy Shelleys Tod in Italien kehrte Mary Shelley nach London zurück und arbeitete fast 30 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1851 als freie Autorin.

Mary Shelley, England 2017 – Regie: Haifaa Al Mansour, mit Elle Fanning, Douglas Booth, Tom Sturridge, 120 Min., FSK ab 12