| 20:46 Uhr

Poetikdozentur in Saarbrücken
Experimentelles Mitmach-Theater im „Möglichkeitsraum“

Saarbrücken. Im Rahmen der Saarbrücker Poetikdozentur hielt Lisa Lucassen vom Theaterkollektiv She She Pop den ersten Vortrag mit dem Titel „Wir sind einige von euch“. Von Silvia Buss

Als „Unglücksschmiede des deutschen Theaters“ bezeichnete ein konservativer Theaterkritiker einmal das Gießener Institut für angewandte Theaterwissenschaft: Weil es Gruppen wie She She Pop hervorgebracht habe. Mit diesem Urteil dürfte der Mann heute einsam da stehen. Denn mit ihrem bisherigen Werk von 30 Arbeiten in 25 Jahren gehört das Performance-Kollektiv zu den profiliertesten experimentellen Gruppen der deutschen Theaterszene, um die sich große Häuser bis nach Paris und Kyoto als Koproduzenten reißen.


Weshalb She She Pop-Gründungsmitglied Lisa Lucassen die Kritiker-Anekdote am Montag, zum Auftakt der Saarbrücker Poetik-Dozentur für Dramatik, auch mit Genuss kolportierte. In ihrem Eröffnungsvortrag, bei dem das Mittelfoyer des Staatstheater mit 120, meist jungen Zuhörern, fast aus allen Nähten platzte, sprach Lucassen über das Selbstverständnis des siebenköpfigen Frauen-Kollektivs (zu dem auch ein Mann gehört) als Künstlerinnen und ihr Verhältnis zu den Zuschauern in Abgrenzung zu den Theater-Konventionen. Im Gegensatz zu Schauspielerinnen, die einen vorgegebenen Text sprechen, brächte bei ihnen jede Performerin ihre eigene Biografie als Material mit ein und sei für ihre Bühnenhandlung selbst verantwortlich, erklärte Lucassen.

Wie im Titel des Vortrags „Wir sind einige von Euch“ formuliert, halten die Performerinnen nichts von Genies, die Kunst hervorbringen. Vielmehr sehen sie sich als exemplarisch für die Zuschauer an, wollen auf er Bühne Fragen aus ihrem Alltag stellen, die das Publikum sich auch stellt und „die man nicht allein beantworten kann“. Dabei sollen widersprüchliche Meinungen ruhig nebeneinander stehen, denn nur vielstimmig, so Lucassen, könne man die Komplexität der Gesellschaft valide abbilden. Nach irritierenden Reaktionen des Publikums – Lucassen spricht von Missverständnissen und Demütigungen – reflektierte die Gruppe das Verhältnis zum Zuschauer gründlich und beschloss, es, in Anlehnung an Brechts „Theater ohne Publikum“, mit einzubeziehen, auch mitverantwortlich zu machen.



Sie kreierten Abende, die auf Spielstrukturen statt auf Text basierten, das Publikum kann den Verlauf des Geschehens mitbestimmen. Das sei natürlich ein Risiko, da müsse man etwas in petto haben, der Zuschauer könne der Performerin quasi beim Denken zusehen, so Lucassen. Dabei geht es, wie sie in Video-Auszügen zeigte, nicht nur ums Zusehen, auch ums Handeln. In „Bad“ etwa, einem Stück über Ängste und Sadomasochismus, wurden die Zuschauer im Stuhlkreis aufgefordert, der Performerin die Unterhose auszuziehen oder alternativ einen Tequila zu trinken, dann würde sie zwei trinken. Egal wie sie sich da verhalten, sie zeigen ihre persönlichen Vorlieben, Abneigungen, Hemmungen für alle sichtbar. Was die „Zuschauer“ dafür im Gegenzug erhalten, sei ein „Möglichkeitsraum“, ein Schutzraum, in dem sie Erfahrungen machen und Haltungen ausprobieren können, die außerhalb nicht möglich sind.

Zum Abschluss des Vortrags konnten auch die Zuschauer im Staatstheater mitmachen: Lucassen ließ sie nach Anweisung vom Video summen, jeder konnte da entscheiden, ob er sich der Gruppe der summenden Skeptiker oder der an Solidarität glaubenden zuordnete. Ein kleiner Auszug aus dem neuesten Werk von She She Pop, in dem sie, auch das ist typisch, wieder ein Tabu-Thema aufgreifen. In „Oratorium“ geht es ums Erben.

Weitere Termine: 11. Juni: „Platzwechsel“ mit Ilia Papatheodorou (Schlosskeller).
18. Juni: „Was man aufs Spiel setzt“, mit Sebastian Bark im Festsaal des Saarbrücker Rathauses. Die Vorträge inclusive Videomaterial beginnen jeweils um 20 Uhr, der Eintritt ist frei.