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Sachbuch-Tipp
Einsamkeit als schmerzhafte Krankheit

Saarbrücken. Der Psychiater Manfred Spitzer beschreibt, wie soziale Isolation das menschliche Gehirn beeinflusst. Von Roland Mischke

In Berlin gibt es jedes Jahr etwa 300 Menschen, die wegsterben, ohne dass es jemand merkt. Kneipenwirte wissen, saß ein Stammgast wochenlang nicht mehr am Tresen, sollte jemand nach ihm schauen. Neben älteren alleinlebenden Menschen sind es zunehmend auch Jüngere, die aus dem sozialen Netz fallen. Nicht immer erkennbar, denn Einsamkeit ist ein Tabu.


Für den Hirnforscher Manfred Spitzer sind Mädchen von etwa 15 Jahren bis Anfang zwanzig die Einsamsten. Ausgerechnet weil sie sozialer sind als Jungen. Ihr Bedürfnis nach Kontakt ist enorm, aber sie kommen in der Pubertät mit dem normgeprägten Verhalten in der Schule, im Elternhaus und vor allem mit Mobbing und Zickenkrieg unter ihresgleichen nicht zurecht.

Manfred Spitzer ist ein rigoroser Neurologe und Psychiater, bei Kollegen nicht beliebt. Er ist bekannt für Bücher mit alarmistischen Titeln wie „Cyberkrank“, „Vorsicht, Bildschirm!“ oder sein bekanntestes Werk „Digitale Demenz“. Forscher werfen Spitzer vor, dass er Studien, auf die er sich bezieht, in seinem Sinne umdeutet. Er zitiere selektiv aus einer Studie und lasse weg, was nicht zu seinen Thesen passe.



Doch die jüngste Studie vom März dieses Jahres, die Spitzer beim Schreiben nicht kannte, kommt zu Ergebnissen, die seine Thesen stützen. „Einsamkeit ist buchstäblich mit Schmerzen verbunden“, sagt Karl-Heinz Ladwig, Münchner Professor für Psychosomatische Medizin. Heute könne die Neurobiologie präzise erfassen, „dass bei schwerwiegenden Gefühlen von Einsamkeit Hirnregionen im Limbischen System – also dort, wo die Gefühle verarbeitet werden – aufleuchten, die auch für Schmerzen zuständig sind.“ Dieser Satz könnte von Spitzer sein. Er betont, dass die Folgen von Einsamkeit Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenz sein können. „Einsamkeit ist das neue Rauchen, Saufen und Dicksein.“ Das Problem sei, dass man eine Gruppe von Leuten, die sich vereinsamt fühlen, studienhalber zehn Jahre begleitet, Blutdruck, Körpergewicht, Alkoholkonsum und Medikamentenmissbrauch misst, und dann erst zu einem Fazit gelangt. „Da wartet man zehn Jahre und zählt die Toten“, so Spitzer.

Der Vater von fünf Kindern hat sich auf den Umgang mit digitalen Medien spezialisiert, für ihn das Grundübel. Sie würden Denkvermögen, Orientierungssinn und Gedächtnis beeinträchtigen. Nach seiner Faktenrecherche nehme bei Menschen, die sich viel mit ihrem Digitalgerät beschäftigen, aber auch solchen Zeitgenossen, zu denen oft nur noch der Fernseher spreche, die Fähigkeit zur Empathie ab. Er sieht in der Gesellschaft, dass „narzisstische Persönlichkeitszüge stark zugenommen haben“. Als gefährliche Entwicklung registriert Spitzer, dass Einsamkeit ansteckend ist. „Es wirkt erstmal wie ein Paradox, ist aber dann keines, wenn man Einsamkeit und Alleinsein unterscheidet. Der objektive Tatbestand sozialer Isolation ist eben nicht gleich Einsamkeitsgefühl. Man kann das Gefühl auch haben, ohne sozial isoliert zu sein. Und dann kann man das Gefühl ansteckend an andere weitergeben“, heißt es.

Spitzers Buch kennt keine Lösungen, es analysiert ein zunehmendes Problem in der modernen Gesellschaft. Depressionen, argumentiert er, würden heute mehr und mehr anerkannt. Sie seien oft auf chronische Einsamkeit zurückzuführen. Die sei die wahre Krankheit. In England ist Anfang 2018 eine Ministerin für Einsamkeit berufen worden.

Manfred Spitzer: Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit. Droemer Knaur, 320 S., 19,90 €.