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Neuer Staatstheater-Dirigent
Ein Spätstarter macht das Dirigenten-Rennen

Gut gelaunt ins neue Amt: Sébastien Rouland wird kommende Saison das Saarländische Staatsorchester übernehmen. Auch die aktuelle Saarbrücker Saison hat er schon eröffnet – mit einem glänzenden „Guillame Tell“.
Gut gelaunt ins neue Amt: Sébastien Rouland wird kommende Saison das Saarländische Staatsorchester übernehmen. Auch die aktuelle Saarbrücker Saison hat er schon eröffnet – mit einem glänzenden „Guillame Tell“. FOTO: Florence Grandidier / d
Saarbrücken. Mit einem glänzenden „Tell“ zu Beginn der Saison empfahl er sich bereits nachdrücklich. Nun ist es amtlich: Sébastien Rouland wird neuer Chef des Saarländischen Staatsorchesters. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Irgendwie hatte man gleich nach den ersten Takten dieses Das-könnte-er-sein-Gefühl: Sébastien Rouland steht im September, es ist der erste Abend der frischen Theatersaison, im Orchestergraben des Großen Hauses. Groß auch die Oper: Grand opéra hat der neue Hausherr, Intendant Bodo Busse, angesetzt. Und Rouland bläst mit „Guillaume Tell“ sofort zur Attacke – mächtig, treibend, mitreißend. Schließlich tönt da eine Freiheitshymne. Doch auch wunderbar süffig, sogar klang­sinnlich gibt sich das Staatsorchester unter seinen Händen. Eben so wie man sich das von einem französischen Dirigenten wünscht, wenn es diesem, nun ja, „französischen“ Rossini gilt. Und wie es auch zu Busses Ansinnen passt, das Saarbrücker Theater, diese Bühne der Grenzregion, „europäischer“ zu denken, mehr noch Richtung Frankreich zu orientieren.



Mit Rouland als künftigem Generalmusikdirektor (GMD) des Staatsorchesters hat sich Busse so gesehen auch einen Wunsch erfüllt. Dabei stieg der Franzose sogar verspätet ins GMD-Rennen ein. Da hatte der Intendant schon längst für sechs andere Kandidaten den Startschuss gegeben; Rouland musste aber erst noch klären, ob sich das Engagement hier überhaupt mit seinen übrigen Verpflichtungen verbinden, sich im beeindruckend vollen Terminkalender genug Platz schaffen lässt. Trotzdem hatte der Spätstarter zum Schluss den Taktstock vorn; zur Freude des Theaterchefs wie der Musiker. Womit dann auch eine der wichtigsten Kultur-Personalien des Landes geklärt wäre, nachdem der amtierende GMD, Nicholas MiIton, vor Jahresfrist bekannt gab, „aus persönlichen Gründen“ nicht verlängern zu wollen. Fakten, die nun auch Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD) in Stimmung bringen: „Ich freue mich, mit Sébastien Rouland einen international renommierten Künstler für die kommenden, mindestens vier Jahre an das Saarländische Staatstheater zu binden.“

Der selbst allerdings war nicht zur Verkündung angereist. Probt der 45-Jährige doch gerade am Königlichen Theater in Kopenhagen – Kuhlaus „Lulu“, eine Oper mit reichlich Seltenheitswert. „Durch ,Tell‘ hatte ich bereits Gelegenheit, die herausragende Arbeit des Saarländischen Staatsorchesters und des Sängerensembles kennenzulernen“, ließ der künftige GMD jedoch mitteilen. Vier Spielzeiten läuft sein Vertrag, von Sommer 2018 an, mit Option auf Verlängerung. Busse kennt er bereits aus Wiesbaden, wo Rouland 2002 diesseits des Rheins erstmals am Pult stand; Busse war damals dort Mitglied der Opernleitung. Einige gemeinsame Produktionen, darunter auch Rares, folgten. Intendant und Dirigent haben also die Kennenlernphase hinter sich. Die Lust gemeinsam noch viel Neues zu wagen aber vor sich, hofft Busse. Mit dem Intendanten teilt Rouland jedenfalls die „Vorstellungen von Musiktheater für das 21. Jahrhundert“. Zwei auf gleichem Weg.

Und Bodo Busse freut sich, dass er einen Orchesterchef gewinnen konnte, der so vieles bereits vorzuweisen hat. Ein „Belcanto-Spezialist“ sei er, schwärmt der Theaterobere, aber andererseits habe er auch bei Marc Minkowski und den Musiciens du Louvre, Frankreichs erster Adresse für historische Aufführungspraxis, eine prägende Zeit gehabt. An den Staatsopern in Berlin und Hamburg, in Leipzig, Paris, an der Wiener Volksoper aber auch in Seoul dirigierte Rouland bereits. Dito ist er mittlerweile in den Konzertsälen Europas sehr präsent. Hat sich mit Gounod, Massenet, Saint-Saëns und mit Jacques Offenbachs Werken einen beachtlichen Ruf erarbeitet. Doch auch das Zeitgenössische kommt nicht zu kurz – wie auch die deutschen Schwergewichte nicht. Wichtig, schließlich will Busse ja auch Wagners Titatenwerk, den „Ring“, in Saarbrücken wagen. Ursprünglich bereits für nächste Saison geplant, schiebt er nun um ein Jahr, damit Rouland sich höchstpersönlich um Wotan samt Walküren kümmern kann. Opern- und Konzert-Dirigate werden sich in Saarbrücken aber wohl die Waage halten für den neuen Chef, sagt Bodo Busse. Ob der aktuell in der Nähe von Nantes lebende Dirigent mit seiner Familie nach Saarbrücken übersiedeln wird, stehe noch nicht fest. Rouland stammt übrigens aus der Nähe von Paris, fing einst mit dem Cello an – bevor er dann Dirigent wurde.

Übrigens nicht der erste Franzose am Pult des Saarbrücker Orchesters: Laurent Wagner war in den späten 90ern Chef des Staatsorchesters. Ansonsten ging’s zuletzt an der Spitze reichlich international zu. Russland, Deutschland, Japan, Australien: Leonid Grin, Constantin Trinks, Toshiyuki Kamioka und aktuell Nicholas Milton, der nach dem flüchtigen Klangmagier Kamioka kam. Der japanische Dirigent bescherte zwar fraglos mit dem Staatsorchester rauschende Konzerterlebnisse. Ansonsten aber glänzte er eher durch Abwesenheit. Milton dagegen avancierte rasch zum Publikums-Darling. Und Nick the entertainer probierte mutig auch mal neue Formate. Dafür allerdings dirigiert er gelegentlich eher handfest.



Falls man sich also was wünschen darf, dann von beiden Vorgängern das Beste. Vielleicht schafft das ja ein Franzose in Saarbrücken.