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Der Schriftsteller Arnfrid Astel ist tot
Ein Meister intuitiver Verstrickung

Arnfrid Astel und Peter Rühmkorf (rechts) vor etlichen Jahren am Saarbrücker Staden.
Arnfrid Astel und Peter Rühmkorf (rechts) vor etlichen Jahren am Saarbrücker Staden. FOTO: Klaus Trenz
Saarbrücken/Trier. Der Schriftsteller und Lyriker Arnfrid Astel ist tot. Er starb gestern im Alter von 84 Jahren in Trier. Als streitbarer SR-Literaturredakteur, Dozent und Lyriker galt er als wichtige Stimme nicht nur der saarländischen Literaturlandschaft. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Arnfrid Astel, der gestern früh völlig überraschend im Alter von 84 Jahren in seiner Wahlheimat Trier starb, war als Mensch und Künstler ein Meister der intuitiven Verstrickung. Wenn andere bereits in Naheliegendem gedanklich verendeten, nahm der versierte Querkopf Astel dort überhaupt erst Fahrt auf und spann (nicht zuletzt dank eines mythologisch und naturkundlich beneidenswerten Wissens) zuhauf Ideen, sodass seine Gesprächspartner nur schwer hinterher kamen. Selbstredend floss viel davon in seine Dichtung ein, in der sich Astel vornehmlich als Epigrammatiker über die Region hinaus einen Namen gemacht hat.


Seine seit vielen Jahren im Internet unter dem Titel „Sand am Meer“ zugänglich gemachten, von ihm als „Sinn- & Stilübungen“ apostrophierten Gedichte wurden – je altersweiser er wurde – immer öfter zur Schatzkammer des Sagbaren von eigentlich Unsagbarem. Weil Astel, in den standhaftesten seiner in die Tausende gehenden Kurzgedichte, der Epiphanie des Augenblicks huldigte – einem der literarisch schwierigsten Geschäfte. Ging es ihm doch oft genug darum, „das Nichtbeachtete zu achten; auch in Zeiten, wo es oft verachtet wird“ – wie Astel 2011 in seiner Dankesrede für den ihm verliehenen Gustav-Regler-Preis sein schriftstellerisches Ideal umriss.

Der Einfluss, den Astel lange Zeit auf die saarländische Literatur hatte, lässt sich kaum unterschätzen. Nicht alleine deshalb, weil er 30 Jahre lang die Literaturabteilung des SR prägte, als deren äußerst streitbarer, wiewohl höchst origineller Kopf. Sondern auch durch sein legendäres, von 1979 bis 1995 an der Saarbrücker Uni gehaltenes Schreibseminar „Einhornjagd & Grillenfang“, aus dem (wenngleich in einer gewissen Selbstüberschätzung ihrer Eleven) die sogenannte „Saarbrücker Schule“ hervorging – eine Reihe mehr oder weniger talentierter Astel-Jünger, zu denen etwa Klaus Behringer, Martin Bettinger, Helge Dawo, Erhard Schmied und Wolfgang Stauch gehörten.

1933 in München geboren, studierte der in Weimar und Mittelfranken aufgewachsene Astel in Freiburg und Heidelberg Literatur und Biologie, um anschließend zunächst als Hauslehrer, später kurzzeitig als Lektor seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Bereits mit Mitte 20 gab er in Heidelberg die „Lyrischen Hefte“ heraus – eine bis 1970 bestehende Zeitschrift im Zeichen alter und neuer Gedichte, in der Astel unter dem Pseudonym Hans Remus auch eigene Texte publizierte. In gewisser Weise ebneten die „Lyrischen Hefte“ seinen weiteren Weg, der ihn 1967 dann auf den Saarbrücker Halberg führte. Bundesweite Berühmtheit erlangte Astel dort, als der damalige SR-Intendant Franz Mai seinem unbotmäßigen, politisch weit links stehenden Literaturredakteur Anfang der 70er fristlos kündigte und Astel zuletzt von einer Welle publizistischer Solidarität und arbeitsgerichtlichen Prozessen wieder in Amt und Würden gespült wurde. Sein 1978 bei Zweitausendeins erschienener Band „Neues (& altes) vom Rechtsstaat & von mir. Alle Epigramme“ bündelte sein politisch aufgeladenes Frühwerk.

Nicht wenige der darin gesammelten Texte lebten vom Gestus des Bürgerschrecks und hatten, als oftmals mit Kalauern und Klischees operierende Stehgreiflyrik, nur eine kurze Halbwertzeit. Umso bemerkenswerter war dann die weitere schriftstellerische Entwicklung Astels. Je mehr er seine politische Gebrauchsdichtung hinter sich ließ und diese Mythologie & Etymologie sowie Flora & Fauna Platz machte, desto mehr gewann seine Literatur an Tiefe. Nach dem Freitod seines ältesten Sohnes Hans nahm Astel 1985 dessen Vornamen an und nannte sich Hans Arnfrid Astel. Seine Literatur wurde mit den Jahren immer inniger und grundsätzlicher. Warf immer mehr Ballast ab, konzentrierte sich (zumal in seinen Haikus) oft auf einen einziges Bild, ein Paradox, einen Moment.



Am 13. April diesen Jahres sollte Astel, der 2000 reichlich spät mit dem Kunstpreis des Saarlandes ausgezeichnet worden war, nun in einer Feierstunde der Ehrentitel „Professor“ verliehen werden. Als dies bekannt wurde, fühlte man sich ein wenig an seine Worte anlässlich der Regler-Preisverleihung erinnert. 2011 ließ er es sich in Merzig nicht nehmen, der Festgesellschaft mitzuteilen, dass Unbequeme wie etwa der aus Merzig stammende Gustav Regler (1898-1963) erst lange verdammt würden, um sie dann zu Zeiten einer anderen politischen Großwetterlage quasi heiligzusprechen.

Dabei steht außer Frage, dass Astel im Saarland viele Spuren hinterlässt. Mit seinem SR-Format „Literatur im Gespräch“ hat er Rundfunkgeschichte geschrieben – weil er vorführte, wie anregend Radio sein konnte. Und mit manchen Epigrammen und Haikus hat er – dem große Bauarbeiten am Text, das übliche Feilen, Hobeln und neu Verfugen stets fremd blieb -– dafür Empfängliche zu lehren versucht, das Gültige im Flüchtigen zu erkennen und Dinge zu vereinigen, die so noch in keinem Gedankenbett beieinander lagen. „Es geht nichts verloren/ man verliert es nur/ aus den Augen/ die Augen gehen verloren/ verloren geht alles“, schrieb er einmal in seiner typischen Astelschen Dialektik. Nun vereinen diese Worte auf enigmatische Weise Trost und Trauer.

Schriftsteller Arnfrid Astel im Jahr 2011.
Schriftsteller Arnfrid Astel im Jahr 2011. FOTO: Rolf Ruppenthal / rup