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Der Saarbrücker Comic-Zeichner Erik
„Eine gewisse Naivität braucht man“

 Eine Schicksalsgöttin zeigt dem Flieger Chris 1928 die Zukunft: ein Kreislauf von Zerstörung, Revanchismus und wieder Zerstörung. Eine Seite aus dem vierten Band „Das Feuer der Ormuzd-Schale“.
Eine Schicksalsgöttin zeigt dem Flieger Chris 1928 die Zukunft: ein Kreislauf von Zerstörung, Revanchismus und wieder Zerstörung. Eine Seite aus dem vierten Band „Das Feuer der Ormuzd-Schale“. FOTO: Erik / Kult Comics / Erik
Saarbrücken. Nach zehn Jahren Arbeit hat der Saarbrücker Comic-Zeichner Erik seine Reihe „Deae ex Machina“ abgeschlossen: 400 Seiten in fünf detailprallen Bänden – aber fast hätte die Saga ihr großes Finale nicht gedruckt erlebt. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

„Und dann ist mit das Schlimmste passiert, was überhaupt passieren kann“, sagt Erik. Bei dem Satz sieht der Saarbrücker Comic-Künstler aber ziemlich zufrieden aus – denn alles hat ja doch ein gutes Ende gefunden, auch wenn es zwischendurch nicht danach aussah. Seine Comic-Saga „Deae ex Machina“ ist nun doch komplett erschienen, nach zehn Jahren Arbeit, mit 400 Seiten in fünf handlungs- und detailprallen Bänden – veröffentlicht ungewöhnlicherweise bei zwei Verlagen: Band 1 bis 3 bei Epsilon, Band 4 und 5 bei Kult Comics.


Wie kam’s?  Da muss man ein wenig ausholen. 2009 veröffentlicht Zeichner/Texter Erik (bürgerlich Frank Erik Weißmüller) den ersten Band seines episch angelegten Comics – nicht auf Papier, sondern auf seiner Internetseite, ohne Bezahlschranke, kostenlos. Das Ziel: erst einmal Aufmerksamkeit zu finden für seine ambitionierte Geschichte um Schicksalsgöttinen und Katastrophen auf verschiedenen Zeit­ebenen der Menschheitsgeschichte (siehe Text rechts); und vielleicht auch Geld zu verdienen, mit Anzeigen auf seiner Seite. „Ich dachte, das läuft – was natürlich naiv war. Aber eine gewisse Naivität braucht man, sonst lässt man ja es gleich bleiben.“ Immerhin Ziel Nummer 1, die Aufmerksamkeit,  erreicht  er damals schnell – der renommierte Epsilon-Verlag ist angetan, bringt die ersten drei Bände heraus, gerät dann aber, wie Erik erzählt, „als ambitionertes Ein-Mann-Unternehmen mit großem Programm“ in finanzielle Probleme. An den „Deae“ hätte das nicht gelegen, versichert Erik, denn die hätten sich ordentlich verkauft, „zumindest aus der Perspektive eines Kleinverlags“; Dimensionen wie etwa beim Branchenriesen Carlsen wären das aber auch wieder nicht.

       Comic-Künstler Erik. 2008 zeichnete der Saarbrücker das erste Bild seiner „Deae“-Reihe.
Comic-Künstler Erik. 2008 zeichnete der Saarbrücker das erste Bild seiner „Deae“-Reihe. FOTO: Tobias Keßler


Die Folge der Verlagsprobleme: „Der fertige vierte Band lag ein Jahr in der Schublade.“ Schmerzhaft frustrierend für den 55-Jährigen – und eben „mit das Schlimmste, was passieren konnte“. Bis der Verlag Kult Comics ihn anspricht, hohes Interesse bekundet und die zwei finalen Bände herausbringt. An der Verteilung des Werks auf zwei Verlage sollten sich nun nicht einmal härteste Comic-Puristen stören, denn die Gestaltung vom Einband bis zu den Seiten ist gleich, „sogar der Qualitätsgrad des Papiers ist identisch“, sagt Erik.

FOTO: Erik

Zehn Jahre Arbeit an einem Comic – ändern sich da nicht im Lauf der Zeit Stil oder Pinselstrich, so dass man als Künstler am Ende vielleicht nochmal die Anfänge überarbeiten will? „Leser sagen mir, diese 400 Seiten wirkten wie aus einem Guss“, sagt Erik, „das freut mich, aber ich sehe das etwas anders“. Die Figuren und der Strich der Zeichnungen seien schon konstant. „Aber das für mich Schwierigste ist mir über die Jahre immer leichter gefallen: die Details, Licht, Schatten, Strukturen, Fell etwa – da kommt man immer weiter.“ Schließlich „ist es ja ein Handwerk“, sagt Erik, ein Freund des Unprätentiösen.

FOTO: Erik

Als das letzte Bild fertig getuscht und coloriert war, da habe er „ein paar Tage lang eine Leere gespürt, das ist schon eine Zäsur“. Schließlich hatte er sein Leben jahrelang nach den „Deae“ ausgerichtet: Erik kommt aus der Werbung, hatte früher in Düsseldorf gearbeitet und nun über Jahre eine Halbtagsstelle in einer Saarbrücker Agentur: Das finanzierte ihm ein Leben (ohne Luxus), der Rest des Tages galt der Comic-Kunst. „Das war die einzige Möglichkeit – von Comics alleine können in Deutschland nur Wenige leben.“ So weitermachen, halb Brotberuf, halb Comic-Kunst, will er nicht mehr. „Ich muss nicht nochmal so ein Ding angehen.“

Worum er sich nun verstärkt kümmern will, ist die internationale Vermarktung seiner Arbeit. Ein Verlag aus Belgien, dem Mutterland der Comics, bringt den ersten Band von Eriks zweiter Reihe heraus – den Abenteuern des Pariser Privatdetektivs Dédé (Band fünf ist in Vorbereitung). Dessen Debüt „Sind Sie tot, Madame“, das bei uns 2010 herauskam, wird in Flämisch erscheinen, Erik hofft auf eine Veröffentlichung danach in Französisch – was auch ein symbolischer Erfolg wäre, ist Frankreich doch eine Art gelobtes Land für Comic-Künstler, ein großer Markt dazu und auch Teil von Eriks Comics-Sozialisierung. Bis heute. Beim jüngsten Urlaub in der Bourgogne kaufte er einen Second-Hand-Laden leer, „das Auto ging kaum noch zu“. Sein aktueller Tipp: „Der neue Corto Maltese ist toll.“ Und die aktuelle „Tarzan“-Neuausgabe.

Es waren eben nicht nur die frankobelgischen Comics, die Erik zur Comic-Kunst führten. Auch die Marvel-Hefte, deren Schöpfer Stan Lee, der Vater von Spider-Man, Thor, Black Panther und vielen heroischen Kollegen, vor einigen Monaten gestorben ist. Als Achtjähriger hat Erik erste Marvel-Hefte  gelesen („bei uns hießen die ‚Hit-Comics‘ damals“). Vier, fünf Jahre lang las er sehr intensiv, „Lee hat in andere Welten entführt. Aber irgendwann ist es halt rum, man wächst da heraus und braucht keine Superhelden mehr.“ Erik hat ja seine Schicksalsgöttinnen, deren Abenteuer trotz Finale nie ganz zu Ende gehen. Für die Buchmesse in Leipzig ab 21. März hat er einen Schuber entworfen, besondere Vorzugsexemplare gibt es auch zu gestalten – „so ganz lassen die Drei einen dann doch nicht los“.

Kontakt und viele Informationen:
www.eriks-comics.de