| 20:18 Uhr

Jam-Session mit üdamerikanischer Musik in Saarbrücken
Brasilianische Leichtigkeit bei deutschem Bier

Hier steht nicht Perfektion, sondern Spaß im Vordergrund: Teilnehmer der „Roda de musica brasileira“ im Saarbrücker Café Ubu. Vorne rechts: die Initiatoren Dietmar Kunzler und Wolfgang Weber.
Hier steht nicht Perfektion, sondern Spaß im Vordergrund: Teilnehmer der „Roda de musica brasileira“ im Saarbrücker Café Ubu. Vorne rechts: die Initiatoren Dietmar Kunzler und Wolfgang Weber. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Freunde brasilianischer Musik treffen sich ein Mal im Monat in Saarbrücken zu einer so genannten „Roda“, um zusammen zu spielen. Weitere Musiker sind herzlich willkommen. Von Esther Brenner
Esther Brenner

Draußen ist es an diesem Märztag ungemütlich kalt. Doch drinnen im Café Ubu in der Mainzerstraße steigt die Temperatur ab 19 Uhr minütlich. Um die zehn Musiker – alles Laien – haben sich um einen Tisch versammelt, die ersten Drinks des Abends sind schon bestellt, Noten liegen auf dem Tisch, Instrumente überall. Seit Herbst trifft sich die bunt zusammengewürfelte Gruppe ein Mal im Monat zu einer „Roda de choro“. Das ist eine Art Jam Session für brasilianische Volksmusik – und jeder, der eine Rassel halten kann, ist eingeladen mitzumachen. Denn hier trifft die deutsche Polka auf den brasilianisch-afrikanischen Groove. Der Choro entstand um 1870 in Rio de Janeiro. In ihm verschmelzen die Musik eingewanderter Europäer und die Rhythmen der nach Südamerika verschleppten afrikanischen Sklaven zu einem ganz eigenen Stil.


Es holpert erst ein bisschen, die Gruppe muss sich zusammenfinden, den gemeinsamen Rhythmus treffen. Dietmar Kunzler sitzt mit seinem Instrument am Tischende. Der Gitarrist und Sänger gibt ein paar Einsätze. Neben ihm spielt Wolfgang Weber das Pandeiro. Die Rahmentrommel mit Schellen ähnelt einem Tambourin und ist ebenso wie die große Surdo-Trommel ein klassisches Samba-Instrument – und gar nicht so einfach zu erlernen. Die beiden sind schon lange Fans brasilianischer Musik und haben die Roda ins Leben gerufen. Sie veranstalten zudem mit dem Verein „Kultur und Gitarre“ alljährlich das Festival „Momentos do Brasil“ mit vier Konzerten in der Region, wie Kunzler erzählt.

„In den letzten Jahren hatten wir eine richtige Choro-Explosion“, sagt der Gitarrist. In vielen Städten fänden mittlerweile regelmäßig Rodas statt. Die Szene sei gut vernetzt. Udo Blotenberg zum Beispiel ist an diesem Abend mit seinem Pandeiro aus Köln angereist. Severino kommt, weil er die Musik seiner Heimat vermisst, genauso wie Ricardo aus Rio de Janeiro. Er spielt Saxofon und Klarinette. Das sind neben dem Bandolim (Mandoline) und der Chavaquinha (einer kleinen viersaitgen Gitarre), zwei der die Melodie tragenden Instrumente der Choro-Musik. An diesem Abend ist auch ein begabter Flötist dabei, der ein paar Soli übernimmt. Ein Keyboarder hat seine kompakte Tastatur neben dem Tisch aufgebaut, Susanne singt – aber erst gegen Ende des musikalischen Abends. „Grundsätzlich können hier alle Instrumente mitspielen. Wir sind da ganz offen“, sagt Weber.



Rund 500 Choro-Standards gibt es ungefähr, weiß Kunzler. Vor jeder Roda schickt er den Teilnehmern die Stücke, die man an dem Abend zusammen ausprobieren möchte. „Deshalb ist es gut, wenn man sich vorher bei mir anmeldet. Es muss hier aber niemand perfekt spielen können“, betont Kunzler. Aber eine gemeinsame Grundlage muss sein. Und so klingt der erste Choro dann auch erstmal noch ziemlich schräg. Im Laufe des Abends wird es harmonischer, die Runde spielt sich ein, trinkt noch ein Bierchen, wird locker. Es wird viel gelacht. Und wenn’s mal ganz in die Hose geht, fängt die zusammengewürfelte Band einfach nochmal von vorne an. Man nimmt es eben mit brasilianischer Leichtigkeit.

Im Laufe des Abends kommt immer mal wieder jemand neues hinzu, greift sich ein Percussion-Instrument und macht mit. Vor allem den brasilianischen Teilnehmern fällt das leicht, ihnen liegt der Rhythmus im Blut. Es ist eine Freude, ihnen zu zuschauen. „Bei uns wird viel Musik gemacht, gesungen und getanzt“, erzählt Andi, der aus einer Stadt im brasilianischen Bundesstaat Bahia kommt und seit vielen Jahren in Deutschland lebt. „Ich vermisse das“, sagt er. „Brasilien – das ist Musik!“. Und auch Tiago treibt die Sehnsucht nach brasilianischer Lebensfreude zur Roda. „Bei uns spielen sie diese Musik jeden Tag, an jeder Ecke“, sagt der 29-jährige IT-Spezialist aus Rio.

Es ist 21.30 Uhr. Jetzt wird Samba und Bossa Nova gespielt. Rund 30 Zuhörer sitzen im Ubu, es wird viel gesungen und schließlich hält es die Gruppe der Brasilianer(innen) nicht mehr auf ihren Stühlen, sie stehen auf und tanzen Samba. Die meisten einheimischen Gäste – nun ja – wippen verhalten, aber wohlig schmunzelnd immerhin mit den Füßen. Die Roda de choro wird endgültig zur Roda de samba und wer die Texte der brasilianischen Standards wie zum Beispiel dem unvermeidlichen „Girl from Ipanema“ nicht kann, summt zumindest mit.