Krieg ist, wenn Künstler kapitulieren

Krieg ist, wenn Künstler kapitulieren

Wir sind auf die Inszenierung des Monströsen gefasst, wenn es um den Ersten Weltkrieg geht. Ganz anders, nämlich unaufgeregt und besonnen, kommt die Ausstellung „Euphorie und Untergang“ in der Modernen Galerie daher. Sie schöpft ausschließlich aus eigenen Beständen und stellt Künstler-Biografien vor.

Wassily Kandinsky ließ sich nicht anstecken. Als ihm sein "Blaue Reiter"-Kollege Franz Marc von der "erneuernden" Wirkung des großen Krieges auf die Kunst vorschwärmte, erwiderte der Russe: "Der Preis dieser Säuberung ist entsetzlich." Kandinsky ist im Wechselpavillon der Modernen Galerie nicht vertreten. Kuratorin Mona Stocker hätte, wie sie sagt, doppelt so viele Werke wie die jetzt versammelten aus der Saarbrücker Sammlung zum Thema zusammenstellen können. 90 hat sie ausgesucht, von 15 Künstlern, aus der Zeit zwischen 1911 und 1924. Darunter sind nur wenige Gemälde, die Grafik dominiert, was einer Überinszenierung vorbeugt. Die Dezenz tut dem Thema gut.

Der Erste Weltkrieg (1914-1918), er gehört zur Biografie fast aller großen Künstler der Klassischen Moderne von Kokoschka über Kirchner bis Klee. Wie wenig präsent uns dies ist und warum, es lässt sich in der Modernen Galerie nachvollziehen: Der Krieg führte bei den Wenigsten zu einer markanten stilistischen Zäsur. Und nur selten wurde er zum werkbeherrschenden Sujet wie bei Otto Dix. Der verbrachte drei Jahre als Maschinengewehrschütze, hielt Horrorszenen auf Leichenbergen und in Drahtverhauen fest. Bis 1934 arbeitete er sich obsessiv am Thema ab. Ähnlich Käthe Kollwitz. Ihre Holzschnitte ineinander verkrallter Trauer-Gruppen von Müttern und Eltern, die man schnell als zu konventionell empfindet, man sieht sie im Kontext dieser Ausstellung mit frischen Augen. Spürbar wird die Wucht der Schmerzen einer unter Schuldgefühlen ächzenden Mutter. Denn Kollwitz hatte ihrem kriegsversessenen Sohn Peter nachgegeben. Der zog im Oktober 1914 an die flandrische Front, zwei Tage später war er tot, er fiel als Erster seiner Kompanie. Es sind Geschichten wie diese, die hinter den Kunstwerken auftauchen, selbst wenn sie vordergründig kein Kriegsgeschehen schildern. Sei es, dass Ludwig Meidners aufgewühlte Großstadt-Bilder von 1913, sein "Bombardement zischender Fensterreihen, hüpfender Kugeln und Menschenfetzen" die Zerstörungswut des Krieges vorwegzuatmen scheinen. Sei es, dass Max Pechsteins Südsee-Gemälde "Abfahrt Palau" (1917) davon zeugt, wie rabiat der Künstler seine Kriegserlebnisse an der Somme, die er 1916 in Zeichnungen festhielt, nach seiner Front-Entlassung verdrängt. Für immer. Und dann sind da diejenigen, die nicht zurückkehrten: Albert Weisgerber, Franz Marc, August Macke - auch daran wird man hier erinnert.

"Euphorie und Untergang" stellt keine neue steile These auf, sondern folgt unaufgeregt biografischen Spuren und künstlerischen Handschriften, die sich kaum verallgemeinern lassen. Die Mehrheit machte allerdings nicht nur als Soldat eine erschütternde Ohnmachtserfahrung. Auch als Künstler wurden sie in die Seh-Kerker der Schützengräben gezwungen, in einen brutal banalen Schrumpfkosmos, in ein schlammiges Grau-in-Grau. Vorbei war's mit dem adrett-bunten Panoramen der Schlachtenmalerei des 19. Jahrhunderts. Max Slevogt, der sich selbst als Kriegsmaler an die Front befördert hatte, kapitulierte nach wenigen Wochen, nahezu brüskiert von der eigenen Erkenntnis: Aus der "Feldschlächterei" sei nichts "herauszuholen".

Tatsächlich vermitteln in diesem Krieg erstmals Fotos und Film dokumentarische Eindrücke. Die Saarbrücker Schau nutzt diesen Umstand nicht, konzentriert sich auf die Kunst. Es gereicht ihr zum Vorteil. Denn das realistische Grauen 1914/18 ist das Eine, die Aura des Krieges das Zeitlose: "In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt/ Und den Mond zerdrückt er …" (Georg Heym)

Bis 28. September; Di-So zehn bis 18 Uhr, Mi bis 22 Uhr Bismarckstraße 11-15. Heute Vernissage um 19 Uhr.