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Kreativ hinter Gittern

Leslie Huppert (r.), Monika Schrickel und einer der am Kunstprojekt beteiligten Häftlinge im neu gestalteten Funktionsraum. Foto: Maurer
Leslie Huppert (r.), Monika Schrickel und einer der am Kunstprojekt beteiligten Häftlinge im neu gestalteten Funktionsraum. Foto: Maurer FOTO: Maurer
Saarbrücken. Im Zuge der Erweiterung der Justizvollzugsanstalt in Saarbrücken sind seit 2011 verschiedene Kunstprojekte realisiert worden. Saarländische Künstler gestalteten dort mehrere Räume gemeinsam mit Häftlingen. Esther Brenner

Kahle Wände, triste Farben - das erwartet man von einem Besuch im Gefängnis. Stattdessen ein Flur voller Kunst: Gemälde, Drucke Skulpturen. Vor den Büros der Haftanstalts-Leitung sind die Kunstwerke zu bewundern, von denen die meisten im Rahmen des Workshop-Projektes "Kunst im Knast" entstanden sind, das seit 1998 geleitet wird von der Völklinger Künstlerin Christel Traut. Seit der rund 29 Millionen Euro teuren Erweiterung und Sanierung der Justizvollzugsanstalt im Saarbrücker Lerchesflurweg - das neue Haftgebäude wurde im April 2011 bezogen - kommen aber auch die Insassen in den Genuss von mehr Farbe in ihrem tristen Gefängnisalltag. Mehrere Gemeinschaftsräume und Flure wurden künstlerisch gestaltet.

Denn es standen im Zuge des Ausbaus auch 120 000 Euro für "Kunst am Bau" zur Verfügung. Das Land als Bauherr ist nämlich verpflichtet, maximal zwei Prozent der Baukosten öffentlicher Bauten für Kunst zu reservieren. Doch Kunstwerke einfach nur in Auftrag zu geben, davon riet der Kunstbeirat des Landes ab. "Es war uns wichtig, Häftlinge an der Kunst, die für das Gefängnis entsteht, zu beteiligen", erklärt Monika Schrickel, Mitglied des Kunstbeirates. Sie hat die Kunstprojekte in der JVA maßgeblich organisiert und begleitet.

Mit Johannes Lotz, Mane Hellenthal , Volker Sieben, Ila Wingen und Leslie Huppert konnten etablierte saarländische Künstler für verschiedene großformatige Projekte gewonnen werden. So bemalte Lotz Türen mit den Häftlingen, die er an den Wänden eines Werkraumes aufhängte. Volker Sieben und Ila Wingen gestalteten ein Treppenhaus, Mane Hellenthal eine Wand der Mensa. Zuletzt arbeitete Leslie Huppert im Sommer mit fünf Häftlingen an der Gestaltung eines fensterlosen rund 120 Quadratmeter großen Multifunktionsraumes, der jetzt vor Farben und Motiven sprüht, die die Teilnehmer - allesamt Maler und Lackierer von Beruf - zum Teil selbst entworfen und zu einer Wand-Collage zusammengefügt haben. "Es ging um das Thema Balance, das Leben als Balanceakt, bei dem man auch abstürzen kann", erläutert Leslie Huppert. Drei Wochen lang arbeitete sie mit den Häftlingen von morgens bis abends an dem Kunstwerk. Er sei dankbar für die Abwechslung, die das Malen in seinen Alltag gebracht habe, berichtet Häftling Markus H. (Name von der Red. geändert). "Ich hätte nie gedacht, dass ich so kreativ sein kann", sagt er. Überall im Raum haben sich die Insassen verewigt, es finden sich ihre (vergrößerten) Fingerabdrücke wieder oder die Motive ihrer Unterarmtattoos sowie ihre Köpfe. Viel Selbstironie, aber auch die Reflektion der eigenen Situation steckt in dieser Kunst, der Leslie Huppert zwar die Form, nicht aber den Inhalt gab.

"Wir haben die Motive zusammen entwickelt", erläutert sie. Und so trägt eine mehrarmige Justitia, die Waage in der Hand, den Kopf eines Häftlings und schultert gleichzeitig wie der Titan Atlas das Himmelsgewölbe. Viele Figuren recken die Arme nach oben als wollten sie fliegen, suchen ihr Gleichgewicht, balancieren zum Beispiel auf einem Skateboard durch flirrende Farben und wilde Graffiti-Tags. Eine Riesen-Blume spuckt sinnige Sprüche über die Freiheit aus. Eine weitere 18 Meter lange Wandinstallation thematisiert Visionen und Träume von Inhaftierten. Wer so eng mit Insassen in Berührung kommt, erfährt viel Persönliches. Es sind Lebensgeschichten voller Brüche, Verletzungen, Gewalt, sagt Huppert. Ja, es sind Täter, mit denen man es hier zu tun habe - aber eben auch Menschen mit eigenem kreativen Potenzial, findet die Künstlerin. Es beim Malen zu entdecken und zu stärken war Ziel der Projekte. Zurzeit wird zudem ein "Poetry Slam"-Workshop angeboten mit den Autoren Nelia Dorscheid, Mark Heydrich und Andreas Dury.

"In wie weit ein Kunstprojekt ein Beitrag zur Resozialisierung sein kann, ist schwer zu sagen", meint JVA-Leiter Pascal Jenal. Es gehe aber darum, Impulse zu setzen und das Selbstbewusstsein zu stärken, denn viele der Häftlinge hätten in ihrem Leben selten etwas zustande geschweige denn zu Ende gebracht. "Ein Bild fertig zu malen ist deshalb für manche ein großes Erfolgserlebnis."