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Leitartikel
Angela Merkel führt eine Koalition ohne Richtlinie

FOTO: SZ / Robby Lorenz
In der SPD brodelt es wegen der Causa Maaßen. Zumal die Partei jetzt gerade im Kampf gegen Rechts klare Kante zeigen will und der Verfassungsschutzpräsident auch in diesem Zusammenhang tatsächlich untragbar geworden ist. Von Stefan Vetter

Doch riskieren die Sozialdemokraten dafür tatsächlich den Koalitionsbruch, wie es einige Genossen lautstark fordern? Die Entscheidung darüber ist vorerst vertagt. Doch Zweifel sind angebracht. Die Sozialdemokraten stecken hier tief im Dilemma. Eine Aufkündigung der großen Koalition, verbunden mit anschließenden Neuwahlen, würde den Rechtsdrall im Land nach allen demoskopischen Erwartungen eher noch weiter beflügeln. Und auch die SPD selbst ist eigentlich schlicht zu schwach, um sich einen Regierungsbruch leisten zu können. Bislang hat sie jedenfalls immer nur den Mund gespitzt. Aber zum Pfiff ist es nicht gekommen.


Für eine „neue Dynamik“ im Land war die große Koalition Nummer Drei unter Angela Merkel nach eigenem Bekunden angetreten. „Ein neuer Zusammenhalt“ sollte sich entfalten. So steht es schon in der Überschrift der aktuellen Regierungsvereinbarung. An diesem Freitag ist die Regierung jetzt genau sechs Monate im Amt. Doch ihren hehren Ansprüchen ist sie keinen Deut näher gekommen. Wie auch, wenn sich diese Koalition doch selbst in einem Zustand innerer Zerrissenheit befindet. Von Aufbruch, von politischer Leidenschaft in Zeiten einer großen gesellschaftlichen Verunsicherung ist jedenfalls nichts zu spüren. Davon kündet gerade auch die gefühlte Endlos-Debatte über den Fall Maaßen.

Lange Zeit galt in der Union die Devise, ein Programm sei eigentlich gar nicht nötig, man habe ja Angela Merkel. Wer die Kanzlerin in dieser Woche im Bundestag erlebt hat, bekam zu spüren, wie haltlos diese Devise inzwischen geworden ist. Die Regierungschefin wirkte müde, abgeschlafft und antriebslos. Wohl auch wegen der vielen kräftezehrenden Auseinandersetzungen innerhalb der Union. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Da konterkariert ein Verfassungsschutzpräsident öffentlich Merkels Einschätzung über rechtsextremistische Umtriebe in einer sächsischen Großstadt, und der eigene Bundesinnenminister in Gestalt von CSU-Chef Horst Seehofer gibt dazu auch noch seinen Segen. Doch Merkel tut so, als sei da nichts gewesen. Augen zu und durch. Das ist auch eine Art von eklatantem Autoritätsverlust der Kanzlerin. Die Kunst des Moderierens ist zweifellos Merkels Stärke. Doch stärker denn je ist Führung gefragt. Dafür ist Merkel offenkundig nicht gemacht.



Selbst wenn sich Maaßen noch unter „freiwilligem Zwang“ selbst zurückzöge, was für SPD und Union gleichermaßen eine gesichtswahrende Lösung wäre, ist die große Koalition nicht aus dem Schneider. Merkel hat zwar die Richtlinienkompetenz. Aber Richtlinie und Richtung sind nicht erkennbar. Die große Koalition von Union und SPD wirkt insgesamt orientierungslos. Und die nächste Krise kommt bestimmt.