Kein Krieg im Kiez

Berlin. Es klang wie Krieg im Kiez: Wegen Gewaltdrohungen aus der Szene hatte die amerikanische Guggenheim Stiftung im März ihr reisendes Forschungslabor im Berliner Multikulti-Viertel Kreuzberg absagen müssen. Stattdessen schlug das BMW Guggenheim Lab sein Lager mit einiger Verspätung im bürgerlichen Prenzlauer Berg auf

 Eine Art Nachdenk-Container: das Stadtplanungslaboratorium Guggenheim Lab im Stadtteil Prenzlauer Berg. Foto: Matthias Balk / dpa

Eine Art Nachdenk-Container: das Stadtplanungslaboratorium Guggenheim Lab im Stadtteil Prenzlauer Berg. Foto: Matthias Balk / dpa

Berlin. Es klang wie Krieg im Kiez: Wegen Gewaltdrohungen aus der Szene hatte die amerikanische Guggenheim Stiftung im März ihr reisendes Forschungslabor im Berliner Multikulti-Viertel Kreuzberg absagen müssen. Stattdessen schlug das BMW Guggenheim Lab sein Lager mit einiger Verspätung im bürgerlichen Prenzlauer Berg auf. Nach sechs Wochen Laufzeit geht das Projekt am Sonntag zu Ende - aller Voraussicht nach friedlich und in aller Ruhe. Im Nachhinein ist kaum mehr vorstellbar, wie Bastelkurse, Gärtnern und Gutmenschen-Gespräche so viel Aufregung provozieren konnten. "Nach den Debatten im Vorfeld bin ich wirklich ein bisschen enttäuscht, dass wir keine härteren und kontroverseren Diskussionen hatten", sagte der Berliner Programm-Manager Lutz Henke am Freitag in einer ersten Bilanz. Kuratorin Maria Nicanor meinte: "Vielleicht haben wir mehr von Berlin gelernt als Berlin von uns."Das Projekt ist ambitioniert: Mit drei Laboren in neun Weltstädten will die Guggenheim-Stiftung innerhalb von sechs Jahren Vorschläge für das Leben in den "Megacities" der Zukunft erarbeiten. In Berlin nahmen bis zum Abschlusswochenende rund 24 000 Menschen an den 300 Veranstaltungen teil - etwa 570 Besucher pro Tag. Bei der ersten Station in New York im vergangenen Jahr waren es mehr - rund 800 Menschen täglich.

"Wir wären ungerecht zu uns selbst, wenn wir unseren Erfolg nur an den Leuten messen würden, die ihren Hintern hier auf einen Stuhl gesetzt haben", sagt Teammitglied Rachel Smith aus Australien, die mit ihrem Internetblog ein weltweites Publikum angesprochen hat. Es sei darum gegangen, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und verändern könnten. "Alles andere wäre Predigen vor Bekehrten."

In ihrem Leichtbau-Labor im idyllischen Hinterhof des Kulturzentrums Pfefferberg bot das fünfköpfige Expertenteam ein buntes Potpourri unterschiedlichster Veranstaltungen: Fahrradkurse für Frauen und Tai-Chi, Spiele und Selbsterfahrung, Roboter bauen und Kaffeeröster basteln, aber auch Diskussionen um die Zukunft des verlotterten Berliner Publikumsmagneten Checkpoint Charlie, Vorträge zur Mitmach-Demokratie und ein Langzeitprojekt zur Erfassung ungenutzter Räume in der Stadt. "Wie eine kostenlose Sommeruniversität im Kleinen", sagt Kuratorin Nicanor, die mit der Publikumsresonanz durchaus zufrieden war. Die unterschiedlichsten Menschen seien gekommen: ältere Hausfrauen, neugierige Senioren, Nachbarn aus dem Viertel, Familien mit Kindern. Nur die Kritiker vom Anfang ließen sich kaum blicken. Sie hatten geargwöhnt, dass ihr Kreuzberger Viertel durch das Labor aufgewertet und damit für die bisherigen Mieter zu teuer werde - die gefürchtete "Gentrifizierung".

 Eine Art Nachdenk-Container: das Stadtplanungslaboratorium Guggenheim Lab im Stadtteil Prenzlauer Berg. Foto: Matthias Balk / dpa

Eine Art Nachdenk-Container: das Stadtplanungslaboratorium Guggenheim Lab im Stadtteil Prenzlauer Berg. Foto: Matthias Balk / dpa

Für den italienischen Wissenschaftler Carlo Ratti vom Massachusetts Institute of Technology, der Kurse über die Wechselwirkung zwischen Architektur und Mensch anbot, war der Protest im nachhinein das Beste: "Er hat gezeigt, wie drängend die Zukunftsfragen unserer Städte wirklich sind." Und auch das Verhalten des ebenfalls gescholteten Geldgebers BMW konnte Ratti nur loben: "BMW war als Sponsor großartig - die sind kein einziges Mal hier aufgetaucht." dpa

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