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Kaum vorstellbare Dimension

Peter Stefan Herbst

Die Germanwings- Katastrophe mit 150 Toten erreicht eine kaum vorstellbare Dimension. Der Co-Pilot soll bewusst den Sinkflug eingeleitet und absichtlich den Airbus A 320 zum Absturz gebracht haben. Das Unglück wäre dann ein ungeheuerliches Verbrechen. Die gestern veröffentlichten Details zum Ablauf der Tragödie lassen für Ermittler, Verantwortliche und viele Experten keine andere Deutung zu. Danach hat der Co-Pilot fünf Kollegen und 144 Passagiere, für deren Sicherheit er als Flugzeugführer verantwortlich war, mit sich in den Tod gerissen. Die Auswertung des Stimmenrekorders scheint eindeutig und unfassbar zugleich. Dennoch bleiben Fragen offen - nicht nur zu den Hintergründen der Tat und den Motiven des mutmaßlichen Täters. Vieles spricht für seine Schuld, aber noch längst ist nicht alles geklärt. Dem noch fehlenden Datenrekorder kommt eine besondere Bedeutung zu. Dessen Aufzeichnungen können weitere wichtige Details liefern. Die aktuellen Informationen und Deutungen sind lediglich ein vorläufiger Zwischenstand. Schnelle Aufklärung und große Transparenz sind für die Angehörigen der Opfer, Mitarbeiter von Fluggesellschaften , jeden einzelnen Passagier und die Öffentlichkeit sehr wichtig. Doch gerade bei Fragen der Sicherheit geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Deshalb ist auch übereilter Aktionismus in Folge dieser Katastrophe nicht hilfreich. Natürlich lässt sich darüber streiten, wie Zugangsmöglichkeiten zum Cockpit eines Verkehrsflugzeuges aussehen müssen. Der aktuelle Standard wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eingeführt, um Cockpit-Besatzungen besser vor Terroristen zu schützen. Die von ihnen ausgehende Gefahr ist zweifellos größer als jene durch suizidgefährdete Piloten. Bei einigen Fluggesellschaften müssen immer mindestens zwei Besatzungsmitglieder im Cockpit sein, wenn einer der Piloten seinen Platz verlässt. Doch auch dies garantiert keine absolute Sicherheit und kann sogar andere Risiken befördern. Von den vielen geäußerten Vorschlägen scheinen lediglich regelmäßige psychologische Tests und psychiatrische Gutachten für Piloten neben den praktizierten Überprüfungen des fliegerischen Könnens und des Gesundheitszustandes sinnvoll zu sein.

Nicht alles, was fachkundige oder selbst ernannte Experten nach dem Absturz vom Dienstag geäußert haben, war zutreffend und hilfreich. Spekulationen schaffen immer wieder auch unnötige Verunsicherung und belasten nicht nur die Angehörigen der Opfer. Natürlich muss die Sicherheit in der Luftfahrt breit diskutiert und weiter verbessert werden. Zur Wahrheit gehört aber, dass es - wie auch im Straßen- oder Bahnverkehr - niemals eine absolute Sicherheit geben wird.