Karlheinz Blessing: Die Saar-Hütten sind gut aufgestellt für die Zukunft

Karlheinz Blessing: Die Saar-Hütten sind gut aufgestellt für die Zukunft

Der zum Jahresende scheidende Vorstandschef der Dillinger Hütte und von Saarstahl, Karlheinz Blessing, hat nach eigenen Worten in den 22 Jahren seiner Tätigkeit an der Saar „mit viel Herzblut mein Bestes getan, die saarländische Stahlindustrie wettbewerbsfähig zu machen“. Sie sei nicht zu klein, um auch langfristig zu überleben, sagte Blessing im Gespräch mit SZ-Redakteur Thomas Sponticcia.

Glückwunsch zur Berufung als Personalvorstand bei VW . Was reizt Sie an der neuen Aufgabe?

Blessing: Das ist eine Riesen-Chance. Die aufgetretenen Probleme bringen jetzt Möglichkeiten zur Veränderung und Gestaltung mit sich - gemeinsam mit anderen Führungskräften im Unternehmen. Für einen Manager, der seinen Beruf mag, ist das eine Super-Herausforderung.

Was können Sie einbringen?

Blessing: Meine Erfahrungen, insbesondere auch aus der Zeit in der hiesigen Stahlindustrie. Wir haben zahlreiche erfolgreiche Restrukturierungs-Maßnahmen hinter uns gebracht und Strukturen verändert. Zudem habe ich viele Erfahrungen mit der Mitbestimmung, verfüge über unternehmerisches Denken und auch ein Stück Politik-Erfahrung.

Wann treten Sie Ihr Amt an?

Blessing: Zum 1. Januar 2016.

Warum verlassen Sie die Dillinger Hütte und Saarstahl? Alle wesentlichen Strukturen sind auf Sie als Chef zugeschnitten worden. Das Umfeld durch den Wettbewerb wird für die Saar-Hütten immer gefährlicher.

Blessing: Die Hütten waren nicht nur auf eine Person zugeschnitten. Dr. Michael Müller ist ein sehr aktiver Aufsichtsratsvorsitzender und Vorsitzender der Holding. Fred Metzken ist ein mächtiger Finanzvorstand. Wir haben Vertrieb und Produktion sowohl in Dillingen als auch bei Saarstahl sehr gut besetzt. Die Mannschaft ist in Ordnung. Wir haben alles gemeinsam hinbekommen, auch wenn man mich mehr im Vordergrund gesehen hat.

Gab es keine Argumente, die Sie hätten halten können?

Blessing: Eine ganze Reihe. Zum vorletzten Mal bekam ich das Angebot von VW schon vor einem Jahr. Damals waren die Argumente, an der Saar zu bleiben, sehr viel ausschlaggebender. Damals war die neue Strangguss-Anlage noch nicht fertig. Wir starteten gerade unser Umstrukturierungsprogramm, bekamen einen neuen Technikvorstand und eine neue Geschäftsführung in der Schmiede. All diese Dinge sehen heute anders aus. Steelwind ist bis Ende 2016 ausgebucht, die Stranggussanlage im Warmtest. Die wird 2016 in Betrieb gehen. Die neue Schmiede-Geschäftsführung ist gut aufgestellt und will für 2016 ein ausgeglichenes Budget vorlegen. Und wir sind mit der Restrukturierung sehr viel schneller vorangekommen als gedacht. Richtig ist, dass die Stahlindustrie in einer schwierigen Situation ist. Das wird aber in fünf und zehn Jahren auch noch so sein. In zehn Jahren wäre ich in Pension gegangen. Zweifellos ist und bleibt es schwierig, in Europa mit all den politischen Einflüssen Stahl zu produzieren. Wir haben aber gute Leute, die diese Aufgabe fortsetzen werden.

Es gibt auch nicht wenige, die jetzt sagen: Sie flüchten.

Blessing: Vor was flüchte ich denn? Glauben Sie etwa, das ist eine Fluchtburg, wo ich jetzt hingehe? Ich hätte es mir leichter machen können, wenn ich geblieben wäre in festen Strukturen. Ich suche eine neue Herausforderung. Die ist an mich herangetragen worden. Ich habe hier an der Saar 22 Jahre meinen Kopf hingehalten. Ich habe meine ganze Arbeitsleistung mit Herzblut eingebracht. Ich hatte in der Vergangenheit schon viele Anfragen, aber ich bin geblieben. Jetzt bin ich in der Abwägung von Pflichten und Chancen zu einer anderen Abwägung gekommen als in den Jahren zuvor. Das hat mit Fahnenflucht oder Verantwortungslosigkeit nichts zu tun. Ich habe mein Bestes getan, die saarländische Stahlindustrie wettbewerbsfähig zu machen.

Was kommt auf den Nachfolger zu? Die beiden unterschiedlichen Kulturen der Dillinger Hütte und von Saarstahl müssen zusammengeführt werden, das Wettbewerbsumfeld wird immer schwieriger. Das muss schon eine sehr gestandene Persönlichkeit sein.

Blessing: Es wird für den neuen Vorstandschef leichter sein als zu der Zeit, als ich angetreten bin. Die beiden Hütten sind heute näher beieinander, die Restrukturierung der Dillinger Hütte ist abgeschlossen. Es geht dort jetzt um eine saubere Umsetzung. Das Umfeld für die saarländische Stahlindustrie bleibt schwierig wegen politischer Vorgaben, die hauptsächlich in Berlin und Brüssel gelöst werden müssen. Es geht um die CO{-2}-Emisionen und Maßnahmen, wie man chinesische Importe abwehren kann.

Das Land hat Sie sehr stark unterstützt. Zuletzt sollte eine Industriestrategie auf den Weg gebracht werden, die speziell auch Sie und die Stahlindustrie stützt.

Blessing: Ich habe das Land auch stark unterstützt. Die saarländische Stahlindustrie insgesamt hat dies getan, unabhängig davon, wer an der Regierung war. Es war ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Wir haben dafür gesorgt, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben. Wir haben trotz aller Restrukturierungs-Maßnahmen in all den 22 Jahren, in denen ich da bin, niemanden betriebsbedingt gekündigt. Darauf bin ich besonders stolz.

Ist die saarländische Stahlindustrie, gemessen am weltweiten Wettbewerb, nicht zu klein, um zu überleben?

Blessing: Das hat mit Kleinheit und Größe nichts zu tun. Die saarländische Stahlindustrie ist technologisch an der Spitze. Auch das Thema Industrie 4.0 und Kooperationen in der Forschung werden stark vorangetrieben. Wir haben 2015 rund 1,8 Millionen Tonnen in Dillingen und 2,3 Millionen Tonnen bei Saarstahl erzielt. Mit Auslastungsgraden von 80, 90 und noch mehr Prozent, je nach Auftragslage. In solch schwierigen Marktverhältnissen, wie wir sie haben, ist das ein klares Zeichen, dass die saarländische Stahlindustrie hervorragend aufgestellt ist.